Kein Bistrotisch, nirgends

Frankreich Terror, Corona, Ausgangssperre: Eine Radtour durch Paris an einem Samstag
Kein Bistrotisch, nirgends
Im Grand Palais wartet gerade die Ausstellung über eine versunkene Stadt vergebens auf Besucher, es geht um Pompeji

Foto: Villette Pierrick/Avenir Pictures/Abaca/dpa

Sonnentrunken liegt sie da wie eine schlafende Schönheit. Ein letzter Gruß des Spätsommers erreicht die Stadt an diesem Novembersamstag. Der stete Zauber von Paris macht einen Moment lang vergessen, wie düster es um Frankreich steht, nicht erst seit Corona. Dabei glänzen überall die Leihfahrräder im Licht, das Laub hinterlässt bunte Farbflecken auf den Trottoirs. Doch jetzt ist der Bewegungsradius der Franzosen wieder auf einen Kilometer um das eigene Zuhause begrenzt. Es sei denn, es liegen berufliche Gründe vor, wie bei dieser Gruppe lebhaft diskutierender Jungs, unter ihnen kein einziger Weißer: An der Place Stalingrad haben sie mit ihren Rädern und Rollern einen Kreis gebildet. In dessen Mitte stehen die großen Liefertaschen von Uber Eats oder Deliveroo. Mit ihren Pizzakartons und Sushi-Boxen durchqueren die jungen Männer eine Stadt, die sonst wenig für sie übrig hat. Die für Flaneure und Bistros, für Modeboutiquen und breite Boulevards geliebt wird, die von Gerüchen, Geräuschen und ihren Lichtern lebt.

Nie war es trostloser, das herbstliche Paris zu durchqueren als in diesen Tagen, wo Menschen auf Abstand bleiben, kein Geschnatter mehr von Caféterrassen dringt. Nie war es schwieriger, den Gemütszustand einer Nation zu ergründen, die verunsichert und voller Selbstzweifel ist, zurückgezogen ins Private. Paris symbolisiert alles, worauf Frankreich stolz ist: seine Kunst und Kultur, Sprache und Geschichte, der Anspruch auf Universalität seiner Menschenrechte. Eine Fahrt auf dem Rad durch diese Stadt an diesem Novembersamstag ist eine Spurensuche, beginnend im Nordosten, vorbei an den Fahrradlieferanten, abwärts den Canal Saint-Martin entlang, wo junge Familien das erlaubte Stündchen Spaziergang genießen. Ein friedliches Bild fast, bis auf die allgegenwärtigen Masken, die schon seit Wochen auch unter freiem Himmel vorgeschrieben sind. Wenn sich die Franzosen eines Tages an die Coronazeit erinnern, wird ihnen weder ein bekannter Virologe noch Toilettenpapier in den Sinn kommen, aber ganz sicher das Hickhack um die Mund-Nasen-Bedeckung. Dass das Krisenmanagement der Regierung in Frühjahr als so katastrophal wahrgenommen wurde, lag allem voran an der missratenen Kommunikation über den angeblichen Unsinn von Masken und den Versuch, den Mangel an solchen kleinzureden.

Polizisten am Bataclan

Nun trifft die zweite Coronawelle das Land mit aller Wucht, Masken gibt es mittlerweile, aber sonst ist die Lage noch bedrohlicher als im Frühjahr. Nur wenn die Zahlen von zuletzt 60.000 Neuinfektionen und mehr als 800 Todesfällen pro Tag durch den zweiten Lockdown deutlich sinken würden, gäbe es Anlass zu Hoffnung. Stattdessen ist zu befürchten, dass schon Ende des Monats die Kapazitätsgrenzen eines seit Jahren heruntergesparten Gesundheitssystems erreicht sind und nicht mehr alle Covid-19-Patienten angemessen behandelt werden können. Es ist mehr als ungewiss, ob die Ausgangssperre, wie vorgesehen, tatsächlich Anfang Dezember aufgehoben wird. Dabei will sich kein Pariser seine Stadt dauerhaft ohne die kleinen Bistrotische auf den Bürgersteigen vorstellen.

