Nach dem Putsch

Literatur Mario Vargas Llosa seziert das Scheitern der Demokratie in Guatemala

Wo Wahrheit beginnt und wo sie aufhört, was Fiktion kann und wie sie mit der sogenannten Realität in Beziehung tritt, das ist – so banal diese Feststellung sein mag – eine Ur-Frage der Literatur. Der in Spanien lebende und in Peru geborene Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa hat im Laufe seines inzwischen Jahrzehnte umfassenden Schaffens verschiedene Wege gefunden, sich diesem Unterfangen zu stellen. Mehrere dieser Annäherungsversuche kommen in seinem neusten Roman Harte Jahre wieder zum Einsatz. Das Über- und Ineinanderlegen von Handlungssträngen und Zeitebenen mit teilweise nicht gekennzeichneten Wechseln, die eine intensive Parallelität entstehen lassen; der Rückgriff auf die Methodologie des historischen Romans inklusive umfangreicher Recherche; die Reflexion auf die Rolle des Erzählenden und Schreibenden, die dem Erzählten Doppelbödigkeit verleiht, gleichzeitig Authentizität und Unzuverlässigkeit.

Eingreifen der CIA

Harte Jahre ist ein politisches Buch, denn der Dreh- und Angelpunkt des Romans ist das Jahr 1954 in Guatemala. Jacobo Arbenz (1913 – 1971) war seit 1951 Präsident Guatemalas und wollte das Land nach nordamerikanischem Vorbild demokratisieren. Doch die damit einhergehende Landreform, die aus den bettelarmen Indigenen Eigentümer gemacht hätte, war ausgerechnet dem Vorbild ein Dorn im Auge. Um die Interessen der United Fruit Company zu schützen unterstützte die CIA einen Putsch gegen den im Ausland als Kommunisten verschrienen Präsidenten. Dass der Plot trivial klingt, ist Teil des Skandals: Guatemala war nur der Auftakt für eine Reihe US-gestützter Putsche in Lateinamerika.

Von diesem Punkt aus entrollt Vargas Llosa mehrere Handlungsstränge, die mit wechselnden Blickwinkeln einigen beteiligten Protagonist*innen durch die Zeitebenen folgen. Historisch informiert und ohne Scheu vor fiktionaler Gestaltung zeichnet er Figuren, die selten als Sympathieträger*innen taugen, ohne holzschnittartig zu wirken. Neben den großen historischen Figuren, den Präsidenten und Rebellenanführern, sind es insbesondere die Protagonist*innen der zweiten und dritten Reihe, denen Vargas Llosa eine besondere Strahlkraft verleiht. Mit dem dominikanischen Geheimdienstchef Johnny Abbes García taucht eine Figur auf, die bereits in seinem 2001 erschienenen Buch Das Fest des Ziegenbocks (Suhrkamp), das 2005 unter der Regie von Vargas Llosas Cousin Luis Llosa verfilmt wurde, eine Rolle spielte. Besonders interessant ist dabei die Figur der Marta Borrero Parra, einer fiktionalisierten Version der Antikommunistin und Propagandistin rechter Diktaturen, Gloria Bolaños Pons. So entsteht das für den Autor typische Geflecht aus Zeitebenen und Erzählsträngen, das zugleich verwirrt und eine erzählerische Dichte erzeugt, die einen kaum loslässt. Worum es Mario Vargas Llosa dabei geht, wird klar ersichtlich: Wie Jacobo Arbenz selbst scheint er ungläubig darauf zu blicken, dass ein liberales Reformprojekt, ausgerichtet an den europäisch-nordamerikanischen Vorstellungen einer modernen Gesellschaft, nicht nur von inneren Kräften, sondern auch vom großen Vorbild selbst vernichtet wird.

Mit Dr. Efraín García Ardiles schafft er eine emblematische Figur, die die Tragödie des lateinamerikanischen Liberalismus (dessen heute international bekanntester Vertreter gewiss Mario Vargas Llosa höchstselbst ist) zu illustrieren vermag. Dieser zu Beginn des Romans als stattlicher und gebildeter Vertreter der guatemaltekischen Oberschicht geschilderte Arzt, der progressive Ansichten vertritt, wird im Laufe der Zeit dem Verfall anheimgegeben; er vereinsamt und endet als vermeintlich Linker sozial isoliert. Dass eines Tages sein Haus gestürmt wird und seine Bibliothek dem antikommunistischen Furor zum Opfer fällt, vermag sogar ihm selbst wenig mehr als Achselzucken zu entlocken. Zentral ist dabei jedoch sein eigener Sündenfall: Er ist es, der die minderjährige Marta vergewaltigt, was zu deren Verstoßung durch den Vater führt und sie an die Seite von Diktatoren und Mördern treibt. Eine erstaunlich deutliche Allegorie für die Geburt der lateinamerikanischen Diktaturen aus der Unfähigkeit der liberalen Eliten, die eigenen Werte hochzuhalten und umzusetzen.

Verbirgt sich in Harte Jahre also eine versteckte Selbstkritik am Liberalismus lateinamerikanischer Prägung, der an den eigenen Widersprüchen scheiterte, um alsdann zwischen militärischen Mordregierungen und linken Guerrillas aufgerieben zu werden? So weit geht der 84-Jährige wohl nicht.

Keinen Zweifel lässt er in Harte Jahre daran, dass es ihm vor allem um die Rehabilitierung Arbenz’ geht. Kein Wunder also, dass Vargas Llosa bei einer Buchvorstellung in Guatemala äußerte: „Arbenz’ Scheitern weist über die Grenzen Guatemalas hinaus. Hätten die USA seine Reformen unterstützt, die Realität wäre eine andere. Die demokratische Reform, die Arbenz wollte, hätte Kuba davon abgehalten, die extremistischen Positionen einzunehmen, die es dann einnahm. Arbenz’ Scheitern ist das Scheitern der Demokratie.“

Obschon des Autors Agenda etwas durchsichtig ist und sein Können sich bei größerem Umfang möglicherweise imposanter entfaltet hätte, ist sein Roman Harte Jahre ein eindrückliches Beispiel dafür, was die Kraft des Erzählens an der Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion kann: mit prismatischem Blick auf das Einzelne auf die universale Gültigkeit des Anspruchs auf Menschlichkeit verweisen. Das vermag sogar ein Liberaler – ein wenig malgré lui.

Info

Harte Jahre Mario Vargas Llosa Thomas Brovot (Übers.), Suhrkamp Verlag 2020, 411 S., 24 €

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06:00 18.07.2020

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