Die Befreiung von Paris

Frankreich Die Hauptstadt galt lange als schmutzig und mit Autos vollgestopft, doch jetzt ist die Verkehrswende nicht mehr aufzuhalten. Wie kam es dazu?
Die Befreiung von Paris
So geht Verkehrswende: Auf einmal ist sogar in Paris Platz für das Fahrrad – auf Kosten der Autos

Foto: Ludovic Marin/AFP via Getty Images

Neulich auf dem Beifahrersitz: Die vom Navi angezeigte Strecke beträgt eigentlich nur knapp fünf Kilometer bis zur Place de la Bastille. Wieso lautet die berechnete Fahrzeit dann bitteschön 50 Minuten? Definitiv unzuverlässig heutzutage, diese Dinger. Kann ja nicht sein, aber vielleicht versucht irgendwo dort vorn ein Kehrfahrzeug, die Reste eines Wochenmarkts zu beseitigen? Vielleicht ein Umzugswagen, ein Unfall oder wieder einmal eine Demonstration oder ein Streik? Von hinten dudelt vergeblich eine Feuerwehrsirene. Ja, Herrgott, man würde ausweichen, aber wie? Schließlich, ein paar Meter vorn rechts: der weiße Lieferwagen will ausparken. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, einfach den Wagen dort abstellen, den letzten Kilometer laufen, sich eine weitere halbe Stunde im Stau sparen. Die Nerven liegen blank. Nur noch fünf Autos bis zur verdammten Lücke, doch in jeder Ampelphase schafft es nur ein halbes Fahrzeug, sich quälend und zentimeterweise auf die Kreuzung vorzuschieben. Da, endlich, die Lücke, doch sie erweist sich als ein Lieferparkplatz. Egal! Bis hier ein Abschleppfahrzeug durchkommt, bin ich längst zurück.

Neulich an der Fahrradampel: Selten war Schlange stehen in Paris so schön. Dieser Augenblick, wenn sich der Pulk bei Grün durch beherztes Treten in die Pedale schwankend, aber sicher in Bewegung setzt. Magnifique. Lange Jahre war man als Fahrradfahrer in der französischen Hauptstadt eher einsam unterwegs. Heute muss man hochkonzentriert sein, um sich unfallfrei in die lange Perlenschnur der Radler einzufädeln. Zwar gibt es seit 2007 das weit ausgebaute Leitfahrradsystem „Vélib“, dazu Radwege und mittlerweile sogar Fahrradspuren. Und dennoch war lange Zeit einiges an Wagemut nötig, um sich zwischen parkenden, fahrenden, überholenden oder entgegenkommenden Fahrzeugen einen Weg durch den Pariser Verkehr zu bahnen. Mittlerweile jedoch ist man nicht mehr allein. Durch die Streiks gegen die Rentenreform, also den wochenlangen Ausfall der Metro, und durch Corona hat das Fahrradaufkommen in der Stadt um über 65 Prozent zugenommen. Jetzt gibt es dieses stolze Überlegenheitsgefühl, wenn man an den kriechenden Blechschlangen vorbei radelt oder sich verwegen die Vorfahrt nimmt: „Eure Zeit ist vorbei! Jetzt gehört sie uns, die Straße!“

Alexis Frémaux, Präsident des Vereins „Mieux se déplacer à bicyclette“ (Besser unterwegs mit dem Rad) sieht es so: „Paris musste von ganz weit hinten aufholen. Der Wandel ist beeindruckend und hat sich extrem beschleunigt, aber trotzdem bleibt es mit Kindern und an vielen Orten noch immer gefährlich auf dem Rad.“ Will heißen: Paris ist noch lange nicht Amsterdam! Aber Paris ist für Radler kein lebensgefährlicher Albtraum mehr wie noch vor Jahren. Stattdessen ist Autofahren beschwerlicher geworden. Die seit einigen Jahren stark vorangetriebene Verkehrswende hat mit dem seit Sommer geltenden Tempolimit von 30 km/h nahezu in der gesamten Stadt einen weiteren Höhepunkt erreicht. Symbolisch nur, denn bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von tagsüber 11,6 km/h auf den Pariser Straßen ändert sich durch das Tempolimit für Autofahrer eigentlich nichts, man steht mehr, als zu fahren.

Die Jeanne d’Arc dieser Transformation heißt Anne Hidalgo und sitzt seit 2014 als Bürgermeisterin im Pariser Rathaus. Bereits ihr Vorgänger Bertrand Delanoë, ebenfalls ein Sozialist, setzte sich für die Reduzierung des Autoverkehrs und der Luftverschmutzung ein, doch erst Hidalgo ergriff die einschneidenden Umbaumaßnahmen und führte dabei die härtesten Kämpfe mit ihren Widersachern. Für die konservativen Republikaner und ihre Anhänger ist Anne Hidalgo zu einer regelrechten Hassfigur geworden. Deren Hauptargument lautet: Durch die Verdrängung des Automobils würden die sozial Abgehängten aus den Vorstädten noch weniger Zugang zur Hauptstadt bekommen.

