Leander F. Badura
Ausgabe 1617 | 17.05.2017 | 06:00 24

Nicht gecheckt

Antirassismus Unter dem Begriff „Critical Whiteness“ hat sich eine neue Art von Blockwartdenken etabliert, und das zum Schaden aller

Nicht gecheckt

Der fast schon sprichwörtliche „alte weiße Mann“ macht alles platt – sagen die Aktivisten

Foto: Elliott Erwitt/Magnum Photos/Agentur Focus

Neulich in New York, Eröffnung einer Kunstausstellung bei der Whitney-Biennale: Vor einem der Bilder stehen Menschen, um zu verhindern, dass es angeschaut werden kann. Es handelt sich um ein Gemälde der Künstlerin Dana Schutz. Sie hatte eine berühmte Fotografie aufgegriffen und verarbeitet – eine Aufnahme des 1955 gelynchten Jungen Emmett Till. Das Problem: Schutz ist weiß, Till war schwarz. Der Eklat folgte auf dem Fuß, und er war gewaltig. Die Künstlerin sah sich mit Vorwürfen überzogen, sie eigne sich die Leidensgeschichte der Schwarzen an und münze diese in Kommerz um. Die Künstlerinnen Hannah Black und Rafia Santana forderten die Zerstörung, gar die Verbrennung des Bildes. Aktivistinnen und Aktivisten machen sich für die Vernichtung von Kunst stark. Wie bitte?

„Kulturelle Aneignung“ heißt das Vergehen, dessen Schutz sich nach Ansicht ihrer Kritikerinnen schuldig gemacht hat. Es handelt sich um einen Vorwurf, der von subalternen Gruppen gegen dominante Gruppen erhoben wird. So erklärt es etwa die Autorin Noa Ha im Missy Magazine. Ursprünglich im Kontext afroamerikanischer Bewegungen entstanden, findet jene Form der Kritik auch in Deutschland vermehrt Anhänger. So erhob die Autorin Hengameh Yaghoobifarah im vergangenen Jahr, ebenfalls im Missy Magazine, den Vorwurf der missbräuchlichen Aneignung gegen Veranstalter und Besucher des Fusion-Festivals. Yaghoobifarah zog in ihrem Text über Hippies her, und auch wenn man das in Teilen verständlich finden mag, waren ihre Gründe bemerkenswert: Die Zurschaustellung kultureller Symbole und das Anbieten von Speisen aus anderen Kulturkreisen – durch weiße Menschen – mache das Festival zu einem „Schauplatz der White Supremacy“.

Das Privileg als Knackpunkt

Als Gegengift gegen das Überlegenheitsgefühl der Weißen dient die Critical Whiteness. Auch dieses politisch-akademische Konzept kommt aus den USA und hat in Deutschland den etwas sperrigen Namen „Kritische Weißseinsforschung“ erhalten. Der Kern: Weiße darauf aufmerksam zu machen, „dass sie nicht einfach ‚Menschen‘ sind, sondern weiße Menschen“, wie es die amerikanisch-deutsche Autorin Millay Hyatt einmal in einem Beitrag für den Deutschlandfunk erklärt hat. Weißsein sei eine „unausgesprochene Selbstverständlichkeit“. Als „Anderes“ würden stets Nichtweiße gesetzt.

So weit, so richtig. Das nennt man Rassismus. Die Vertreter der Critical Whiteness werfen der (weißen) Linken vor, durch ihre „Farbenblindheit“, also das Ignorieren von ethnischen Merkmalen, den Rassismus auszublenden beziehungsweise sogar fortzuschreiben. Dabei ist der Begriff des Privilegs ganz zentral. Es geht darum, Weißen klarzumachen, dass sie qua Hautfarbe über Privilegien verfügen – und dass diese Bevorteilung kritisch reflektiert werden muss. Hier kommen antirassistische und queerfeministische Bewegungen zusammen: Männer, Weiße, Heterosexuelle sind besonders privilegierte Gruppen – der weiße, heterosexuelle Mann verkörpert das ultimative Feindbild. Der Ausruf „Check your privilege“ ist dabei zum Kampfschrei jeder innerlinken Debatte geworden; zum Ächtungsurteil für jede und jeden, die oder der auch nur eine falsche Vokabel verwendet. Sie haben ihr „Privileg“ nicht ausreichend „gecheckt“.

