Das Gesellschaftsexperiment

Coronakrise Plädoyer für ein Umdenken und einen wirklichen Neustart unserer Gesellschaft
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Das Gesellschaftsexperiment
Unser bisheriges kapitalistisches und wachstumsorientiertes System ist faktisch gescheitert

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Dass wir uns aktuell in einem Ausnahmezustand befinden, wie ihn dieses Land seit 75 Jahren nicht mehr erlebt hat, muss ich mittlerweile niemandem mehr sagen. Denn wir nehmen alle wahr, wie sehr wir unser Leben in den vergangenen Wochen verändert haben. Teils durch eigene Entscheidungen, Teil durch (notwendige) staatliche Restriktionen. In der Frage nach Sofortmaßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie waren sich nahezu alle Politiker, sowie eine große Mehrheit der Bevölkerung einig.
Doch nun, wo es um die Frage geht, wie wir aus dieser Situation wieder heraus kommen und uns in eine neue Normalität bewegen, beginnt der eigentliche Diskurs. In diesem Diskurs sollten wir uns nicht davor scheuen Haltungen einnehmen, die auch mal ein bisschen an unserem Gesellschaftsmodell rütteln. Denn so fortschrittlich unsere Demokratie gegenüber den Diktaturen und Monarchien der Vergangenheit und Gegenwart auch ist, müssen wir uns auch eingestehen, dass sie nicht Perfekt ist. Wenn wir unsere Demokratie erweitern wollen, müssen wir dafür sorgen, dass alle Menschen in jeder Krise sozial abgesichert sind. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie wir unsere Wirtschaft so gestalten, dass sie Krisen selbstbewusst und resistent begegnen kann und alle Menschen von der wirtschaftlichen Lage profitieren lässt. Auch hier greift das Stichwort „Demokratisierung“. Das „bedingungslose Grundeinkommen“ oder auch Vergesellschaftungen sollen hier nur zwei Stichworte und ein kleines Beispiel sein.

Wir müssen uns einer größen Debatte stellen

Bei dem Versuch unsere Demokratie zu erweitern und unsere Gesellschaft, unser Leben, umzugestalten, werden wir unweigerlich neue Ideen kreieren, erproben und vielleicht auch wieder verwerfen, um den nächsten Ansatz zu testen. So wie auch vorherige Generationen bei großen Umbrüchen auf die Nase flogen und nachjustieren mussten, so werden auch wir nicht um das Ins-ungewissen-schauen herumkommen. Genau deshalb ist es auch wichtig, diese Debatten nicht ausschließlich auf Parteitagen, bei Mitgliederversammlungen, in Parlamenten etc., sondern auch an den Stammtischen, in den Vereinen, in Begegnungsstätten, sprich in allen gesellschaftlichen Knotenpunkten zu führen. Damit wird unsere Gesellschaft sicher zu einem großen Labor. Dies wird das Gesellschaftsexperiment.

Man könnte jetzt behaupten, es sei unverantwortlich die Gesellschaft planlos ins Ungewisse zu stürzen nur, um irgendwelche neuen Gesellschaftsmodelle auszuprobieren.
Dazu sei einmal gesagt, dass dieser Vorgang nicht vollkommen ohne Plan stattfinden soll. Es werden allerdings einige noch unbekannte Faktoren sein, die unsere Schritte auf dem Weg zur einer krisenfesten Wirtschaft und Gesellschaft mitbestimmen. Es gibt aktuell 2 zentrale Gründe, die mich dazu bewegen diese Risiken einzugehen.

1. Es kann kein Weiter-so geben.

Denn unser bisheriges kapitalistisches und wachstumsorientiertes System ist faktisch gescheitert. Zum einen, weil unendliches Wachstum in einer Welt mit endlichen Ressourcen nicht möglich ist. Damit strapazieren wir die ökologischen Grenzen über alle Maßen hinaus.
Zum anderen, weil diese Art zu wirtschaften Ungleichheiten niemals abbaut, sondern fördert. Dass weiteres Wachstum mehr Wohlstand schafft, mag kurzfristig vielleicht stimmen, doch wird der gewonnene Wohlstand nur an diejenigen verteilt, die bereits viel haben. Die Schere zwischen Arm und Reich geht seit Jahren immer weiter auseinander. Die aktuelle Krise verschlimmert diese Situation zusätzlich, da gerade Geringverdiener in Kurzarbeit geschickt oder entlassen werden.

2. Das Gesellschaftsexperiment hat bereits begonnen.

In den vergangenen 2 Monaten wurden hierzulande – aber auch anderswo – Maßnahmen ergriffen, die wir alle vor einem halben Jahr noch für undenkbar hielten. Es wurden von der Regierung und dem Parlament viele Beschlüsse gefasst, die zu harten Veränderungen und Einschnitten führten. Die Gerichte haben dann viele Teile bestätigt und andere wieder gekippt. Die aktuelle Krise zwingt uns zu tief greifenden Veränderungen. Aus diesem Grund gibt es kaum einen besseren Zeitpunkt, um völlig neue Ideen zu erproben, soweit es die Krisenlage zulässt. In dem Moment, wo uns radikale Probleme zu einer (zumindest zeitweiligen) Umgestaltung zwingen, sollten wir alle unsere Möglichkeiten auf den Tisch legen und uns eingestehen, dass ein neues Problem dieser Tragweite nur mit neuen Methoden lösbar ist.

Es wird Zeit

Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Menschen erkennen, wie viele Probleme wie in den vergangenen Jahren verpennt haben. Schließlich wäre es doch schön neue Formen der sozialen Absicherung, der Steuergerechtigkeit, der Lohnpolitik und des Umgangs mit dem Planeten Erde zu erproben. Dann könnten wir es schaffen, neben den vielen negativen Erfahrungen, einige wenige Verbesserungen über die Krise hinaus in unserer Gesellschaft zu erhalten.

Probleme haben wir genug. Es wird Zeit sie gemeinsam und solidarisch zu lösen. Wenn nicht jetzt, wann dann.

19:13 12.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lion Rudi

politisch aktiv mit vielen Ideen (die wenigsten zu Papier gebracht; die allerwenigsten umgesetzt)
Lion Rudi

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