Politisch verfolgt

Fluchtursache Ein Sammelband nimmt Menschen in den Blick, die wegen ihrer sexuellen Orientierung fliehen

Wer homosexuell begehrt oder transgeschlechtlich ist, lebt umso gefährlicher, je drastischer und gewaltvoller die Ablehnung demgegenüber im Umfeld ist. Das ist eine banale Feststellung. Ebenso banal mag die Feststellung anmuten, Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit können deshalb Gründe für eine Flucht sein. Doch so banal ist das gar nicht. Denn eine systematische Analyse des Zusammenhangs von Sexualität und Geschlechtsidentität einerseits und Gründen und Kontexten der Flucht andererseits findet sich kaum. Es gibt nicht einmal verlässliche Zahlen dazu, wie viele Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung fliehen. Dieser Problematik widmet sich der Sammelband Zugzwänge – Flucht und Verlangen.

Das Anliegen des Buches ist zweierlei. Einerseits eine Bestandsaufnahme dessen, was an Wissen über diese Zusammenhänge überhaupt vorhanden ist. Zur Bestandsaufnahme gehört zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen und europäischen Asylsystem, das sich bis heute größtenteils als unfähig erweist, diese Fluchtursachen adäquat zu behandeln. Andererseits wird die Bestandsaufnahme verbunden mit einer scharfen Kritik der Gender Studies und des Queeraktivismus, denen vorgeworfen wird, vom realen Leid der Individuen nichts wissen zu wollen und daher weder willens noch fähig zu sein, jene Fragen nach homosexuellem Begehren und dessen Unterdrückung, die zu Flucht führen kann, auch nur zu stellen.

Kritik am Queeraktivismus

Was das erste Anliegen angeht, leistet der Band Grundlagenarbeit. Sabri Deniz Martin beispielsweise erörtert die rechtlichen, räumlichen und quantitativen Dimensionen des Phänomens. Dazu gehört die Feststellung, dass Sexualität oder Geschlechtsidentität als Fluchtgründe in der UN-Flüchtlingskonvention von 1951 keine Erwähnung finden. Erst in den 2000ern habe dazu ein Umdenken stattgefunden. Der Autor stellt weiterhin heraus, dass es eine weitgehende räumliche Deckung gibt zwischen jenen Ländern, in denen Homosexualität staatlich massiv verfolgt wird und den Fluchtkorridoren der meisten derzeit Fliehenden. Daraus folgt die missliche Konstellation, dass sich die Flucht für diese spezifische Gruppe der Flüchtenden als besonders gefährlich darstellt.

Und damit ist es nicht vorbei, wenn die Betroffenen in Europa angekommen sind. In mehreren Beiträgen wird beschrieben, wie die Schwierigkeiten im deutschen und europäischen Asylsystem aussehen, denen die Geflüchteten begegnen. So erzählt die Autorin Hannah Kassimi von Fllanxa Murra, einer albanischen, lesbischen Romni, die zudem schwer beeinträchtigt ist, da sie als Kind durch eine Landmine beide Beine verloren hat. Von ihrer Familie wurde sie verstoßen, ein Mann, der ihr zur Flucht nach Deutschland verhalf, vergewaltigte und zwangsprostituierte sie. Die mehrfach traumatisierte Frau wurde abgeschoben – Albanien gilt als sicheres Herkunftsland. Mannigfaltig sind auch die Berichte Homosexueller aus islamischen Ländern, die in den Gemeinschaftsunterkünften von Muslimen bedroht werden oder sogar teils schwerer Gewalt ausgesetzt sind. In Anhörungen zum Asylverfahren werden dann „Beweise“ gefordert, dass man homosexuell ist und Ablehnungsbescheide damit begründet, man könne im Herkunftsland ja in eine Metropole ziehen, die seien schließlich liberaler.

Was den zweiten Aspekt angeht, wird das Buch der Tradition gerecht, in der es erscheint. Herausgegeben vom Historiker Vojin Saša Vukadinović gehört der Sammelband zur sogenannten Kreischreihe des Querverlags. Den Auftakt bildete 2017 das Buch Beißreflexe, das hegemoniale Ansichten im linken, speziell im queeren Aktivismus kritisch in die Mangel nahm und offenbar derart einen Nerv traf, dass es bereits in vierter Auflage erschienen ist.

