1918: Wolfsgebiss

Zeitgeschichte Mit seiner Romanfolge „November 1918“ erzählt Alfred Döblin, wie sich Deutschland für einen Lidschlag der Geschichte zu ändern schien – und dann blieb, wie es war
1918: Wolfsgebiss
In Deutschland war Döblin nach 1945 nur noch eine Randfigur

Zeichnung: Rudolf Grossmann/BPK

Dem Wilhelm, dem Doofen, dem Oberjanoven, dem hamse die Krone jeklaut! Ja, ja! Wer hat ihm die Krone jeklaut? Der Ebert, der helle, der Sattlerjeselle, der hat ihm die Krone jeklaut“, wirbelt und wabert Ende 1918 ein Gassenhauer durch Berlin. Der Sattler ist genau einen Tag Reichskanzler, dann Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten aus SPD und USPD, würde aber gern wieder Kanzler sein. Als Traditionalist, verkappter Monarchist, zwischen den Fronten schlingernder Sozialdemokrat hasst Friedrich Ebert die Revolution, die ihm verschafft hat, was er sichtlich und kokett genießt: In der Wilhelmstraße 77, im Palais Schulenburg, am gleichen Schreibtisch zu sitzen wie einst Otto von Bismarck.

Ein idealer Platz, um die Gegenrevolution in Marsch zu setzen. Besonders nachts, wenn Ebert mit General Groener telefoniert, als Ludendorff-Nachfolger Chef der Obersten Heeresleitung, der bald Truppen schicken soll nach Berlin, Frontsoldaten, wenn’s geht, die für Ruhe und Ordnung sorgen. Bis es so weit ist, und es wird bald so weit sein, lässt Alfred Döblin in seinem Romanepos November 1918 Ebert erst einmal Apfelsinen kaufen bei einem Kolonialwarenhändler in Berlin-Treptow, einem alten Sozialdemokraten, der einen Sohn im Krieg verloren hat und sich wundert, dass unter den Genossen so wenig Freude herrscht, wo man doch jetzt an der Macht ist.

Er erzählt vom Mann mit dem Bauchschuss, der in seinem Haus wohnt. Dem keiner mehr helfen kann. Der sich nicht helfen lassen will. Den die Ärzte im Lazarett verpfuscht haben. Der so laut stöhnt auf der Retirade im Hof, dass alle es hören. Der auf halber Treppe schreit vor Schmerz, wenn er wieder raufmuss in seine Wohnung. Ebert möchte den Namen wissen und helfen, aber da nähert sich eine Droschke, mit der es zur Wilhelmstraße geht. Unterwegs eilen die Gedanken der Sprache voraus. Ebert souffliert sich einen inneren Monolog: Noch ist Polen nicht verloren, der gesunde Menschenverstand schon gar nicht. Schon immer haben sich in Deutschland Truppen gefunden, die ihm Geltung verschaffen. In der Reichskanzlei wird er seinem Sekretär Schmidt einen Schlag in die Magengrube versetzen: Halt das aus! Reiß dich zusammen!

Die Treptow-Sequenz ist eine erfundene Episode aus Döblins 2.400 Manuskriptseiten oder vier Romane umfassendem Revolutionsalmanach. Die Figuren sind es nicht. Friedrich Ebert treibt die Angst um, seine Regierungsmacht könnte den Arbeiter- und Soldatenräten in den Schoß fallen. Karl Liebknecht, gerade aus dem Zuchthaus entlassen, ist ein nachdenklicher Idealist, mit dem Spartakusbund im Rücken, doch ohne eigene Partei. Oder Karl Radek, aus Sowjetrussland entsandt, um die deutsche Revolution mit dem Schneid der Bolschewiki zu versehen, damit sie schafft, was sich Lenin erhofft. Sie alle haben ihren Auftritt in Heimkehr der Fronttruppen, dem dritten Teil von Döblins Jahrhundertwerk, das einer revolutionären, gescheiterten Volksbewegung gewidmet ist. Geschrieben mit dem Anstand des Abstands zwei Jahrzehnte nach den Geschehnissen zwischen November 1918 und Januar 1919, als für einen Lidschlag der Geschichte in Deutschland der große Umsturz möglich schien. Bürger und Soldaten, das erste der vier Bücher, entsteht 1937 im französischen Exil, das vierte Karl und Rosa wird 1943 in den USA vollendet, wohin sich Döblin nach dem deutschen Einmarsch in Paris rettet. Nur findet sich dort kein Verleger, sosehr auch Kollegen wie Lion Feuchtwanger ihren Einfluss geltend machen.

„Volk ist eine herrliche Sache“, heißt es bei Döblin, „es kann der Jubel und das Glück der Befreiung sein, es kann sich jahrhundertelang unbelehrbar in seinem Widerspruch gegen Knechtung erweisen, aber es kann auch aufsteigen wie das Meer.“ In Deutschland hat im November 1918 eine Sturmflut Kiel, Bremen, Hamburg, Stuttgart, Köln, Breslau, München, Leipzig und Berlin überspült. Überall dort und anderswo auch tauchen Arbeiter- und Soldatenräte auf und wollen nicht weichen.