So traf es auch die Punkband Feine Sahne Fischfilet auf einem Konzert in einem linken Zentrum in Bielefeld. Der Schlagzeuger hatte während des Auftritts sein T-Shirt ausgezogen. Das Konzert wurde unterbrochen. Die Begründung: Das Entblößen des Oberkörpers sei ein Akt patriarchaler Gewalt und verstoße gegen die Hausregeln.

Womit wir beim nächsten Begriff aus der argumentativen Trickkiste des Gegenwarts-Aktivismus wären: Als „Trigger“ bezeichnet man in der Psychologie eine Situation, die Trauma-Erfahrungen auslöst und retraumatisierend wirken kann. Aufs Politische übertragen: Jedes Mitglied einer als dominant identifizierten Gruppe kann durch sein Verhalten andere Menschen „triggern“ – weil sein Verhalten stets die Dominanzposition spiegele. Verkürzt gesagt: Je mehr Merkmale möglicher Diskrimierung auf einen Menschen zutreffen, desto Opfer; je weniger, desto Täter.

Mit solcherlei Begriffen gerüstet, ziehen die Aktivisten los, um jeden, der sich ihrer Meinung nach unangemessen verhält, zu „judgen“. In einem Beitrag der Zeit meldete sich vor einer Weile ein Uni-Professor aus den USA anonym zu Wort und lieferte zahllose Beispiele für Personen, die im Campus-Umfeld einer regelrechten „Hexenjagd“ ausgesetzt gewesen seien. Auch US-Ausgaben von Büchern sollen demnach jetzt mit „Trigger-Warnungen“ versehen werden. Vor der Lektüre von Ovids Metamorphosen wird dabei ebenso gewarnt wie vor Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. Tatsächlich hat ein US-Verlag eine Neuauflage des Werks mit dem überfürsorglichen – bis übergriffigen – Hinweis versehen, dass sich viele Ansichten heute geändert hätten und dass dies bei der Kant-Lektüre bitte zu bedenken sei.

Was als ernsthaftes Nachdenken über den Umgang mit alltäglichen Formen von Sexismus oder Rassismus begann, wurde so binnen weniger Jahre zu einem Werkzeugkasten für eine Gedankenpolizei mit Blockwartmentalität. An die Stelle von Reflexion, Kritik und Austausch ist das sture Lauern auf mögliche Fehler des Gegenübers getreten. Selbst wer sich zu solidarisieren versucht, wird, wenn er weiß ist, für Critical-Whiteness-Gläubige letztlich zum Rassisten. Denn er oder sie kann nur aus einer Herrschaftsposition sprechen. Im Netz kursieren dramatische Erfahrungsberichte von linken Kongressen, die an maoistische Kreise der „Kritik und Selbstkritik“ inklusive Bloßstellung und Ausschluss erinnern. So sei, heißt es etwa in Teilen der queeren Bewegung, die große Sichtbarkeit von Schwulen ein Schlag ins Gesicht von Trans-Männern. Eine solche argumentative Kurve muss man erst mal hinbekommen: Da wird der über Jahrzehnte hart erkämpfte Erfolg einer emanzipatorischen Bewegung eiskalt gegen den noch zu führenden Kampf einer anderen diskriminierten Gruppe ausgespielt. Anteilnahme oder Schulterschlüsse werden damit so gut wie unmöglich. Gesellschaftskritik – auch: Selbstkritik! – wäre so nötig! Aber: Inquisition?

Bücher wie Giftgas

Der Privilegienbegriff wird in der Critical Whiteness im Grunde verkehrt herum verwendet: Nicht die Benachteiligung der einen, sondern die Vorteile der anderen sind das Problem. So heißt die Antwort nicht Freiheit – sondern Repression: „Auf Privilegien zu verzichten, solange sie nicht allen zuteil werden, ist ein solidarischer Akt“, hieß es etwa im Blog mädchenmannschaft.net zu den Vorwürfen an Feine Sahne Fischfilet. Nicht mehr die „Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx), sind das Problem – sondern die Tatsache, dass andere nicht gleichermaßen ausgebeutet werden.

