Als die Muttergottes den Maiaufzug zensierte

1. Mai Eine Geschichte über die gleichzeitgie Rettung der Muttergottes und des 1.Mai (mit kleinen Konsequenzen).
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Es war der Abend des 30. April 1985. Es läutete an der Tür, ich öffnete, und davor stand Herr Bury. Ich kannte ihn von früher, er war Ende der 70er der Leiter des kommunalen Bauunternehmens meiner Heimatstadt Tychy, und als Bekannter meines Vaters hat er manchmal beim Bau unseren Hauses geholfen, indem er Zementsäcke oder Aushilfsarbeiter zur Verfügung stellte. Diesmal wollte er etwas von uns, genauer genommen von meinem Vater, nach dem er in einem kommandoartigen, mürrischen Ton verlangte. Der Mensch war mir immer schon etwas nicht geheuer, schon des Namens wegen - „bury“ heißt aus polnisch „graubraun“ aber auch „kurz vor dem Gewitter“, was sich nicht nur auf den Himmel beziehen kann. Außerdem erinnerte mich sein Auftreten und die Visage immer an den SS-Offizier Brunner aus der Jugendkriegsserie „Kapitän Kloss – Einsatz höher als das Leben“.

Mein Vater kam, und als sie sich beide an den Wohnzimmertisch setzten, wurde auch noch am Gürtel des Herrn Bury eine Pistole sichtbar. Zum ersten mal sah ein eine echte Pistole aus solcher Nähe – nicht nur bei ihm (was soll ein Bauleiter mit einer Knarre?) - sondern überhaupt. Mein Vater fragte auch noch leicht belustigt „Seit wann trägst du denn so was?“ - worauf Bury mürrisch antwortete: „Manchmal braucht man es leider...“ Das Gespräch war ohnehin kurz, er bat meinen Vater mitzukommen, es sei sehr wichtig, er wird ihm alles unterwegs erklären. Dennoch, obwohl die Sache ernst aussah, wirkte es wirklich wie eine Bitte, nicht eine Aufforderung oder ein Befehl.

Mehr erfuhr ich erst am nächsten Tag – nachdem mein Vater ausgeschlafen hat. Denn er kam erst in den frühen Morgenstunden wieder heim.

Herr Bury bat meinen Vater tatsächlich um Hilfe. Und dennoch war es eine Bitte, die man nicht ausschlagen konnte. Ob als Kommunist oder Katholik – auch wenn mein Vater keines davon wirklich war. Es ging um den 1. Mai, und um die Muttergottes. Es ging darum, beide zu retten.

Denn – am Spätnachmittag des 30. Aprils haben einige Arbeiter die Muttergottes-Statue im Zentrum der Stadt stark beschädigt. Es ging darum, dass sie im Rahmen der Maiaufzug-Vorbereitungen die Statue mittels umgehängter Ketten und eines Krans verschieben wollten. Nur einige zig Meter weiter. Sie waren nämlich mit dem Aufbau der Haupttribüne beschäftigt – und entdeckten dann, dass die Maria zu nahe dran war. Die Haupttribüne sollte auf jeden Fall vor dem gerade neu gebauten, tiefroten Supermarkt stehen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie genau die Maria störte. Ob die Tribüne genau dort aufgebaut werden sollte, wo die Statue stand, oder sehr nahe dran, oder aber direkt gegenüber – und man der kommunistischen Parteielite den Anblick Muttergottes ersparen wollte. Jedenfalls wollte man nicht, dass das vorbei marschierende Volk mittendrin sich zu bekreuzigen begann – was in Polen, erst recht in Oberschlesien, damals noch sehr gängig war, bei jedem Kreuz oder vor jeder Marienstatue. Es würde schon reichen, wenn ein paar Mai-Demonstranten damit beginnen würden – die anderen würden es sicher nachmachen. Denn selbst unter Parteimitgliedern waren über 80% katholisch, beim „gemeinen Volk“ sicherlich mehr.

Und dann geschah die Katastrophe – beim Heben der Statue (was bisher kaum einen der zufälligen Fußgänger störte) – bekam die steinerne Maria plötzlich große Risse, und drohte auseinanderzubrechen. Als dies klar wurde, wurde das ganze unterbrochen – doch die Nachricht machte schnell Runde, und inzwischen hat sich vor der Statue eine kleine Menschenmenge von einigen zig Muttergottesverteidigern versammelt, die immer größer, lauter, und gewaltbereiter wurde. Die Situation drohte zu eskalieren, und ein katholischer Mob kann ganz schön gefährlich werden. Vor allem, es waren nur einige Monate vergangen, seitdem das katholische Land wegen des Mordes an Priester Popieluszko brodelte. Und nicht nur Herr Bury erinnerte sich gut, dass die wenigen Todesopfer des Kriegszustands 1981-82 gerade hier aus Oberschlesien kamen, bei der Demonstration in der Berggrube „Wujek“. Eine solche „Demonstration“ war für den 1. Mai nicht geplant.

