Als Gegner unerbittlich

Frankreich Die Gelbwesten lassen sich auch jetzt nicht davon abhalten, Präsident Macron Paroli zu bieten
Als Gegner unerbittlich
Bei den Gelbwesten engagieren sich gerade die, für die Homeoffice keine Option ist

Foto: Alain Jocard/AFP/Getty Images

Gelbe Pünktchen halten achtsam Abstand voneinander. Aus der Vogelperspektive sehen sie aus wie ein kleiner Schwarm mitten auf der Fahrbahn. Doch als sie näherkommen, sind ihre Warnwesten gut zu erkennen. An diesem Wochenende hat sich im nordöstlichen Pariser Vorort Pantin eine Handvoll Frauen und Männer zum Spaziergang verabredet, nicht ohne die strengen Regeln der Ausgangssperre einzuhalten: Bis einen Kilometer entfernt vom eigenen Zuhause dürfen sie unterwegs sein, die jedes Mal neu auszufüllende Genehmigung in der Tasche. Eigentlich würden sie jetzt auf dem Marktplatz lieber Flyer verteilen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen und Flagge zu zeigen. Doch in Corona-Zeiten gelten beim „Acte 74“, dem 74. Protestsamstag der Gelbwesten, andere Regeln. Für eine Bewegung, die so sehr auf Sichtbarkeit setzt, auf den persönlichen Austausch an Kreisverkehren und auf die spontane Zusammenkunft, sind die Zeiten besonders schwer. Dabei bleiben sie auch jetzt ihren Prinzipien treu und weisen vertikale Strukturen zurück. Das heißt, es gibt keine Sprecher und keine Anführer, alle sollen zu Wort kommen.

Verfassung erneuern

Deswegen wird auf die Anfrage, ob in der aktuellen Lage ein Interview möglich sei, mit der Gründung einer Whatsapp-Gruppe reagiert, in der um die zehn Gelbwesten mitdiskutieren, und man sich schließlich zu einer Videokonferenz verabredet. Pablo und Amara sind da, Nadège und Samia schalten sich dazu. Sie alle wohnen nur ein paar Hundert Meter voneinander entfernt. Die Tonlage ist vertraut und respektvoll. Selbst virtuell spürt man einen engen Zusammenhalt. „Mit unserer Aktion auf der Straße sind wir schon ein kleines Risiko eingegangen, aber wir wollten auch der Bevölkerung hier zeigen, dass es uns noch gibt“, erzählt Pablo.

In den ersten Monaten nach Gründung der lokalen Gelbwesten-Gruppe in Pantin am 10. Dezember 2018 kamen zeitweise über Hundert Menschen im kleinen Café Chez Agnès am Canal de l’Ourq zusammen, das jetzt geschlossen bleiben muss. Heute gehören noch um die 30 Aktivisten zum „harten Kern“, der nicht aufgeben will. Einige von ihnen haben sich dem Kollektiv „Nous sommes Pantin“ angeschlossen, das sogar mit einer Liste bei den Gemeindewahlen angetreten ist und in der ersten Wahlrunde am 15. März, die trotz der Corona-Infektionsgefahr stattfand, mit knapp 500 Wählerstimmen auf sechs Prozent kam. Andere aber glauben wie Nadège längst nicht mehr an die repräsentative Demokratie. Hinter ihr hängt neben dem Bücherregal die gelbe Weste wie ein Bilderrahmen an der Wand. „An den Urnen stimmt in Frankreich nur die Bourgeoisie ab. Viele der gesellschaftlich Abgehängten gehen nicht mal zur Wahl. Einen echten Wandel, wie wir ihn fordern, kann es nur durch eine neue Verfassung geben. Der einzige Weg dahin bleibt der Kampf“, ist sie überzeugt.