Durch die Konzentration auf den oder die Einzelne verfehlt diese Kritik ihr Ziel – denn sie sitzt dem Trugschluss auf, der gute, freie Mensch sei bereits vorhanden und letztlich müsse jeder einfach nur genug an sich selber arbeiten. Ein Wahnsinn, der wahrhaft progressiver Kritik den Saft abdreht. Es wird dabei verkannt, dass im Kapitalismus prinzipiell jeder Mensch ein geknechteter ist. Die Kritik bezieht sich also nicht (mehr) auf eine Gesellschaft, die auf Gewalt und Ausbeutung als intrinsische Funktionsprinzipien zurückgreift, sondern bloß auf Individuen.

Um die als Opfer Identifizierten zu schützen, wollen Aktivisten Schutzräume schaffen (so genannte safe spaces). So sinnvoll diese Idee, so irrig ist die Annahme, es gebe die Möglichkeit aseptischer Räume, die frei von jedweder Form von Gewalt sind. Zumal der Gewaltbegriff hier fast bis zur Unkenntlichkeit ausgeweitet und relativiert ist: Die bloße Lektüre historischer Kolonialliteratur wird im Verständnis der Critical Whiteness zur Reproduktion kolonialer Gewalt. Ein paar Seiten Buch sind dann ähnlich gewalttätig wie etwa das Giftgas der spanischen Luftwaffe über dem Rif-Gebirge.

Dazu gesellt sich eine oft schon irrational anmutende Idealisierung archaischer Traditionen. Kulturen gelten als prinzipiell schützenswert. Dass beispielsweise Religionen nach wie vor Ideologien sind, die ihre eigenen Unterdrückungsmechanismen hervorbringen, erscheint dabei nicht als Problem. Als kritikwürdig wird lediglich empfunden, dass sich manche weiße Mittelschichts-Sinnsucher Buddha-Statuen in ihre Wohnung stellen: kulturelle Aneignung! Die eingangs zitierte Autorin Noa Ha gibt solcherlei Essentialisierung unumwunden zu: Diese praktisch angewandte Identitätspolitik diene der überaus wichtigen Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen. Nein – eine solche Identitätspolitik ist falsch, lässt sich entgegnen. Denn sie verfestigt tradierte Opferrollen, Rassendenken und alle anderen Kategorien, die nichts als ideologischer Abfall sind.

Der Vorwurf der kulturellen Aneignung fügt sich passgenau in das Konzept des Ethnopluralismus ein – einer Lieblingsidee der Neuen Rechten, die besagt, dass jede „Volksgruppe“ eine eigene Kultur habe und gefälligst auch bei dieser bleiben solle. Das ist nicht nur historisch betrachtet Unsinn, es entspricht auch eins zu eins dem Kulturbegriff alter und neuer Rechtsradikaler. Bevor die Nazis einst dazu übergingen, die Juden systematisch zu vernichten, wiesen sie ihnen gesonderte Plätze zu. Manche jüdische Komponisten und Musiker durften zwar noch arbeiten – aber nur Werke spielen, die von Juden komponiert worden waren. Die deutsche Kultur sollte „rein“ gehalten werden. Ein Glück, dass es solche „sauber abgrenzbare“ Kulturen nie gab. Sonst würden wir in hiesigen Breitengraden noch immer nichts als Kohl und Wildschwein essen und entsprechend riechen.

Das kritische Denken muss sich stets auf das Nichtidentische richten – auf die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. So schrieb es Theodor W. Adorno, ein alter weißer Mann, also wahrscheinlich ungelesen von vielen Critical-Whiteness-Verfechtern. Deren Konzept basiert auf der Vorstellung, dass das Richtige im Falschen sehr wohl möglich ist – und zwar durch die radikale Auslöschung des Falschen. Falsch ist dabei nicht die Gesellschaft, die den Individuen die Luft zum Atmen nimmt – falsch ist vielmehr derjenige, der etwas mehr Luft zum Atmen hat als man selbst. Von dort ist es kein weiter Weg mehr zur Idee von Säuberungen. Das ist alles, aber nicht links.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/17.

Kommentare (24)

Moorleiche 25.04.2017 | 07:15

!

"Rassismus" ... einer "Gedankenpolizei mit Blockwartmentalität", so ist es.

"Das kritische Denken muss sich stets auf das Nichtidentische richten – auf die Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. So schrieb es Theodor W. Adorno, ein alter weißer Mann, also wahrscheinlich ungelesen von vielen Critical-Whiteness-Verfechtern. Deren Konzept basiert auf der Vorstellung, dass das Richtige im Falschen sehr wohl möglich ist – und zwar durch die radikale Auslöschung des Falschen. Falsch ist dabei nicht die Gesellschaft, die den Individuen die Luft zum Atmen nimmt – falsch ist vielmehr derjenige, der etwas mehr Luft zum Atmen hat als man selbst. Von dort ist es kein weiter Weg mehr zur Idee von Säuberungen. Das ist alles, aber nicht links."

