Geschlecht: divers

Intersexualität Vanja ist weder Mann noch Frau. Im Pass muss aber eins von beiden stehen. Vor Gericht streitet Vanja für eine dritte Option
Louisa Theresa Braun | Ausgabe 35/2016 2
Geschlecht: divers
Ja, nein... ich mein: jein!
Illustration: der Freitag

Früher hat Vanja besonders gern Enid Blytons Fünf Freunde gelesen. „Da gab es dieses eine Kind, das offiziell einen weiblichen Namen hatte, aber alle Leute bedrohte, die diesen Namen benutzten – das fand ich cool!“ Den eigenen weiblichen Geburtsnamen möchte Vanja nicht verraten. Vanja ist intersexuell, also weder Mann noch Frau. Und zwar von Geburt an. Damals dachte man aber noch, dass Vanja ein Mädchen sei, und als solches lebte „er/sie“ bis zur Pubertät.

Offiziell gibt es in Deutschland nur Männer und Frauen. Und in eine dieser beiden Kategorien muss sich jeder Mensch einordnen, sobald er ein Formular ausfüllt, zum Arzt geht, an sportlichen Wettkämpfen teilnimmt, in der Öffentlichkeit zur Toilette muss. Da die Ärzte Vanja nach der Geburt für weiblich hielten, steht das so in „ihrem“ Ausweis. Immer noch, obwohl die Kampagne „Dritte Option – für einen dritten Geschlechtseintrag“, der Vanja angehört, das seit zwei Jahren zu ändern versucht.

Teil des Persönlichkeitsrechts

2014 hat die Gruppe von sechs Aktiven, darunter zwei mit juristischen Kenntnissen, das erste Mal eine Änderung von Vanjas Geburtsurkunde beantragt. Sie wünschen sich den Eintrag „inter“ oder „divers“. In manchen Ländern ist das schon möglich, zum Beispiel in Australien, Indien oder Dänemark. Doch das Standesamt in Gehrden bei Hannover, wo Vanja geboren ist, lehnte ab mit der Begründung, dass es den gewünschten Geschlechtseintrag in Deutschland nicht gebe. Vanja könne höchstens darauf verzichten, den Eintrag komplett streichen lassen und dann als geschlechtlich unbestimmt gelten.

Das geht in Deutschland seit 2013, kam für Vanja aber nicht in Frage. „Für mich klingt der Nichteintrag wie eine Zwischenlösung, die für Kinder gedacht ist, bei denen noch nicht sicher ist, wie sie sich entwickeln. Aber es ist ja nicht so, dass mir nicht klar ist, wie ich mich entscheiden soll. Ich möchte einfach, dass anerkannt wird, was ich bin“, sagt Vanja. Durch das Offenlassen des Geschlechtseintrags werde die Logik der Zweigeschlechtlichkeit dagegen nicht gebrochen.

Deshalb legte die Kampagne Dritte Option mehrere Beschwerden ein, die abgelehnt wurden, bis sie Anfang 2015 vor den Bundesgerichtshof zog. Eineinhalb Jahre später lehnte auch der ab. Die „Schaffung eines weiteren Geschlechts“ entspreche nicht dem Willen des Gesetzgebers, lautete das Urteil. Am 2. September wollen die Verfechter der Dritten Option deshalb nun eine Verfassungsbeschwerde einreichen – womit die Geschlechterungleichheit in Deutschland auf einem ganz neuen Niveau diskutiert werden könnte. Eine solche Klage wurde dem Bundesverfassungsgericht bislang noch nicht vorgelegt, dafür aber vergleichbare Beschwerden Transsexueller, die 2012 sogar zu einer Reform des Transsexuellengesetzes geführt haben.

Die „selbstempfundene geschlechtliche Identität“ gilt seitdem als Teil des Persönlichkeitsrechts, ist somit grundgesetzlich geschützt und muss eigentlich auch für intersexuelle Menschen gelten, argumentiert die Kampagne Dritte Option, die sich dabei auf den Deutschen Ethikrat berufen kann. Der hat den Zwang zur Festlegung auf „männlich“ oder „weiblich“ schon vor vier Jahren als diskriminierenden Eingriff in das Gleichbehandlungsrecht gewertet. Und dass Kinder, die mit sogenannten „uneindeutigen“ Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kommen, häufig operiert werden, da Intersexualität in der Medizin noch immer als Krankheit gilt, sei nicht zu rechtfertigen. Vanja wurde nicht operiert, kann aber mit einer Genanalyse beweisen, weder Mann noch Frau zu sein.