Amara mit seinem blonden Lockenkopf nickt, als er an der Reihe ist, und fügt hinzu: „Das Bewusstsein der Menschen muss erst einmal geschärft werden!“ Seit Beginn ihres Engagements verstand sich die Gruppe, in der verschiedenste Alters- und Berufsgruppen zusammenkommen, als Sprachrohr jener, die stets daran gewöhnt waren, still- und auszuhalten: Kassiererinnen, gering qualifizierte Arbeiter, Putzfrauen, kleine Angestellte. Jetzt, wenn das Virus viele Menschen in einen Pausenmodus versetzt, sind gerade sie unverzichtbar. Sie stehen in vorderster Front, um Emmanuel Macrons Kriegsrhetorik aufzugreifen, deren er sich bei seinen ersten Corona-Ansprachen immer wieder bediente: „Wir sind im Krieg!“

Die Gelbwesten kämpfen nicht erst seit Ausbruch der Pandemie gegen die Politik des ihnen verhassten Staatschefs. „Wir hier in Pantin zeichnen uns durch eine besondere Hartnäckigkeit aus“, sagt Samia lächelnd in ihr Headset, neben ihr leuchten lila Balkonpflanzen. „Macron spielt sich gerade als Wohltäter auf. Aber das bedeutet keine Abkehr von seiner Politik und schon gar nicht eine Rückkehr zu mehr Sozialstaat. Sein Verhalten jetzt in der Krise hat meine Wut auf ihn nur noch vergrößert. Diese Doppelzüngigkeit ist eine Beleidigung der unteren Klassen.“ Dass sich Macron gerade Pantin ausgesucht hatte, um am 8. April einer Pflegestation einen Besuch abzustatten, dazu schrieb Thibaut schon vorab via Whatsapp: „Die Bewohner dieses Departements, Seine-Saint-Denis, leiden schon seit Jahrzehnten unter der neoliberalen, todbringenden Politik. Und gerade hier schlägt er auf. Dass er dann noch eine private Pflegeeinrichtung besucht, obwohl es drei Gemeindezentren gibt, offenbart seine Vorstellungen von unserem Gesundheitssystem.“ Um den Ärmsten zu helfen, unterstützt die Gruppe zwei Mal pro Woche eine Kollekte von Lebensmitteln, Kleidung und Schutz- sowie Hygieneartikeln.

Keiner von ihnen glaubt, dass es Macron ernst meint, wenn er im Fernsehen Verbesserungen bei der Bezahlung von Geringverdienern anmahnt oder den Ausbau von Krankenhäusern. Verlangte er nicht in den vergangenen Jahren allerorts Einschnitte, zuletzt mit dem geplanten vereinheitlichten Punktesystem bei der Rente? Ohnehin hat er in ihren Augen auch als Krisenmanager versagt. Thibaut glaubt: „Es wurden keine konsequenten Maßnahmen ergriffen, um die Arbeiter zu schützen. Mit dem Ausnahmezustand geht es vielmehr um die Interessen der Unternehmer und Financiers.“ Und Amara stimmt ein: „Aus seinem Mund klingt das alles falsch, was er jetzt sagt.“

Zwar sollen einer Umfrage zufolge wieder 46 Prozent der Franzosen der Regierung unter Emmanuel Macron in der Krise vertrauen, doch im Vergleich zu Deutschland ist das auffallend niedrig. Dabei ist es erst recht in Krisenzeiten traditionell die Mission des Präsidenten im französischen Zentralstaat, die Bevölkerung zusammenzuhalten und zu führen.

Präsenz zeigen

Doch das Vertrauen der Männer und Frauen in den gelben Westen, von Sympathie ganz zu schweigen, hat Macron lange verspielt. „Ganz sicher wird er das kapitalistische System nicht infrage stellen“, glaubt Nadège. Die nächste Herausforderung für die Gruppe wird der 1. Mai sein. Das bleibe ein ganz wichtiges Datum, da sind sich alle einig. Es komme nicht infrage, wegen der Repressionen, die dazu zwingen sollen, die Ausgangssperre einzuhalten, diesen symbolischen Tag nicht zu nutzen, um Präsenz zu zeigen. Wie genau ihr Protest aussehen wird, können und wollen sie noch nicht sagen. Nadège versichert am Ende: „Vielleicht wird das illegal sein, was wir machen werden, aber unsere Verabredung steht.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 28.04.2020
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 33/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3