Diese letzte Bewegung ist schon fast ein Schlenker zu viel, weil es nicht die Verhältnisse sind, die die ProtagonistInnen dazu zwingen, sondern das eher selbstgerechte Gefühl als "Opfer" moralisch ungebunden zu sein. Psychologisch ist das verständlich (wird nur leider, wie Sie zeigten, instrumentalisiert), es hilft aber niemandem weiter und kulturell ist es einfach ein einziges Desaster, wie Sie treffend ausführten.

sannah 25.04.2017 | 11:12

Ein sehr guter und differenzierter Artikel! Schon häufiger ist mir das bei den Beiträgen von L. F. Badura positiv aufgefallen. Auch wenn ich es wichtig und richtig finde, sich seine Privilegien bewusst zu machen, trifft wohl leider auch zu, was im Artikel als "Bockwartdenken" bezeichnet wird. So schafft es ein Konzept, dass dazu beitragen sollte, das Bewusstsein zu öffnen, sich zu einem Fundamentalismus zu entwickeln. Leider ist CW hierfür nicht das einzige Beispiel...

anne mohnen 26.04.2017 | 07:10

Sehr guter Artikel. Unlängst bemühte die sonst um Analyse bemühte Feministin Laurie Penny in der Diskussion mit Barbara Bleisch im Schweizer Fernsehen unwidersprochen die Stereotype vom „Weißen Mann“, eine Stereotype die nicht nur durch das Missy Magazin geistert (…) Dem Feminismus und der "Kapitalismuskritik" wird damit kein Gefallen getan

Welche Blüten das inzwischen treibt? https://www.facebook.com/philosophie-204417956268723/

Wohl gemerkt: Nichts spricht dagegen afrikanische, asiatische, lateinamerikanische, australische Philosophen_Innen an Unis zu diskutieren (zynisch könnte man sagen: Die schreiben sowieso in der Sprache des"Weißen Mannes und der Weißen Frau", also in Englisch,Französisch, Spanisch...)

na64 18.05.2017 | 08:44

Sind jetzt alle Ballaballadingdong im Kopf. Wie auf dem Foto und der Weichmacher im Plastik bestimmt über unser Bewusstsein. Das klingt alles nach Auflösungserscheinung einer Kulturepoche und den Leuten fällt nicht besseres ein, wie in die Vorstufe eines Bewusstseins hineinzugehen die dann Gewalt und kriegerische Auseinadersetzungen legitimiert. Kann man denen jetzt Mental links wie rechts eine runterhauen, damit dieses Ballaballadingdong aus den Köpfen verschwindet!?. Leider nicht.

lurch 20.05.2017 | 12:26

Die Argumente im Artikel sind alle recht stimmig, aber ich halte ihn trotzdem für unnötig: Ich habe bisher keinen Beleg dafür gefunden, dass es sich bei diesem Diskurs um mehr als die Flausen im Kopf von einigen 16-20jährigen Spinnern in Jugendzentren handelt. Ich wage die These, dass Impfgegnerschaft, Homöopathie-Glaube und selbst Astrologie in "der Linken" viel verbreitetere Sägemehl-im-Kopf-Phänomene sind. Dieses spezifische Thema dagegen ist besonders auf der Rechten zur Dämonisierung und Lächerlichmachung populär, mir ist es in meinem ganzen Leben bisher nur in Artikeln darüber, nie im realen Leben, begegnet. So ein Nischenthema, bei dem ich keine Anzeichen sehe, dass es von allein weiterreichende Rezeption erreichen könnte, derart auf die Hauptbühne zu stoßen erweckt bei mir den Eindruck, einer rechten Dämonisierungsstrategie in die Hände zu spielen.

