Nicht gecheckt

Antirassismus Unter dem Begriff „Critical Whiteness“ hat sich eine neue Art von Blockwartdenken etabliert, und das zum Schaden aller
Leander F. Badura | Ausgabe 16/2017 31

Neulich in New York, Eröffnung einer Kunstausstellung bei der Whitney-Biennale: Vor einem der Bilder stehen Menschen, um zu verhindern, dass es angeschaut werden kann. Es handelt sich um ein Gemälde der Künstlerin Dana Schutz. Sie hatte eine berühmte Fotografie aufgegriffen und verarbeitet – eine Aufnahme des 1955 gelynchten Jungen Emmett Till. Das Problem: Schutz ist weiß, Till war schwarz. Der Eklat folgte auf dem Fuß, und er war gewaltig. Die Künstlerin sah sich mit Vorwürfen überzogen, sie eigne sich die Leidensgeschichte der Schwarzen an und münze diese in Kommerz um. Die Künstlerinnen Hannah Black und Rafia Santana forderten die Zerstörung, gar die Verbrennung des Bildes. Aktivistinnen und Aktivisten machen sich für die Vernichtung von Kunst stark. Wie bitte?

„Kulturelle Aneignung“ heißt das Vergehen, dessen Schutz sich nach Ansicht ihrer Kritikerinnen schuldig gemacht hat. Es handelt sich um einen Vorwurf, der von subalternen Gruppen gegen dominante Gruppen erhoben wird. So erklärt es etwa die Autorin Noa Ha im Missy Magazine. Ursprünglich im Kontext afroamerikanischer Bewegungen entstanden, findet jene Form der Kritik auch in Deutschland vermehrt Anhänger. So erhob die Autorin Hengameh Yaghoobifarah im vergangenen Jahr, ebenfalls im Missy Magazine, den Vorwurf der missbräuchlichen Aneignung gegen Veranstalter und Besucher des Fusion-Festivals. Yaghoobifarah zog in ihrem Text über Hippies her, und auch wenn man das in Teilen verständlich finden mag, waren ihre Gründe bemerkenswert: Die Zurschaustellung kultureller Symbole und das Anbieten von Speisen aus anderen Kulturkreisen – durch weiße Menschen – mache das Festival zu einem „Schauplatz der White Supremacy“.

Das Privileg als Knackpunkt

Als Gegengift gegen das Überlegenheitsgefühl der Weißen dient die Critical Whiteness. Auch dieses politisch-akademische Konzept kommt aus den USA und hat in Deutschland den etwas sperrigen Namen „Kritische Weißseinsforschung“ erhalten. Der Kern: Weiße darauf aufmerksam zu machen, „dass sie nicht einfach ‚Menschen‘ sind, sondern weiße Menschen“, wie es die amerikanisch-deutsche Autorin Millay Hyatt einmal in einem Beitrag für den Deutschlandfunk erklärt hat. Weißsein sei eine „unausgesprochene Selbstverständlichkeit“. Als „Anderes“ würden stets Nichtweiße gesetzt.

So weit, so richtig. Das nennt man Rassismus. Die Vertreter der Critical Whiteness werfen der (weißen) Linken vor, durch ihre „Farbenblindheit“, also das Ignorieren von ethnischen Merkmalen, den Rassismus auszublenden beziehungsweise sogar fortzuschreiben. Dabei ist der Begriff des Privilegs ganz zentral. Es geht darum, Weißen klarzumachen, dass sie qua Hautfarbe über Privilegien verfügen – und dass diese Bevorteilung kritisch reflektiert werden muss. Hier kommen antirassistische und queerfeministische Bewegungen zusammen: Männer, Weiße, Heterosexuelle sind besonders privilegierte Gruppen – der weiße, heterosexuelle Mann verkörpert das ultimative Feindbild. Der Ausruf „Check your privilege“ ist dabei zum Kampfschrei jeder innerlinken Debatte geworden; zum Ächtungsurteil für jede und jeden, die oder der auch nur eine falsche Vokabel verwendet. Sie haben ihr „Privileg“ nicht ausreichend „gecheckt“.