An der Kreuzung zum Boulevard Voltaire taucht rechts, zwischen den letzten gelben Blättern an den Bäumen, das Bataclan auf. Zwei schwer bewaffnete Polizisten patrouillieren vor dem geschlossenen Konzertsaal. Auf dem Mittelstreifen des Boulevards betritt man einen kleinen Park. Vor dem unscheinbaren Gedenkstein mit den vielen eingravierten Namen stehen Chrysanthemen und Stiefmütterchen, ein brauner Porzellandackel und ein Foto, das ein lächelndes junges Paar zeigt. Auf den Tag genau fünf Jahre liegt die Terrornacht am 13. November zurück: 2015, zehn Monate nach den Attentaten auf die Charlie-Hebdo-Redaktion und einen jüdischen Supermarkt. Seitdem hat Frankreich unfreiwillig lernen müssen, mit einer permanenten Terrorgefahr zu leben. In keinem anderen europäischen Land hat es so viele islamistisch motivierte Anschläge gegeben, die jüngsten liegen ja nur wenige Tage zurück.

Zum Auftakt des Prozesses gegen die Unterstützer der Attentäter von damals druckte Charlie Hebdo nun erneut die umstrittenen Mohammed-Karikaturen ab. Für die einen war das ein mutiges, notwendiges Zeichen für die Meinungsfreiheit, für die anderen ein Spiel mit dem Feuer, ein Brandbeschleuniger für Spaltung, Hass und Gewalt. Drei islamistisch motivierte Gewalttaten hat es seitdem gegeben, und keine hat Frankreich so sehr in die Seele getroffen wie der Mord an dem Lehrer Samuel Paty. Im Kopf hallen die Worte von Laurence de Cock, die als Lehrerin und linke Aktivistin seit Jahren für eine neue Art der Geschichtsvermittlung im Unterricht plädiert: „Wir gleiten in eine andere Realität ab, in der ein Lehrer für seinen Unterricht geköpft wird und kurz darauf vier Zehnjährige einen Tag lang auf dem Polizeipräsidium festgehalten und verhört werden, wegen angeblicher terrorverherrlichender Äußerungen am Gedenktag für Samuel Paty. Mir kommt es so vor, als schwänden all unsere erzieherischen Prinzipien von Tag zu Tag.“

Foto: Kiran Ridley/Getty Images

An die großen Versprechen des französischen Staates erinnert wenige hundert Meter weiter die 25 Meter hohe Mariannenstatur, das Monument der Republik. An normalen Tagen wuseln von allen Seiten Menschen auf den hellen, steingepflasterten Platz, jetzt sind außer ein paar Skateboardern kaum Leute unterwegs. Drei Frauenskulpturen verkörpern am Fuße der Marianne den stolzen Dreiklang von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Ein nie eingelöstes Versprechen für jene Franzosen, denen wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe der Zugang zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt häufig verschlossen bleibt. Eine neue „Methode“ für die Banlieues hatte Emmanuel Macron 2018 angekündigt, wollte Diskriminierung und Drogenhandel bekämpfen, wollte den Vorstädten einen Platz in der Republik einräumen. Wo dieser Platz sein soll, diese Frage ist bis heute unbeantwortet. Eine jahrzehntelang verfehlte Stadtpolitik, der Rückbau des öffentlichen Dienstes und eine repressive Sicherheitspolitik haben die Lage zugespitzt. Viele sehen längst keinen Weg mehr aus den Vorstädten, suchen nach neuen Heilsbringern. Leichte Beute für radikale Imame. 2.000 Franzosen haben in den vergangenen Jahren das Land in Richtung Syrien verlassen. Wenn dann der türkische Präsident Erdoğan in Macrons Ankündigung, Moscheen besser überwachen zu wollen, Feindseligkeit gegenüber Muslimen in Europa wittert, klatschen manche Banlieue-Bewohner Beifall.

Kollision auf dem Mittelmeer

Und wenn es wie im Sommer zum Zusammenstoß eines französischen und eines türkischen Kriegsschiffes im Mittelmeer kommt, schaukeln sich Paris und Ankara gegenseitig hoch. Frankreichs Präsident hoffte vergeblich auf den Rückhalt von EU-Partnern, die sich wegducken, weil sie stets fürchten, Ankara könnte die Tore für neue Flüchtlingsströme öffnen. So ist aus Macron unfreiwillig das europäische Staatsoberhaupt geworden, das die Werte der westlichen Welt verteidigen soll – in Abgrenzung zur muslimischen. Eine Auseinandersetzung, die gerade Frankreich mit seiner Kolonialgeschichte fürchten muss – in einem lange vom Katholizismus geprägten und schließlich laizistisch organisierten Staat, in dem Muslime heute acht Prozent der Bevölkerung ausmachen, wird der vermeintliche Kulturkampf schnell zur Zerreißprobe.