Also "pics or it didn't happen!": Wo sind die Belege, dass es sich hier um mehr als 0,1 Promille "der Linken" handelt?

sch123 20.05.2017 | 16:00

In Deutschland ist die "Bewegung" noch nicht so präsent das stimmt. Aber in den USA ist es tatsächlich an vielen Unis schon so, dass Dozenten schikaniert, Vorlesungen und Veranstaltungen gestört, Bücher und Kunstwerke beschädigt werden usw. mit den im Artikel genannten Argumentationsmustern. Ich halte das auch für hochproblematisch, wie im Artikel und einigen Kommentaren ja bereits gut dargelegt wurde. Es ist letztlich totalitär, bzw. bietet den ideologischen Werkzeugkasten dafür.

zelotti 20.05.2017 | 16:45

Ich finde es immer seltsam, wenn dann amerikanische Linke ihr Feindbild "weiße cis-Männer" ins Spiel bringen und "Privilegien" vorhalten. Noch lustiger, wenn das Publikum präkare Berliner Akademiker und die Person Professor aus USA ist. Da wird der Gedanke der Solidarität umgedreht. Ich denke, der amerikanischen Linken fehlt einfach die ideologische Reife. Nicht der Reiche, Weiße oder der Privilegierte ist das Problem, sozusagen Anti-Forbes, sondern der Kapitalismus und jedes Handeln, das seine Interessen durchsetzt. Nicht der Kapitalist, nicht die "1%" und wie die ganzen strukturell antisemitischen Deutungsmuster so gehen. Man kann es auch so sagen, wenn so ein plakativ-narzisstischer Antirassismus die Arbeiterklasse schwächt oder die Verhandlungsmacht der lohnabhängig Beschäftigten, dann ist er falsch. Das haben die Leute bei Bahamas schon erkannt. Links ist was den Arbeitern und Unterprivilegierten Macht gibt. Es wird keinem Afrikaner dadurch Macht gegeben, dass man nicht mehr seine Speisen beim Multikultifest anbietet, weil ein Critical Whiteness Mensch die cultural approbation Karte zieht.

Richard Zietz 20.05.2017 | 23:53

Ich denke, ich kann da weiterhelfen.

Zum einen ist das beschriebene Blockwartsverhalten anlässlich des Konzerts einer durchaus bekannteren Punkband (das vermutlich sogar Soli war) kein Randphänomen einer kleinen Clique politisch unerfahrener Youngster in einem Jugendzentrum – letztlich also eine Bagatelle, über die man in der Tat hinweggehen könnte. Vielmehr wird hier mit fragwürdigen (um nicht zu sagen: sektenähnlichen) Methoden Druck ausgeübt, um in bestimmten links stehenden Milieus (speziell der autonomen und antirassistischen Szene) eine ideologische Meinungsführerschaft durchzuboxen.

Mittlerweile scheint diese Form, antirassistische Anliegen im Sinn der eigenen sektiererischen Ausrichtung zu kapern, organisiertere Formen anzunehmen. Einen Erfahrungsbericht zu dem Thema hatte ein dFC-Kollege bereits im Herbst verfasst (Beitrag: hier). Die das Queer-Milieu publizistisch flankierenden Online-Publikationen Missy Magazine und mädchenmannschaft scheinen in der Szene derzeit eine Multiplikatoren-Funktion einzunehmen. Aufzuführen wäre noch die Ex-Piratin Julia Schramm, mittlerweile Linkspartei und Amadeu-Stiftung, welche den 2016 erschienenen Anti-Rechts-Sammelband der antideutschen Richtung (Vorsicht, Volk!) mit einem euphemischen (wenn auch für nicht mit Gender Studies Befassten unverständlichen) Beitrag über »Critical Whiteness« bereichert. (Erschienen ist das Machwerk übrigens im Verbrecher Verlag, dessen Autoren aktuell hier – man hat anscheinend noch was vor – gegen gewerkschaftsähnliche Interessenvertretungen wie etwa die VG Wort Stimmung machen.)

In dem Sammelband mit dabei: Ditfurth, Bozic; kurzum: die crême an ehemaligen Linken, die hauptsächlich nur noch durch das Bashen anderer Linker in Erscheinung tritt. Vorgehenstechnisch bezeichnend scheint mir dabei vor allem ein Aspekt: dass diese Leute sich vorzugsweise nicht im Kampf gegen echte Rechte, Rassisten oder auch antifeministische Hardliner profilieren, sondern vielmehr dadurch, dass sie das eigene Milieu in die Mangel nehmen – offensichtlich in der Absicht, dort eine Art Blockwartrolle einzunehmen. Wie es scheint, sind zu diesem Zweck alle Mittel recht – bis hin zu Formen organisierten Mobbings (»Judgen« – du liebe Güte).