Bislang haben intersexuelle Menschen sich mit ihren Problemen selten an die Öffentlichkeit gewandt. Da sie eine Minderheit von weit weniger als einem Prozent der Bevölkerung sind, werden sie selten wahrgenommen. Die Häufigkeit von Intersexualität wird auf eins zu 15.000 oder weniger geschätzt, wobei es vermutlich eine Dunkelziffer unerkannter Intersexualität gibt, von Menschen, bei denen sich die „Uneindeutigkeit“ der Gene oder Hormone nie bemerkbar macht. So wurde bei der südafrikanischen Läuferin Caster Semenya ein erhöhter Testosteronspiegel festgestellt, nachdem sie 18 Jahre lang als weiblich gegolten hatte. 2009 wurde sie als intersexuell geoutet, weil sie nicht mehr als Frau bei Wettkämpfen antreten durfte. 2010 wurde die Sperre zwar wieder aufgehoben, aber Frauen, die einen für Männer typischen Testosteronwert besaßen, mussten sich nun einer androgensenkenden Behandlung unterziehen, um weiter bei Frauenrennen startberechtigt zu sein. 2015 wurde auch dies wieder aufgehoben – in Rio gewann Semenya nun olympisches Gold über 800 Meter bei den Frauen.

Die meisten Intersexuellen, sagt Vanja, seien aber eher angepasst oder würden sich nur in queeren Communitys bewegen, die sich als von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität abweichend definieren. „Wir haben wenige Vorbilder, die öffentlich über ihr Geschlecht sprechen“, sagt Vanja. Und es wollen sich auch nicht alle per Geschlechtseintrag dazu bekennen, „anders“ zu sein.

Da es für Inter- und Transsexuelle abseits von Großstädten aber nur wenige Rückzugsmöglichkeiten gibt, sei es umso wichtiger, das Thema aus der Unsichtbarkeit herauszuholen. „Ich muss ja auch mal mit Vermietern sprechen und mit Arbeitgebern, die mir ansehen, dass ich nicht so richtig männlich oder weiblich bin. Dann verleiht mir die gesetzliche Anerkennung immerhin Autorität“, sagt Vanja. Deswegen der Weg der Verfassungsbeschwerde. Wenn die Erfolg hat, können sich alle anderen Menschen, die biologisch weder männlich noch weiblich sind, auch darauf berufen.

Schon das Kind Vanja merkte, dass es nicht wie die anderen war. Es sagte seinen Eltern, dass es keine Lust habe, Kleider zu tragen. „Aber ich hatte das Gefühl, als Kind war das relativ entspannt.“ Schwieriger wurde es in der Pubertät. Während befreundete Mädchen mit der ersten Periode und wachsenden Brüsten zu kämpfen hatten, fiel bei Vanja auf, dass nichts dergleichen passierte, weil der Körper keine weiblichen Hormone produzierte – dafür wurde die Stimme tiefer. Aber auch nicht richtig tief. Zumindest hat sie heute einen hohen Wiedererkennungswert.

Dass Vanja, inzwischen 27 Jahre alt, nach „George/Georgina“ von den Fünf Freunden in keinen Medien mehr Identifikationsmöglichkeiten fand, sei besonders schade. „Die meisten Leute können sich in Zeitschriften und Ratgebern irgendwo wiederfinden. Für mich gab es das einfach nicht. Wenn man sich selbst so wenig repräsentiert sieht, ist das schon ein Einsamkeitsgefühl.“ Geschlecht sei aber nicht die einzige Form der Identität. Vanja würde sich wünschen, dass die Gesellschaft irgendwann individueller mit dieser Kategorie umgehen könnte.

Einfach als Mann leben?

Früher habe Vanja sich oft überlegt, ob „sie“ nicht einfach ein Mann werden könne. Auf der Straße sieht man heute wohl am ehesten „ihn“. Vor den engeren Bekannten will Vanja aber keine Rolle spielen. Deswegen auch der neue, selbstgewählte Name. „Vanja“ ist in Russland ein Männer-, in Skandinavien und Brasilien ein Frauenname.

Da Namens- und inzwischen auch Personenstandsänderungen, also die Korrektur des Geschlechtseintrags von Transsexuellen, über Verfassungsbeschwerden erreicht wurden, könnte Vanjas Anliegen beim Bundesverfassungsgericht durchaus auf Verständnis treffen. Vanja rechnet sich für die Dritte Option jedenfalls gute Chancen aus: „Es muss die Möglichkeit geben, Intersexualität auch als Identität zu leben und nicht wie ein Defizit oder eine Krankheit.“

06:00 01.09.2016
Geschrieben von

Louisa Theresa Braun

Studentin und Journalistin mit Schwerpunkt Feminismus und Philosophie
Louisa Theresa Braun

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