Immer quicklebendig

Eine aufschlussreiche Intervention für Politiker, die vornehmlich aus dem Bürgertum stammen und finanziell häufig zu den Besserverdienern gehören. Das Auto sei „Symbol von Autonomie und Freiheit“, habe „eine geografische und soziale Emanzipation erlaubt“, schreibt zum Beispiel das Institut für wirtschaftliche Freiheit (IREF), eine Art Think Tank des Neoliberalismus. Das IREF will den Einfluss des Staates reduzieren und die Steuerlast senken. Es beklagt: „Autofahrer werden heute für alles Schlechte schuldig gesprochen, von der Luftverschmutzung bis zu Unfällen. Dieser Verrat seitens der öffentlichen Hand ist immer schwerer zu ertragen. Anne Hidalgo belegt unter allen Autogegnern unangefochten Platz eins: Immer stärkere Restriktionen durch das Tempolimit, immer weniger Fahrspuren, keine kostenlosen Parkplätze in der Stadt: Es wird alles getan, um Autofahrer zu stigmatisieren und ihnen das Fahren in der Stadt zu vermiesen.“

Aber es geht noch weiter. Der Kampf gegen das Auto sei der Kampf gegen Freiheit und die individuelle Verantwortung. Genommen werde den Menschen das Recht, der Beengtheit in der Metro zu entfliehen und über ihre persönliche Sicherheit zu entscheiden. Der Mensch sei zur Passivität in den öffentlichen Verkehrsmitteln gezwungen. Es manifestiere sich hier ein anthropologischer Konflikt zwischen Fahrer und Passagier. Ganz schön schweres Geschütz!

Dass die Verkehrswende nicht reibungslos ablaufen würde, merkte Hidalgo schon bei der Schließung der Voie Georges Pompidou, jener West-Ost-Schnellstraße direkt am Seine-Ufer, in den 1960er-Jahren erbaut als Symbol der Modernität. Erst 2017 wurden die Seine-Ufer wieder exklusiv für Fußgänger freigegeben, begleitet von Protesten wütender Autofahrer, die für die Durchquerung der Stadt nun wesentlich mehr Zeit einplanen mussten. Zugleich gab es einen Offenen Brief von 168 Bürgermeistern der umliegenden Gemeinden, die um die Lebensqualität ihrer Bürger durch die längeren Fahrtwege in die Hauptstadt fürchteten. Doch dass Hidalgo am Ende zumindest die Pariser und Pariserinnen mit ihrer Politik überzeugen konnte, belegte ihre Wiederwahl 2020. Mobilität war eines der großen Themen der Kampagne. Hidalgo ging mit der Vision von einer „Stadt der Viertelstunde“ ins Rennen: Alles Wichtige soll zukünftig in 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein, Einkaufen, Arztbesuch, Parks oder aber die Möglichkeit, einen Co-Working-Arbeitsplatz zu nutzen, um nervige Anfahrtswege zu sparen. Das Konzept setzt nicht allein auf andere Formen von Mobilität, sondern schlicht auf deren Reduzierung. Die Zeichen dafür standen noch nie so günstig wie heute, denn seit die Pariser mit der Pandemie schmerzlich zu spüren bekamen, was ein Mangel an Parks und Grünflächen für eine Großstadt bedeutet, sind viele bereit, im wörtlichen Sinne umzusatteln.

Ein Verbot von Dieselfahrzeugen ab 2024 und ein generelles Verbot von Verbrennungsmotoren ab 2030 soll Paris zur kohlendioxidneutralen Metropole machen. Um Mobilität zu garantieren, wird gleichzeitig unter dem Label „Paris Express“ der Ausbau des Metronetzes massiv vorangetrieben. Das heißt, vier neue Linien führen zu einem um gut 200 Kilometer verlängerten Streckennetz. Die Olympischen Spiele in drei Jahren haben das Tempo nochmals beschleunigt. Die Spiele sollen die nachhaltigsten werden, die es jemals gab, und das Bild einer grünen, lebenswerten Stadt in die Welt senden. Passend dazu wird die Innenstadt in den kommenden Monaten zur „Zone à trafic limité“, zur verkehrsberuhigten Zone, in der viele Straßen ausschließlich Fußgängern und Fahrradfahrern vorbehalten sind.

Pierre Chasseray, Sprecher des Vereins „40 millions d’automobilistes“, malt vor diesem Hintergrund ein düsteres Bild von der Zukunft und erklärt sich zum Anwalt der Vorstadtbewohner und Touristen, denen die Freude an einem Besuch der Hauptstadt genommen werde. „Die Stadt zieht sich in sich selbst zurück, die Stadt der Lichter wird nach und nach erlöschen. Ohne Vorstädter, die hier nicht mehr erwünscht sind. Paris unter einer Glocke. (...) Von Touristen gemieden, die sich anderswo willkommener fühlen: eine tote Stadt. Nicht einmal mehr eine Stadt, der Schatten einer Stadt.“ Wer allerdings in diesen Tagen einen der über 9.000 Parkplätze nutzt, die für mehr Corona-Abstände in Caféterrassen umgewandelt wurden, wer am Canal Saint-Martin mitten auf der autofreien Straße spaziert, wer auf der Rue de Rivoli ungefährdet am Tuileriengarten vorbei radelt, der hat ein ganz anders Gefühl: Paris ist quicklebendig.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 10.10.2021
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 42/2021

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