Bei allem Lob für den Artikel kommt man um die Kritik leider nicht herum, dass speziell der Freitag diese Formen identitären Politikverständnisses seit Jahren exzessiv mit Beiträgen und Meinungsjournalismus anfüttert. Insofern ist es zwar löblich, dass redaktionelle Beiträge nunmehr gegen bestimmte »Exzesse« Position ergreifen. Die Kritik, würde ich sagen, kommt allerdings recht spät.

ronnie 21.05.2017 | 06:00

hmmmh, wer zieht denn da die fäden?
"mal überlegen... ja, die linken beschäftigen wir mal mit ihren
eitelkeiten: antisemitismus, feminismus, rassismus..."
heraus kommen antideutsche, 'merkwürdige' feministinnen -
die reinstes teflon bei diskussionen sind oder eben die critical whiteness.

denn sie bieten nur dilemmata:
vorbehaltlose unterwerfung unter abschalten des eigenen kritischen verstandes - oder verkackt.
apparatschiks, die linke gegeneinander aufhetzen.
wie heißt es noch: "talking problems creates problems.
talking solutions creates solutions." aber die sind eben nicht gefragt...

ich habe selbst erlebt, wie critical whiteness ein "fluchthilfe-camp" komplett durch diskussionen "verordnungen" platt gemacht hat.

ergo bleibt nur ein weg: nehmt sie nicht ernst! gebt ihnen keinen raum!

ob das bloß alles verschwörungstheorien (cia-duktus) sind?

Hunter S.T. 21.05.2017 | 09:17

"Danish" zeigt sehr fundiert auf, dass der westliche Feminismus total daneben ist und ohne Ende Geld verschwendet wird, ohne dass die geringsten Ergebnisse geliefert werden. Die ganzen überdrehten SCW bekommen auch ihr Fett weg. Zudem echt unterhaltsam geschrieben ➡️Danish ⬅️ Er zeigt auch schön auf, wie es überhaupt soweit kommen konnte (Verstrickungen mit der Politik/ dem Bundesverfassungsgericht etc.)

gregory 21.05.2017 | 13:34

Es gibt da eine neue TV-Serie die ich entdeckt habe, American Gods. Reines LSD. Eine Folge beginnt im Bauch eines Sklavenschiffes. Leute in Ketten und einer fleht zu einer Art Gott/Geist. Dieser zeigt sich ihm und meint irgendwann: "Shit, you all don't know you black yet. You think you just people. Let me be the first to tell you that you are all black."

Hab mich schlappgelacht.

karamasoff 21.05.2017 | 22:57

Wenn man es weiterdenkt, müsste man dann auch jedwede Form von kultureller Aneignung in Universitäten und im Bildungssektor von Weißen für Weiße ( und, offensichtlicher noch, für NICHT-Weiße!) als rassistisch privilegiertes Konsumieren/Aneignung sehen und ganze Studiengänge verbieten, sowie jede Form von Aufklärung in Radio und TV über andere Kulturen.

Die blosse Anschauung anderer Kulturen durch Weiße ist demnach schon rassistisch (wo sie eventuell einfach nur ganz banal falsch ist oder fehlerhaft).

Die Kritik selbst ist schon rassistisch, da sie grundsätzliche Unterschiede zwischen Kulturen festlegen WILL und dies auch noch auf der Basis weißer Anschauungen tut und sie ist white supremacy pur, da sie anscheinend von der Fehlerlosigkeit der eigenen Anschauungen ausgeht.

