1974: Entsetztes Erinnern

Zeitgeschichte Die deutsche Belagerung Leningrads hat eine Million Menschen das Leben gekostet. In Daniil Granins „Blockadebuch“ sprechen Überlebende von der Zeit des Grauens
1974: Entsetztes Erinnern
„Alle sind gestorben. Nur Tanja ist noch da“, schrieb Tanja Sawitschewa

Foto: Imago

Worte sind zu leer, um den Zustand von Menschen zu spiegeln, die das Schicksal in einen Abgrund reißt, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Der sie zwingt, das Dasein von Höhlenwesen zu fristen, die einem unaufhaltsamen, quälenden Untergang entgegensehen. Schon im Winter 1942/43 – anderthalb Jahre nach Beginn der deutschen Belagerung Leningrads – stehen dort in vielen Wohnungen kaum mehr Gegenstände, die man verfeuern könnte. Der Kanonenofen – die Burshuika – frisst, was er kriegen kann: Stühle, Schränke, Tische, zerschnittene Teppiche, zerhackte Bilderrahmen, zersägte Klaviere. Häufig sind die Tapeten von den Wänden gerissen, weil sich der geronnene Kleister und das Papier in Wasser auflösen und als Brei verzehren lassen. Es kann vorkommen, dass sich Menschen nach Läusen absuchen, um auch die zu essen.

Hunde, Katzen und Krähen haben schon den ersten Blockadewinter nicht überstanden, als die tägliche Brotration auf 125 Gramm (drei Scheiben) schrumpft, während Arbeiter noch Ende 1942 500 Gramm erhalten. Nur wer kann noch arbeiten zu jener Zeit? Bis auf die Kirow- und Ishorski-Werke oder die Werft an der Newa liegen die meisten Betriebe brach. Es fehlt an Strom für Drehbänke und Wohnungen, Straßenbahnen, Hospitäler, Kinderheime, Straßenlaternen. Der Mensch verfällt, magert ab zum Skelett. Ob er sitzt, steht oder liegt – es bereitet ihm Schmerzen.

„Und so brach an, gehüllt in Eis und Blut, das Jahr zweiundvierzig – erbitterter Mut. Oh, Jahr der Härte und Unbeugsamkeit! Auf Tod und Leben kämpfen wir“, schreibt die Lyrikern Olga Bergholz Anfang 1942, als Leningrad in sich versunken unter einer makellos weißen Schneedecke liegt, durchbrochen nur von schmalen Gassen für Autos, Lastwagen oder Schlitten zum Abtransport der Leichen, die steif im Hauseingang oder auf der Straße liegen. Dazu dröhnt das Metronom der Blockade aus jedem Lautsprecher. Der fünfte, der einhundertzwanzigste, der dreihundertzwölfte, der fünfhunderteinundachtzigste, der wievielte noch, der längst nicht mehr zählbare Tag zerrinnt im Sekundenschlag eines Uhrwerks, das anzuhalten keiner vermag.

Erst Anfang 1944 kann der deutsche Belagerungsring durch Angriffe der 2. Baltischen Front stellenweise aufgebrochen werden. Da der Heeresgruppe Nord ein Kessel droht, muss sie den Rückzug antreten. Am 27. Januar halten sowjetische Verbände wieder die Eisenbahnlinie nach Moskau und erreichen die Verteidiger am Ufer der Newa, im Vorort Puschkin, im Smolny-Bezirk, am Witebsker Bahnhof, an der Kasaner Kathedrale – Leningrad ist befreit. 900 Tage der Blockade, die im September 1941 begann, sind vorbei.

Den eisernen Griff eines auf Vernichtung versessenen Feindes haben 660.000 Menschen nicht überlebt, so die Bilanz, verzeichnet in den Dokumenten des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals 1945/46. An dieser Zahl wird noch in den frühen 1980er Jahren festgehalten, bis 1984 Daniil Granins und Ales Adamowitschs Blockadebuch erscheint und darin von 900.000 Opfern die Rede ist. Tatsächlich gab es wohl mehr als eine Million Tote, nehmen russische Historiker heute an.

