Der Kontrastmittler

Theater Matthias Brandt kehrt nach 20 Jahren zurück auf die Bühne. „Sachte, sachte“, will man ihm fast zurufen, so hart packt er Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ dort an

Anders als es die Popularität des Genres Literaturinszenierung an den deutschen Theatern vermuten lässt, birgt das Übersetzen von Prosa ins Theater eine Vielzahl an Fallstricken und oft geht das gar nicht gut. Oft werden die Texte banalisiert, entweiht. Bei alten Texten, die dazu noch Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte an Patina angesammelt haben, gestaltet sich die Adaption noch einmal schwieriger. Als Regisseur:in bleiben einem im Prinzip nur zwei Optionen: radikale Treue oder empfindlicher Bruch. Also entweder die Unterordnung des Mediums Theater unter die Autorität des Textes – sprich: Rezitation – oder das Aufbrechen des Texts, Anreicherung durch andere Materialien, wildes Spiel. Durch beide Methoden kann Neues entstehen – muss aber nicht.

Für ein der ersten Variante recht nahe kommendes Vorgehen hat sich Oliver Reese am Berliner Ensemble für seine Inszenierung von Max Frischs Roman Mein Name sei Gantenbein mit Matthias Brandt entschieden. Das Vorhaben brachte gleich zwei Hypotheken mit: erstens die als Sensation angekündigte Rückkehr des vor allem aus dem Fernsehen bekannten Brandt auf die Theaterbühne nach 20 Jahren; zweitens einen Romantext, der eigentlich ein Metaroman ist. Frisch, so will es die Germanistik wissen, konstruiert im Grunde das Erzählen selbst. Oder dekonstruiert es, je nachdem. Der Protagonist spielt mit den Identitäten mindestens dreier Herren – Gantenbein, Enderlin und Svoboda – und bleibt dennoch nicht-identisch mit ihnen. Das poetologische Credo: „Jedermann erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Zentral ist der titelgebende Gantenbein, der sich blind stellt, denn „einen Blinden kann man nicht hinters Licht führen“.

Alle drei haben auf verschiedenen Ebenen in verschiedener Art eine Beziehung zu der Schauspielerin Lila, die sich in der Ehe mit Gantenbein so frei fühlt, dass sie ihn schamlos betrügt, „um dieses sehr dumme Wort zu gebrauchen“, wie Frisch schreibt. Womit die nächste Schwierigkeit des Texts auftaucht. In der Figur der selbstverliebten, ihren Mann – oder ihre Männer – betrügenden Lila fühlte sich seinerzeit Ingeborg Bachmann karikiert. Die Beziehung zwischen Frisch und Bachmann verlief höchst unglücklich, durch Frischs Verarbeitung in dem Buch fühlte sich Bachmann „zerstört“.

Wie eine Gummizelle

Was also tun mit einem so komplexen Text, den auch noch ein Beziehungsstreit literaturhistorisch begleitet? Nun, Reese stellt Brandt einfach in einen holzverkleideten abgerundeten Kasten, dessen Vorder- und Rückseite offen sind. Ein kluges Bühnenbild: Es erinnert ästhetisch an die 1960er Jahre, was den Text situiert, und zugleich an eine Gummizelle, Sinnbild für den Zwang, den Identität immer darstellt. Ein Zwang, dem man durch die offenen Seiten zwar entkommen kann – allerdings nur ins Nichts.

Gut 100 Minuten lang rezitiert Brandt den Text, erzählt mit der eigenartigen doppelten Erzählinstanz aus „Ich“ und „Er“ die Leben der drei Herren und ihrer Verhältnisse mit Lila – und da ist nichts hinzugefügt, weshalb der Text in seiner ganzen Kraft erstrahlen kann. Der hörspielerprobte Brandt trägt ihn nuanciert, expressiv und kraftvoll vor. Als schütte man Kontrastmittel zwischen die Zeilen, sticht alles stärker hervor: der Witz, der Ärger, die Liebe, die Wut. Reese und Brandt haben gar nicht erst versucht, dem ganzen literaturhistorischen Anhang des Texts gerecht zu werden – eine kluge Entscheidung, müsste doch für die Darstellung von Bachmanns Position das gelten, was Frisch in der berühmt gewordenen ersten Kontaktaufnahme der Dichterin schrieb: „Wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.“

An Identitätsspielerei knausert dieser Text ohnehin nicht und die Entscheidung zur Ein-Mann-Inszenierung veranschaulicht gerade diese besonders gut, etwa wenn der eifersüchtige Ehemann nächtens des Nebenbuhlers Liebesbriefe aus Lilas Schreibtischschublade fischt und feststellt, dass er das ja selbst ist.

All das funktioniert indes ein wenig zu gut. An einigen Stellen wirkt die Inszenierung zu stark, zu glatt, zu protzig. Mitunter will man Brandt fast zurufen: „sachte, sachte“, wenn er den Text anpackt und schüttelt, dabei schreit und spuckt. Ja, aus Mein Name sei Gantenbein spricht Verzweiflung, aber eine viel leisere, als es die außerordentliche Bühnenpräsenz, die Brandt aufbringt und die fraglos eine große Leistung ist, zu erkennen gibt. Ein großes Problem ist dabei die Musik, die zu sehr Gedanken und Gefühle vorschreibt. Der Filmschauspieler Brandt und diese Filmmusik, das ist dann doch zu viel Affekt.

Andererseits ist das vielleicht das Einzige, was einem gealterten Text übrig bleibt: Show werden. Obschon hier also gute inszenatorische Entscheidungen getroffen wurden, die über weite Strecken ihre Wirkung entfalten, schießt die Inszenierung bisweilen über ihr Ziel hinaus. Minutenlanger Applaus und stehende Ovationen könnten dem Stück dennoch ein langes Leben im Repertoire des Ensembles sichern.

Info

Mein Name sei Gantenbein Max Frisch, Regie: Oliver Reese Berliner Ensemble

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