Vukadinović, der schon in der Beißreflexe-Debatte eine gewisse Rolle spielte und nun nach Freiheit ist keine Metapher bereits seinen zweiten Band in der Reihe herausgibt, polemisiert im Vorwort erneut gegen diesen Aktivismus. Es gehe dessen Vertreter:innen nicht darum, sich mit realen Fluchtursachen auseinanderzusetzen, sondern die Geflüchteten für die eigene Vorstellung einer Politik, die nur noch aus „Strukturen“ und „Diskursen“ bestehe, in Beschlag zu nehmen. Exemplarisch dafür ist ein Zitat der Anthropologin Mengia Tschalaer: „Erfolgreiche Asylanträge erzeugen notwendig einen rassistischen, kolonialistischen Diskurs, der den Nationalstaat, aus dem der Asylsuchende stammt, in ein negatives Licht stellt.“ Also: Nicht Staaten wie der Iran, wo Homosexuelle brutal hingerichtet werden, sorgen für ihr schlechtes Image, sondern das kleine bisschen Schutz, das ein zum Rudiment zerschlagenes Asylrecht wie das deutsche noch zu gewähren vermag.

Dieser Verdrehung liegt die Annahme zugrunde, Menschen im Osten oder Süden seien grundverschieden von jenen im Westen. Diese Ansicht geht auf eine spezifische Rezeption postkolonialer Kritik an westlichen Vorstellungen des Orients zurück. Sie ist nicht nur deswegen fatal, weil sie jenen Stimmen, die sich gegen menschenfeindliche Umstände in Ländern, in denen Freiheitsrechte nichts gelten und wo das Individuum „ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx) auflehnen, faktisch die Solidarität entziehen. Fatal ist diese Auffassung auch, weil sie, wie der Soziologe Vivek Chibber in Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals herausgearbeitet hat, letztlich rassistisch ist.

Dialektik der Emanzipation

Kein Wunder also, dass der homosexuelle afghanische Schriftsteller Nemat Sadat berichten kann, wie er von Linken kritisiert wurde, nachdem er sich zum Attentäter von Orlando geäußert hatte. Ihm sei gesagt worden, er sei islamophob – „weil ich über LGBT-Belange in Afghanistan spreche!“

Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Begriff „Homonationalismus“ zu. Dessen Kritik widmet sich der Politologe Moritz Pitscheider. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung einer Allianz von Homosexuellen und dem Nationalstaat – gerichtet gegen Muslime. Verkürzt ausgedrückt: Durch die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen seien diese Teil eines Diskurses, in dem die „Anderen“, also Araber und Muslime, notwendig als sexuell rückständig und brutal erscheinen müssen. Es fällt unter den Tisch, dass Gewalt und Unterdrückung homosexueller Menschen durch Muslime schlicht Fakt ist. Pitscheiders Verdienst ist, klarzustellen, wo der grundlegende Irrtum des Homonationalismus-Vorwurfs liegt: Mit Marx unterscheidet er zwei Arten der Emanzipation, die politische und die menschliche. Erstere bezeichnet eben jene rechtliche Anerkennung, die Homosexuelle bitter erkämpfen mussten, und die Ausdruck auch im dem Asylrecht zugrunde liegenden Gedanken findet. Im bürgerlichen Staat überhaupt zum bürgerlichen Subjekt zu werden, ist Emanzipation, über deren Dialektik man sich keine Illusionen machen muss: mit ihr geht die Unterwerfung unter die politökonomische Struktur einher.

Jene politische Emanzipation ist jedoch mitnichten ein Ausdruck westlicher, imperialistischer Kultur. Sie wird zweifelsohne von Herrschenden diskursiv in Anschlag gebracht, um Überlegenheit zu demonstrieren – doch in ihr birgt sich Potenzial, auch die menschliche Emanzipation zu erreichen, die davon unbenommen bleibt. Die Idee universeller Gleichheit und Freiheit kann auch in den Herkunftsländern vieler (homosexueller und transgeschlechtlicher Geflüchteter) wirksam werden. Nicht unbedingt von außen aufgezwungen, sondern beispielsweise in Form von „demokratischen Iterationen“, wie sie die US-amerikanische Theoretikerin Seyla Benhabib in ihrem Buch Kosmopolitismus ohne Illusionen beschrieben hat. Das wäre ein Projekt, das einer globalen Linken würdig wäre – und die effektivste Form der Fluchtursachenbekämpfung.

Info

Zugzwänge – Flucht und Verlangen Vojin Saša Vukadinović (Hrsg.) Querverlag 2020, 432 S., 18 €

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