Es galt also, die Situation zu Retten. Vor allem, indem man die Muttergottes-Statue rettet. Deswegen auch mein Vater. Der war zwar Chemiker und Experte für Kunststoffe und nicht für Stein, doch Herr Bury hoffte, dass meinem Vater irgendein chemischer Zauberklebmittel (Kunstharz oder so) einfallen würde, welcher die Maria wieder heilen würde. So brachen sie beide auf, zuerst zur Statue selbst, um diese zu begutachten, und dann – ausgestattet mit Papieren und Ausweisen, die jede Tür öffnen – in das im Vorort von Katowice liegende Lager und Labor des chemischen Instituts, an dem mein Vater in den 70er Jahren arbeitete und forschte.

Kurz nach Mitternacht war die Statue ganz, die Muttergottes gerettet. Mein Vater kam nur deswegen noch später nach hause, weil sich die beiden Männer danach noch ein paar Drinks gönnen mussten.

Auch der 1. Mai war somit auch gerettet. Fast. Denn die Muttergottes stand natürlich weiterhin an ihrer bisherigen Stelle. Nun mussten viele Arbeiter die Holztribüne samt Transparenten und Blumenschmuck allerdings an eine andere Stelle verschieben – nicht zu weit, aber immer noch mit Blick auf den Supermarkt. Da dieser an der Kreuzung der Dscherschinski-Straße und der Straße des Oktober-Revolution stand, und die Maria an der ersteren ihre Adresse hatte – wurde kurzerhand entschieden, die Tribüne zwar immer noch in der Nähe der Kreuzung zu stellen, allerdings entlang der Revolutions-Straße. Das wurde auch im Laufe der Nacht geschafft, man beglückwünschte sich – zum gelungenen 1.Mai-Aufmarsch und zum verhinderten Muttergottes-Volksaufstand.

Die Stimmung wurde erst am Vormittag des 1. Mai wieder leicht betrübt. Der Grund war, dass die Oktober-Revolution-Straße zwar viel breiter als die Dscherschinski-Straße war, doch in der Mitte mit einem Grünstreifen geteilt – auf dem immer wieder Verkehrsschilder (zum Umdrehen etc.) standen. Daher kam nur die rechte Seite der Straße für den Aufmarsch in Frage. An sich kein Problem, immer noch ziemlich breit, auch wenn dadurch die Tribünengenossen etwas länger werden warten müssen, bis alle Betriebe und Organisationen mit ihren „Freiwilligen“ vorbeimarschiert sind. Der Mai-Aufmarsch war ohnehin nie wirklich ein großer Marsch. Man versammelte sich jeweils in den Seitenstraßen und an Parkplätzen, dann wurden in schöner logistischer Meisterleistung Gruppe für Gruppe „losgelassen“, nur um wenige hundert Meter vor, an, und nach der Tribüne zu marschieren. Dann wurde immer alles eingerollt, und die Teilnehmer konnten endlich nach hause gehen. Doch als an diesem Tag mussten viele Transparente schon vor dem Marsch eingerollt werden, etwas. Einiger Meter nur. Und zwar – da viele straßenbreitlange Transparente vorbereitet hatten – um den Längenunterschied zwischen der Dscherschinski-Breite und der halben Oktober-Revolutions-Breite. Sicher, man hätte theoretisch die Transparente seitwärts tragen können – doch im Sozialismus marschierte man ja immer vorwärts, ging also nicht. Und so musste man etliche Sprüche teilweise einrollen. Da ich leider damals weder auf der Haupttribüne noch im Demonstrationszug war (meine 1.Mai-Begeisterung hörte so mit 8 auf), kann ich auch nicht sagen, zu welchen Satz- und Spruchumstellungen es durch das Verkürzen der Transparente gekommen ist. Und auch sonst sind mir kaum welche jener Sprüche in Erinnerung geblieben – außer „Erfolg der Partei – Erfolg der Nation“ und „Frieden, Wohlstand, Sozialismus“.

Auf diese Weise hat – ungewollt – die Muttergottes den Mai-Aufmarsch zensiert. Oder aber auch wie eine Lektorin auf das Wesentliche verkürzt? Vielleicht war es aber nicht die Maria, sondern – die Arbeiter. Diejenigen, die an der Hebung und der versuchten „Abschiebung“ der Maria beteiligt waren, oder diejenigen, die die Statue vor etlichen Jahrzehnten als zu zerbrechlich geschaffen hatten. Mein Vater wurde dennoch nicht zum „Held der Arbeit“ ernannt. Gefeiert hat er natürlich trotzdem – am 2. Mai, seinem Geburtstag.

12:10 03.05.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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