Mit der Apfelsinentüte im Arm trifft Ebert in der Reichskanzlei ein und zeigt dem Sekretär Schmidt einen handgeschriebenen Zettel. Das ist mein Antrag für den Reichsrätekongress am 16. Dezember 1918: Reiß dich zusammen! Lies laut vor! Und Schmidt liest: „Die Führung der Regierungsgeschäfte liegt restlos in den Händen der Regierung. Schluss mit dem Hineinregieren der Arbeiter- und Soldatenräte im Land.“ Döblin lässt Ebert verkünden, worin die Sozialdemokratie damals und immer und wieder und bis heute ihre suizidale Erfüllung findet. Keine Umstürzler wollen wir sein, sondern „die Reichsgeschicke führen“ (Ebert), der Staatsräson gehorchen, und sollten wir dabei untergehen.

Im November 1918 hat der „helle Sattlerjeselle“ niemandem die Krone geklaut, Kaiser Wilhelm II. schon gar nicht, das waren andere, Umstürzler eben. Steigt ein Literat hinab in die Niederungen der historischen Kolportage, wenn er einer Revolution gerecht werden will, indem er sie so bekenntnishaft erinnert wie Döblin? Macht er sich gemein mit den Zeitläuften? Werden Geschichten über die Geschichte erzählt, in denen zu viel Wahrheit steckt, um in einem Roman zu stehen?

Der gedemütigte Domestik, den Ebert die Kriegserklärung an die Revolution vorlesen lässt, steht für die geduckte Partei, die willig hinnimmt, was sich abzeichnet – Brudermord und Bürgerkrieg. Nein, faucht Ebert. Wir machen reinen Tisch. Und dann sind auch schon die Apfelsinen dran, geschält auf Zeitungspapier und Bismarcks Schreibtisch, Teller gibt’s nicht. „Reichskanzlers fressen aus der Hand.“ Und in der Hand halten sie ein Taschenmesser und sind aufgeräumter Stimmung. Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal.

Im Anschluss an dieses Kapitel lässt Döblin seinen Liebknecht voll düsterer Vorahnungen auf Soldaten im Marstall am Berliner Schloss blicken. Radek tut es ebenso und ist euphorisch, er glaubt, so gut wie jeder, der den heimkehrenden Fronttruppen davonläuft, werde der Revolution helfen, ihr vielleicht gar treu ergeben sein. Nur ist unter denen, die sich da sammeln, viel menschlicher Abhub des Krieges, mehr Landsknecht als Soldat. Liebknecht: „Sie hören nie ehrlich zu, sie stieren einen an. Es ist, als wenn sie einen belauern. Sie haben einen niederträchtigen Blick, das Wolfsgebiss. Meist sitzen sie stumm, manchmal lachen sie höhnisch. Der Krieg hat eine Verrohung, eine fürchterliche Verwahrlosung verursacht.“ Raubtiere, den Schlachten entkommen, aber nicht dem, was die von ihnen übrig ließen? Die Uniform hätten sie längst ausziehen können, doch was wäre gewonnen? Zur Familie zurück und in jedem Gesicht den geborstenen Schädel eines Toten erblicken?

Liebknecht beharrt darauf, dass die Revolution keine Gewaltorgie sein dürfe, er sei Pazifist. Und das Wolfsgebiss? Was bleibt Döblin bei so viel Noblesse anderes übrig, als im tragischen den tragikomischen Helden zu sehen, der um die Grausamkeit seiner Feinde weiß, dem aber Wille und Macht fehlen, ihr gewachsen zu sein. Vergebens bewirbt sich Liebknecht um ein Mandat für den Reichsrätekongress. Führer der Revolution ist er nie, bestenfalls ihr Gewissen, bald ihr Vermächtnis.

In der Nacht zum 16. Januar 1919 wird auf der Unfallstation Zoologischer Garten „ein unbekannter Toter“ eingeliefert. Man habe Liebknecht auf der Flucht erschossen, heißt es aus der Garde-Kavallerie-Schützen-Division im Hotel Eden. „Fast ein Gottesurteil“, steht in den Zeitungen. „Das Bürgertum bis weit in die Reihen der Sozialdemokratie hinein atmete auf“, schreibt Döblin in seinem Roman. Rosa Luxemburg bleibt zunächst verschwunden, bis am Morgen des 31. Mai 1919 der Wärter an der Schleuse Untere Freiarchenbrücke einen angeschwemmten Körper entdeckt.

Und wieder fegt ein Gassenhauer durch Berlin, in den nicht nur Straßenjungen fröhlich einstimmen: „Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal. Lang se mir mal her, aber knautsch se nich zu sehr!“ Feixen, amüsiertes Lachen, Shimmy, Sektlaune, Vorhang!

06:00 05.12.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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