Geld ist für uns alle da

Literatur Eine Göttinger WG praktizierte den ganz kleinen Kommunismus. Ein neues Buch beleuchtet die Idee der Finanzkooperative
Geld ist für uns alle da
Bedient euch, am Ende ist es nur Papier

Foto: Ramzi Haidar/AFP/Getty Images

Es war einmal, Ende der Neunziger, eine WG in Göttingen. Gemeinsam beschlossen ihre Mitglieder, einen Ausflug zu unternehmen: in die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Doch die Organisation des Museumsbesuchs stellte die Freunde vor eine unangenehme Schwierigkeit: Die Ausgaben, die für den Ausflug nach Frankfurt nötig waren, schienen für einige gering, für andere jedoch hoch, zu hoch, um sie aufbringen zu können.

Aus dem Anspruch, allen Bewohnen der Göttinger WG den Ausflug zu ermöglichen, wurde eine Finanz-Kooperative geboren. Das heißt: Die Mitglieder begannen, ihr Geld zu teilen. Und zwar Einnahmen und Ausgaben. Klingt verrückt? Nun, die Finanzcoop (FC) feiert dieses Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen. Vier der sieben heutigen Mitglieder sind von Anfang an dabei. Natürlich leben sie auch längst nicht mehr in einer WG in Göttingen, sondern im ganzen Land verstreut. Auch vier Kinder gehören inzwischen dazu.

Anlässlich dieses Jubiläums haben sie nun gemeinsam ein Buch herausgebracht, in dem sie in persönlichen, individuell gezeichneten Beiträgen über das Leben in und mit der Kooperative nachdenken. Das Prinzip ist simpel: Alle zahlen ihr Einkommen in die Gemeinschaftskasse. Genauso beziehen alle das Geld für ihre Ausgaben aus diesem Topf. Damit das funktioniert, gibt es alle sechs bis acht Wochen ein Treffen, bei dem alle erscheinen. Dann wird diskutiert, besprochen, abgewägt und manchmal auch gestritten.

Ein Prinzip übrigens, das in Kibbuzim schon seit Langem gelebt wird. Dort muss nicht jeder Teilnehmer auf den Kibbuz-eigenen landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten, manche arbeiten auch außerhalb – ihr Einkommen, egal wie hoch, landet in der Kibbuz-Kasse, aus der sie genau das Gleiche erhalten wie alle anderen. Hat ein einzelnes Mitglied besondere Bedürfnisse, werden die von der Gemeinschaft getragen.

Die FC trägt das Prinzip auf höheres Komplexitätsniveau. Denn nicht nur der Wohnort ist nicht derselbe, auch die Lebenspläne und -entwürfe divergieren teilweise drastisch. Einig sind sich die Mitglieder darin, dass die FC mehr ist als nur eine gemeinsame Kasse. Es geht natürlich auch um Freundschaft, Halt und, ja, sogar das Wörtchen Familie fällt in dem Zusammenhang.

Wenn der Kommunismus das Einfache ist, das schwer zu machen ist, dann ist die FC das scheinbar Schwere, das doch recht leicht zu machen ist. Was auch heißt: Nein, das ist nicht der Kommunismus. Das sind ein paar Freunde, die ihr Geld teilen und so auf individueller Ebene strukturelle Ungleichheiten ausgleichen, an deren Grundlagen (nämlich der Produktionsweise) sie nichts ändern (können). Das ist im Grundsatz der Gedanke, den die Künstlerin und Theoretikerin Bini Adamczak in ihrem dem Buch beigesteuerten Nachwort entfaltet.

Dass es vielen unerhört vorkommen mag, Geld als Gemeinschaft zu teilen, während das Ehegattensplitting mit Händen und Füßen verteidigt wird, sagt mehr über ideologische Verstümmelungen aus als über den Geldtopf, den sich die FC teilt. Die Mitglieder der FC machen sich keine Illusionen und stellenweise liest sich das Buch eher wie eine wertvolle Gruppentherapie. Insofern stellt das kluge Nachwort Bini Adamczaks eine gelungene Ergänzung dar – ohne die Selbstreflexionen der FC-Leute allerdings zurückzudrängen, ganz im Gegenteil: Gerade die Verbindung von praktischer Erfahrung und politischer Reflexion macht das Buch zu einem lesenswerten. Auch für Leute, die lieber ein privates Bankkonto behalten wollen.

Info

Finanzcoop oder Revolution in Zeitlupe FC-Kollektiv, Paula Bulling, Bini Adamczak Büchner-Verlag 2019, 190 S., 18 €

06:00 28.05.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3

Dieser Kommentar wurde versteckt