Existiere ich?

Kippbild 50 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung erscheinen Amos Oz’ frühe Erzählungen auf Deutsch

Chamsin wird der heiße Wüstenwind genannt, der Israel um diese Jahreszeit heimsucht und die Temperaturen klettern lässt. Heute helfen Klimaanlagen, doch im jungen Israel, das gerade erst seine Unabhängigkeit errungen hat, wird es kaum welche gegeben haben. In eben diesem jungen Israel wuchs Amos Klausner auf. Unter dem Namen Amos Oz ist er Israels bekanntester Schriftsteller geworden, doch als Anfang der 1960er Jahre der junge Kibbuznik seine ersten Erzählungen veröffentlicht, ahnt das wohl noch niemand. Oz, der 1939 in Jerusalem geboren wurde, war 1954 in einen Kibbuz eingetreten, wo er sich auch den neuen Namen gab. Der Name bedeutet Kraft und Stärke. Eine Verheißung war er auch für die idealistische Kibbuzbewegung und den jungen Staat Israel.

Bereits in seinen ersten Erzählungen findet Amos Oz zu den Themen, die seinen Ruhm begründen: Er schildert den bisweilen harten Alltag im Kibbuz, die immer wieder kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarn, Gegensätze zwischen den Städten Jerusalem und Tel Aviv, die Stimmung aus Hoffnung und Angst, die Israel bis heute ausmacht, besser gesagt, in diese Lage versetzt. Diese Erzählungen liegen nun unter dem Titel Wo die Schakale heulen erstmals auf Deutsch vor. Der erste Satz lautet: „Endlich legte sich der Wüstenwind.“ Die Titelgestaltung ist Programm: Zwei junge Männer mit Sonnenhut verbinden zwei Wasserleitungen.

Verrirrte und Verrückte

Und wo heulen sie nun, die Schakale? Natürlich in der Wüste – aber nicht nur. Die Schakale sind real, aber auch ein Bild. Tatsächlich taucht ihr Heulen in fast jeder Erzählung auf. Sie symbolisieren die feindselige, erbarmungslose Umwelt. Schwäche zu zeigen, konnten sich die Israelis offenkundig nicht leisten. Der Zionismus war eben nicht nur die Idee einer Heimstatt, sondern auch das Bild eines neuen Menschen: Jüdische Landwirte, jüdische Ingenieure, jüdische Handwerker – Berufe, aus denen sie in Europa und anderswo nicht allzu selten ausgeschlossen waren – sollten diese Heimstatt aufbauen. Doch die jüdische Gemeinschaft ist verletzlich und verletzt. Die Schoa liegt nicht sehr lange zurück, das erklärte Ziel der Nachbarn ist die Vernichtung Israels. Was passiert, wenn Schwäche nicht gezeigt werden darf? Sie sucht sich ihren Weg. Und so handeln Oz’ Geschichten wie nebenbei von einer neurotischen Gesellschaft. Von Verirrten und Verrückten, von hoffnungsvollen Idealisten, die plötzlich am Rad drehen, von Menschen, die kaputtgehen und von jenen, die vor Härte kaum noch Emotionen haben. Von Überforderung und Neurose. Ein resignierter, älterer Herr, der gerade plant, seinen Sohn zu verheiraten, ärgert sich über einen knatternden Motorradfahrer, der „mit Absicht“ seinen Auspuff manipuliert hat. „Und warum? Nur weil er nicht sicher ist, dass er tatsächlich existiert.“ Ein programmatischer Satz. „Der Hasser und sein Hass halten sich gegenseitig am Leben“ ist noch so ein Satz, der über seinen Kontext hinausweist, und mit denen Oz seine Erzählungen sicher nicht unfreiwillig gespickt hat.

Als Zwischentöne, wie ein Kippbild, vermengt der Autor weitere Themen, die universale Gültigkeit haben. Mit erstaunlicher Nonchalance geht es um Gewalt und sexuellen Missbrauch, Vergewaltigungen, Väter, die ihre Söhne misshandeln und zerrüttete Familien, verdrängte Homosexualität, Unterwürfigkeit und Hass, letztlich um Liebe und Tod.

Dabei überlappen sich seine Figuren bisweilen. Während jede Erzählung für sich steht, entstehen so Querverbindungen, die eine interessante Weitwinkelperspektive erzeugen. Absicht? Oder handwerkliche Griffe eines jungen Autors, der um ausgiebige Textproduktion bemüht ist? Wie dem auch sei, es tut der Qualität keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Die Figuren erzählen mehr als das Vordergründige.

Zum Beispiel Ge’ula, die sich im Kibbuz ungeschickterweise vor allem für Literatur interessiert, und Tova, die Dichterin, die Kibbuzniks für „grob“ hält; oder Nachum, der Reserve-Sanitäter, der seine Liebe zu dem brutalen Kommandanten Itsche nur in blutrünstigen Fantasien der Lebensrettung ausleben kann – und Gideon, der Fallschirmjäger, der seinem Vater nie hart genug ist. Dazu kommen geheimnisvolle Perspektivwechsel, ein nicht näher erklärter Ich-Erzähler, der sich nur gelegentlich aus der Deckung wagt.

„Aus der Ferne hörte man gedämpft das Heulen der Schakale. Die Wörter flohen ihn. Er wollte etwas sagen, etwas, für das es keine Wörter gab, das sich einen Weg zu bahnen versuchte, aber keinen fand. Ein scharfer, beißender Wind kam aus der Wüste in die Siedlungen hinein und quälte die mit Kopfsteinen gepflasterten Gassen. Die Fenster waren zu, die Rollläden heruntergelassen. Die Gullys waren mit Eisengittern verschlossen. Durch die Jerusalemer Steinbögen huschten die Nachtkatzen. Eine lange Reihe von Mülleimern fror am Straßenrand.“

Beim Lesen der Erzählungen, die nicht chronologisch geordnet wurden, wird man Zeuge, wie Amos Oz eine Sprache sucht, wie ein Schriftsteller zu seinem Stil findet. Da ist das sanfte, behutsame Zeichnen der Charaktere, die andeutungsvolle, dichte Sprache, eine fast leichtfüßige Poesie der Beiläufigkeit – und zugleich sind da dämonenhafte Schattierungen, die schlichte Beobachtungen brechen, wie das Flimmern und Flackern eines beschädigten Films.

Info

Wo die Schakale heulen Amos Oz Mirjam Pressler (Übers.), Suhrkamp 2018, 319 S., 22 €

06:00 03.06.2018

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