Sind Blogger Missionäre?

Kommunikation Worin unterscheidet sich ein engagierter Blog-Text von einem Zeugen-Jehova-Flyer?

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Gestern fuhr ich wieder mal zu unserem polnischen Dorfhäuschen. Dort angekommen, fand ich im Briefkasten neben dem Umschlag mit der Stromrechnung zwei Zettel. Der eine war vom Wasserbetriebe-Ablese-Mann: eine Bitte, selber anzurufen und den Zählerstand zu berichten. Der zweite Zettel war ein Flyer von den Zeugen Jehovas. Das hat mich irgendwie erfreut. Nicht, weil der Inhalt wirklich eine Grundlage zu einer theologischen Diskussion lieferte. Ich freute mich, daß überhaupt jemand eine Vision hat, und versucht, diese mitzuteilen. Kurz: missioniert. Vielleicht spricht aus mir aber auch nur eine Enttäuschung, bei den letzten Wahlkämpfen – sowohl in Polen wie in Deutschland – postalisch komplett übergangen worden zu sein. Kein Duda, kein Gysi, keine Bauernpartei, keine Piraten. (Gehen die alle davon aus, daß ich auf Facebook bin?...)

Eigentlich stehe ich gerade religiösen Missionierungsversuchen sehr skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenüber. Zum Glück bleiben die meisten eher kultiviert und freundlich: ob dieser Flyer, ob Neymar Jr. mit seinem „100% Jesus“-Haarband nach dem Champions-League-Finale, oder vor zwei Jahren die jungen Herren mit deutschsprachigen Koran-Ausgaben am Potsdamer Platz. Weit entfernt von Methoden spanischer Konquistadoren in Südamerika oder des „Islamischen Staates“. Ich finde – wenn es mich nicht negativ berührt – sogar etwas Positives darin, daß jemand erstens eine Weltanschauung hat, die er für wichtig und gut hält – und zweitens, daß er diese nicht egoistisch für sich behält, sondern sie kommunizierend unter andere Menschen zu tragen versucht. Das Missionieren ist – vor allem aus der persönlichen Perspektive des „Missionars“, unabhängig der wahren Motive seiner Organisation – eine edle Sache: Ich bin von etwas Gutem überzeugt, und möchte Dich an dieser Erkenntnis, an diesem Weg teilhaben lassen! Mehr noch vielleicht, wie bei einer praktischen Erfindung: Bin ich als "Wissender" eigentlich nicht verfplichtet, es anderen zu erklären?

So gesehen ist das Missionieren ähnlich wie ein Sprachunterricht an der Schule oder ein Erste-Hilfe-Kurs: Jemand will altruistisch seine Erkenntnisse an andere weitergeben – zu deren Wohl und somit zum Wohl der Gemeinschaft. Klar, man könnte statt „Erkenntnisse“ - „Wissen“ sagen, und es dem „Glauben“ entgegensetzen. Aber gibt es nicht Lehrer, die einfach nur überzeugt sind, die glauben, daß die Wurzel aus 144 – zwölf ist, und daß Kathmandu wirklich die Hauptstadt Nepals ist? Wissen denn alle Erste-Hilfe-Ausbilder alles über den menschlichen Organismus und warum der eine oder andere Handgriff lebensrettend ist – oder haben sie es auch nur gelernt?

Nicht anders ist es – nochmal: solange man von der Aufrichtigkeit des „Missionars“ ausgeht – beim „Ethik“-Unterricht oder bei einer politischen Veranstaltung. Vielleicht ist auch mancher Gemüseverkäufer von seinem „Hier die leckersten Tomaten!“-Ruf innig überzeugt.

Nicht anders ist es vor allem hier, mit mir, wenn ich wie andere Autoren Texte verfasse und sie in die Öffentlichkeit bringe. Ist dies nicht ebenfalls eine Art des Missionierens? Versuche ich nicht auch, einen Glauben oder eine persönliche Erkenntnis mit anderen Menschen zu teilen, in der Hoffnung, sie davon – oder zumindest einem Teil davon – zu überzeugen? Seien es mein philosophisches Konzept des Jenseits, die Kritik am Finanzsystem, oder die Ablehnung der Todesstrafe?

Aber keine Sorge, ich werde wohl „digital“ verbleiben, und nicht jede Woche Ihren Briefkasten mit Blog-Flyern füttern, versprochen! Ebenfalls bitte ich um einen sanften aber kritischen Hinweis, sollte ich in meiner Vorgehensweise zu sehr „ISIS“ oder den Konquistadoren ähneln.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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