Dirk Ludigs 23.05.2017 | 09:35

Spannend finde ich vor allem, dass die Ideen der Critical Whiteness in Deutschland überhaupt erst wahrgenommen werden, wenn man sich über ihre autoritären, aktivistischen Extreme aufregen kann. Ja, diese Theorien verlangen weißen Menschen einiges ab, ja, auch ich habe meine Probleme mit einigen aktivistischen Formen. Aber wer die Idee der kulturellen Aneignung mit rechten identitären Ideologien gleichsetzt, hat sie nicht verstanden, wenn ich wohlwollend bin oder denunziert sie bewusst, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Ich werde das Gefühl nicht los, die Abwehrfront, in der sich gerade hierzulande vieles mischt, von klasssichem linken Antiamerikanismus, über "liberale" Ich-bin-doch-kein-Rassist-Reflexe, bis zu der altbekannten gutbürgerlichen Herablassung, hat vor allem damit zu tun, dass der weißen (Über-)Mehrheit die Deutungshoheit darüber entgleitet, was Rassismus zu sein hat und was nicht, weil es vor allem die Ergebnisse einer Forschung Schwarzer und PoC und insbsondere, darf ja auch mal gesagt werden, Frauen sind. Wenn Antirassismus weißen Menschen neben Sonntagsreden anfängt tatsächlich etwas abzuverlangen, dann hört es bei den meisten weißen Menschen eben auf. Wer hätte das gedacht? PS: Ausgerechnet People of Color "Blockwartmentalität" also Nazi-Methoden vorzuwerfen ist in sich schon so perfide und ekelerregend, dass ich mich persönlich frage, wo hier eigentlich eine Redaktion ist, die nachdenkt, bevor sie abdruckt. Aber vielleicht bin ich ja schon indoktriniert ...

Schwarzmaler20 23.05.2017 | 18:42

Der Kern wird leider ausgeblendet: wer Weißen vorwirft, weiß zu sein, wer Weißen weniger Privilegien zugestehen will als Nichtweißen, der denkt und handelt als Rassist. Mich wundert, daß die Tatsache ausgeblendet wird, das Nichtweiße auch Rassisten sein können. Und diese Farbenlehre des 19. Jahrhunderts aus Weißen, Gelben, Schwarzen sollten wir besser den Hundebesitzern überlassen.

rka0 23.05.2017 | 23:59

Es gibt in der Linken einige Kommentatoren, die die postmoderne, intersektionale Linke sehr hart kritisieren, zB den Blogger "Leszek", den ich hier verlinke:

https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2016/11/02/gastartikel-nutzt-die-postmoderne-political-correctness-den-neoliberalen-oekonomischen-herrschaftseliten/

Der Kern der Kritik ist, daß die Diskurse, die innerhalb der Linken geführt werden, letzlich zur Spaltung dieser führen, und damit nur den Eliten nützt.

Ein Blogger hat etwas als "Linksflucht" bezeichnet, was ich bei mir und vielen anderen (älteren) Linken beobachte: Eine zunehmende Entfremdung zwischen der postmodern-geprägten Linken und solchen Menschen, die in den 80gern und 90gern Links-sein mehrheitlich mit dem Kampf zwischen den Klassen assoziiert haben.

Insofern muss ich auch Dirk Ludigs widersprechen. Es ist _völlig_ egal, wie man Konzepte wie cultural approbiation einmal gemeint hat. Entscheidend ist, wie sie praktisch umgesetzt werden, und welche Entwicklungen sie forcieren. Im Moment ist es doch so, daß das Ergebnis linker Identitätspolitik äquivalent zu den Ergebnissen rechter Identitätspolitik erscheint: Nämlich die Trennung kultureller Gruppen. Wir haben an amerikanischen Unis mittlerweile nach "Rassen" getrennte Wohnbereiche und Abschlussfeiern. Wenn ich einem weisshäutigen Menschen verbiete, Dreadlocks zu tragen, sind die Gründe egal: Weil er sich der Aneignung schuldig mache, oder weil er sich "un-weiss" verhält. In beiden Fällen vergreife ich mich an der Freiheit einzelner. Und wie jemand richtig bemerkt hat, im ersteren Falle wird kein PoC dieser Welt mehr Macht erhalten, weil ein WeisseR sich der Dreads erledigt.

Man muss auch mal sehen, daß die, die heute soviel über Privilegien reden, selber vor Privilegien kaum laufen können, siehe zB Frau Hengameh, die sicherlich alles ist, aber keine PoC.

Magda 25.05.2017 | 12:00

Tatsache, heißt der so? Wirklich. Wahnsinn. Dann hat Hunter S. weiter oben ihn falsch geschrieben. https://www.freitag.de/autoren/lfb/nicht-gecheckt#1495351061920960

Na, sowas. Das tut mir jetzt aber wirklich Leid.

Herr D. wird immer wieder eine Fangemeinde anziehen. Wenn ich den hin und wieder lese, habe ich immer das Gefühl, der verpasst sein Leben, wenn er sich nicht von der Vorstellung löst, eine Frau habe ihn persönlich das Leben verbaut. Details erspare ich mir.