So traf es auch die Punkband Feine Sahne Fischfilet auf einem Konzert in einem linken Zentrum in Bielefeld. Der Schlagzeuger hatte während des Auftritts sein T-Shirt ausgezogen. Das Konzert wurde unterbrochen. Die Begründung: Das Entblößen des Oberkörpers sei ein Akt patriarchaler Gewalt und verstoße gegen die Hausregeln.

Womit wir beim nächsten Begriff aus der argumentativen Trickkiste des Gegenwarts-Aktivismus wären: Als „Trigger“ bezeichnet man in der Psychologie eine Situation, die Trauma-Erfahrungen auslöst und retraumatisierend wirken kann. Aufs Politische übertragen: Jedes Mitglied einer als dominant identifizierten Gruppe kann durch sein Verhalten andere Menschen „triggern“ – weil sein Verhalten stets die Dominanzposition spiegele. Verkürzt gesagt: Je mehr Merkmale möglicher Diskrimierung auf einen Menschen zutreffen, desto Opfer; je weniger, desto Täter.

Mit solcherlei Begriffen gerüstet, ziehen die Aktivisten los, um jeden, der sich ihrer Meinung nach unangemessen verhält, zu „judgen“. In einem Beitrag der Zeit meldete sich vor einer Weile ein Uni-Professor aus den USA anonym zu Wort und lieferte zahllose Beispiele für Personen, die im Campus-Umfeld einer regelrechten „Hexenjagd“ ausgesetzt gewesen seien. Auch US-Ausgaben von Büchern sollen demnach jetzt mit „Trigger-Warnungen“ versehen werden. Vor der Lektüre von Ovids Metamorphosen wird dabei ebenso gewarnt wie vor Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. Tatsächlich hat ein US-Verlag eine Neuauflage des Werks mit dem überfürsorglichen – bis übergriffigen – Hinweis versehen, dass sich viele Ansichten heute geändert hätten und dass dies bei der Kant-Lektüre bitte zu bedenken sei.

Was als ernsthaftes Nachdenken über den Umgang mit alltäglichen Formen von Sexismus oder Rassismus begann, wurde so binnen weniger Jahre zu einem Werkzeugkasten für eine Gedankenpolizei mit Blockwartmentalität. An die Stelle von Reflexion, Kritik und Austausch ist das sture Lauern auf mögliche Fehler des Gegenübers getreten. Selbst wer sich zu solidarisieren versucht, wird, wenn er weiß ist, für Critical-Whiteness-Gläubige letztlich zum Rassisten. Denn er oder sie kann nur aus einer Herrschaftsposition sprechen. Im Netz kursieren dramatische Erfahrungsberichte von linken Kongressen, die an maoistische Kreise der „Kritik und Selbstkritik“ inklusive Bloßstellung und Ausschluss erinnern. So sei, heißt es etwa in Teilen der queeren Bewegung, die große Sichtbarkeit von Schwulen ein Schlag ins Gesicht von Trans-Männern. Eine solche argumentative Kurve muss man erst mal hinbekommen: Da wird der über Jahrzehnte hart erkämpfte Erfolg einer emanzipatorischen Bewegung eiskalt gegen den noch zu führenden Kampf einer anderen diskriminierten Gruppe ausgespielt. Anteilnahme oder Schulterschlüsse werden damit so gut wie unmöglich. Gesellschaftskritik – auch: Selbstkritik! – wäre so nötig! Aber: Inquisition?

Bücher wie Giftgas

Der Privilegienbegriff wird in der Critical Whiteness im Grunde verkehrt herum verwendet: Nicht die Benachteiligung der einen, sondern die Vorteile der anderen sind das Problem. So heißt die Antwort nicht Freiheit – sondern Repression: „Auf Privilegien zu verzichten, solange sie nicht allen zuteil werden, ist ein solidarischer Akt“, hieß es etwa im Blog mädchenmannschaft.net zu den Vorwürfen an Feine Sahne Fischfilet. Nicht mehr die „Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx), sind das Problem – sondern die Tatsache, dass andere nicht gleichermaßen ausgebeutet werden.