„Der Laizismus in seiner Ursprungsidee ist zwar eine gute Sache“, sagt Laurence de Cock. „Doch mittlerweile ist er zu einem Instrument der Ausgrenzung geworden und die betrifft nur eine einzige Religion, den Islam. Viele Muslime sind keine Gegner des Laizismus, im Gegenteil, doch sie fordern zu Recht das Ende der Stigmatisierung ihrer Religion.“ Das Klima ist wieder rauer geworden zuletzt. Innenminister Gérald Darmanin brandmarkt Halal-Regale im Supermarkt als spalterisch, eine große Moschee vor den Toren Paris’ wird zeitweilig geschlossen und alles spricht von einem Separatismus-Gesetz, mit dem Prediger und Islamlehrer stärker üPompeji über die versunkene Stadt wartet vergebens auf Besucher.

Gelbwesten auf Arbeit

Einige Polizisten winken die wenigen Fahrzeuge und Radfahrer zur Kontrolle an den Straßenrand. Wer keinen triftigen Grund und kein ausgefülltes Formular, das „Attest“, vorzeigen kann, muss 135 Euro Strafe berappen. Es geht überwiegend freundlich zur Sache. Nichts erinnert an die Straßenschlachten vor zwei Jahren, als Polizisten und wütende Bürger in gelben Warnwesten hier aufeinanderprallten. In der Coronakrise ist es still geworden um die Bewegung der Gilets Jaunes, die besonders von Menschen auf dem Land getragen wurde, die trotz Gewalt und Plünderungen vielen ein Gefühl des Zusammenhalts schenkte. Jetzt dürfen sie coronabedingt nicht mehr auf die Straße. Viele der Demonstranten von damals sind heute damit beschäftigt, das Land am Laufen zu halten: als Lehrerinnen, Kassierer oder Pflegekräfte. Wie mag es in ihren Ohren klingen, wenn die Regierung ihnen nun eine Prämie verspricht, damit sie auf Urlaub verzichten und Coronakranke pflegen? Jüngst noch beantwortete der Staat ihre Proteste mit Tränengas und Gummiknüppeln.

Der damals beschädigte Triumphbogen ist repariert, der Kreisverkehr um ihn herum fast völlig leer. Es geht in die entgegengesetzte Richtung wieder zurück ins Zentrum, vorbei am Louvre, dem Musée d’Orsay, am Rathaus, bis vor die Baustelle rund um Notre-Dame. Die jüngste Vergangenheit hat auch hier Spuren hinterlassen. Dass die Kathedrale überhaupt noch steht, war für alle, die den Brand im vergangenen Jahr live mitverfolgten, ein Wunder. Nur eine Millisekunde lang gab es da diese Illusion von nationaler Einheit. Wie nach jedem Anschlag oder wie im Frühjahr, als abends von Balkonen für das medizinische Personal applaudiert wurde. Doch in Wirklichkeit geht es den Franzosen gerade so wie ihrer Hauptstadt: Es fehlen Geselligkeit, Austausch, Miteinander, Verständnis. Was bleibt, sind die schönen Fassaden der Vergangenheit, die Idee einer Nation mit großen Ansprüchen und Versprechen, aber wenig Durchlässigkeit von den Eliten bis zu den Abgehängten, den ewig Miserablen. 2022 stehen Präsidentschaftswahlen an und Marine Le Pen wie ihre Truppen schon bereit. Die große, nationale Protestbewegung gegen Rassismus, Polizeigewalt, Diskriminierung und Armut, von der Laurence de Cock träumt, ist nicht in Sicht. Der Traum von sozialem Frieden, vom friedlichen Nebeneinander der Religionen, von Klimagerechtigkeit und vom Ende des Terrors schien selten so wirklichkeitsfremd wie 2020.

So endet die Fahrt mit Ratlosigkeit an der Bastille, wo mutterseelenallein ein rosafarbener Jahrmarktkiosk mit Crêpes, Zuckerwatte, Softeis und gebrannten Mandeln zum Mitnehmen dem Umstand trotzt, dass hier jetzt nur so wenige Menschen spazieren. Im Hintergrund geht langsam die Sonne unter, bald drehen die Lieferanten wieder ihre Runden in der versunkenen Stadt.

Romy Straßenburg, Autorin des Buches Adieu Liberté (2019), wurde auf den Champs-Élysées auch kontrolliert, konnte aber Presseausweis sowie „Attest“ vorweisen. Mit Bianca Hauda moderiert sie das Kulturmagazin Twist auf Arte

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06:00 16.11.2020
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

Ausgabe 48/2020

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