Durch die Konzentration auf den oder die Einzelne verfehlt diese Kritik ihr Ziel – denn sie sitzt dem Trugschluss auf, der gute, freie Mensch sei bereits vorhanden und letztlich müsse jeder einfach nur genug an sich selber arbeiten. Ein Wahnsinn, der wahrhaft progressiver Kritik den Saft abdreht. Es wird dabei verkannt, dass im Kapitalismus prinzipiell jeder Mensch ein geknechteter ist. Die Kritik bezieht sich also nicht (mehr) auf eine Gesellschaft, die auf Gewalt und Ausbeutung als intrinsische Funktionsprinzipien zurückgreift, sondern bloß auf Individuen.

Um die als Opfer Identifizierten zu schützen, wollen Aktivisten Schutzräume schaffen (so genannte safe spaces). So sinnvoll diese Idee, so irrig ist die Annahme, es gebe die Möglichkeit aseptischer Räume, die frei von jedweder Form von Gewalt sind. Zumal der Gewaltbegriff hier fast bis zur Unkenntlichkeit ausgeweitet und relativiert ist: Die bloße Lektüre historischer Kolonialliteratur wird im Verständnis der Critical Whiteness zur Reproduktion kolonialer Gewalt. Ein paar Seiten Buch sind dann ähnlich gewalttätig wie etwa das Giftgas der spanischen Luftwaffe über dem Rif-Gebirge.

Dazu gesellt sich eine oft schon irrational anmutende Idealisierung archaischer Traditionen. Kulturen gelten als prinzipiell schützenswert. Dass beispielsweise Religionen nach wie vor Ideologien sind, die ihre eigenen Unterdrückungsmechanismen hervorbringen, erscheint dabei nicht als Problem. Als kritikwürdig wird lediglich empfunden, dass sich manche weiße Mittelschichts-Sinnsucher Buddha-Statuen in ihre Wohnung stellen: kulturelle Aneignung! Die eingangs zitierte Autorin Noa Ha gibt solcherlei Essentialisierung unumwunden zu: Diese praktisch angewandte Identitätspolitik diene der überaus wichtigen Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen. Nein – eine solche Identitätspolitik ist falsch, lässt sich entgegnen. Denn sie verfestigt tradierte Opferrollen, Rassendenken und alle anderen Kategorien, die nichts als ideologischer Abfall sind.

Der Vorwurf der kulturellen Aneignung fügt sich passgenau in das Konzept des Ethnopluralismus ein – einer Lieblingsidee der Neuen Rechten, die besagt, dass jede „Volksgruppe“ eine eigene Kultur habe und gefälligst auch bei dieser bleiben solle. Das ist nicht nur historisch betrachtet Unsinn, es entspricht auch eins zu eins dem Kulturbegriff alter und neuer Rechtsradikaler. Bevor die Nazis einst dazu übergingen, die Juden systematisch zu vernichten, wiesen sie ihnen gesonderte Plätze zu. Manche jüdische Komponisten und Musiker durften zwar noch arbeiten – aber nur Werke spielen, die von Juden komponiert worden waren. Die deutsche Kultur sollte „rein“ gehalten werden. Ein Glück, dass es solche „sauber abgrenzbare“ Kulturen nie gab. Sonst würden wir in hiesigen Breitengraden noch immer nichts als Kohl und Wildschwein essen und entsprechend riechen.

Das kritische Denken muss sich stets auf das Nichtidentische richten – auf die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. So schrieb es Theodor W. Adorno, ein alter weißer Mann, also wahrscheinlich ungelesen von vielen Critical-Whiteness-Verfechtern. Deren Konzept basiert auf der Vorstellung, dass das Richtige im Falschen sehr wohl möglich ist – und zwar durch die radikale Auslöschung des Falschen. Falsch ist dabei nicht die Gesellschaft, die den Individuen die Luft zum Atmen nimmt – falsch ist vielmehr derjenige, der etwas mehr Luft zum Atmen hat als man selbst. Von dort ist es kein weiter Weg mehr zur Idee von Säuberungen. Das ist alles, aber nicht links.

06:00 17.05.2017
Geschrieben von

Leander F. Badura

Freier Autor | Innen, Außen, Theorie | "Un exemple n'est pas forcément un exemple à suivre." - Albert Camus
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Leander F. Badura

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