Die Blockade Leningrads war eines der furchtbarsten Verbrechen, das von Wehrmacht und SS in der Sowjetunion verübt wurde, nicht nebenbei, sondern vorsätzlich und demonstrativ. Gut zwei Wochen nach dem Überfall vom 22. Juni 1941 notiert Generalstabschef Franz Halder am 8. Juli 1941: „Feststehender Entschluss des Führers ist es, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleichzumachen, um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten.“ Am 12. Oktober 1941 heißt es im Kriegstagebuch der Heeresgruppe Nord: „Der Führer hat erneut entschieden, dass eine Kapitulation von Leningrad nicht anzunehmen ist, auch wenn sie von der Gegenseite angeboten würde.“ Die Devise lautet: „Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht … unsererseits nicht.“ Also lasst sie sterben, krepieren, verrecken, für ewig verschwinden.

Als sich der Blockadering am Abend des 8. September 1941 schließt, sind auf einen Schlag die Versorgungsadern einer Millionenstadt durchschnitten. Ab November steht wenigstens die „Militärautostraße Nr. 101“ über den zugefrorenen Ladogasee für Transporte und Evakuierungen zur Verfügung. Freilich ist dieser Weg kein Ausweg und mit erheblichen Risiken verbunden. Die deutsche Artillerie schießt, wann immer sie kann.

1974 beginnt der sowjetische Schriftsteller Daniil Granin (1919 – 2017), einst Soldat an der Leningrader Front, zusammen mit dem weißrussischen Autor Ales Adamowitsch (1927 – 1994) Überlebende der Hungerjahre zu befragen, um einen eigenen, authentischen, nicht vom üblichen Heroismus getränkten Blockadereport vorzulegen. Jahrelang zieht er von Wohnung zu Wohnung, erfährt Geschichte um Geschichte, blickt in von Neuem entsetzte und gezeichnete Gesichter. Schnell wird klar, wie sehr die Marter des Erinnerns die seelische Kraft der Menschen erschöpft. Wer die Schreckenszeit überstand, der durchlebte keine 900 Tage voller Heldentaten, sondern kaum erträglicher Leiden. Die Zeitzeugen erzählen von den verschiedenen Arten des Sterbens, dem jähen Tod auf der Straße, dem Dahinsiechen der Mutter, des Bruders, der Kinder zu Hause. Granin und Adamowitsch zitieren aus den Aufzeichnungen der kleinen Tanja Sawitschewa: „Großmutter ist am 25. Januar gestorben, Onkel Aljoscha am 10. Mai, Mama am 13. Mai 7.30 Uhr morgens. Alle sind gestorben. Nur Tanja ist noch da.“ Auch Tanja wird es nicht schaffen, anders als Veronika Opachowa und ihre Tochter Lora. „Sie haben die Menschen nicht gesehen, die vor Hunger zusammenbrachen. Sie haben nicht gesehen, wie sie starben: Sie haben die Berge der Toten nicht gesehen, die in unseren Waschhäusern, auf unseren Höfen lagen“, bricht es aus Veronika heraus. Zur 13-jährigen Lora sei die Ärztin jeden Tag gekommen, nicht um ihr zu helfen, sondern um nachzuschauen, ob sie noch lebte mit ihrem Skorbut und den spitzen Knochen, die wie Glas zu splittern drohten. „Zurück wich das tägliche Dasein. Und mutig nahm damals sein Recht sich das Sein“, dichtet Olga Bergholz.

Welches Recht ist gemeint? Das zur Härte gegenüber sich selbst? Damit der andere überlebt, muss das eigene Brot geteilt werden. Der Mensch kämpft nicht um sich allein, auch gegen die Qual des Mitleids und die Qual, ohne Mitleid zu sein. Und wieder ist da das Metronom, schlägt den Takt für die Bitte um Brot, die beste Gabe der Erde, den Grund zum Gebet, den Lebensquell des Menschen, den größten Reichtum überhaupt, die letzte Hoffnung vor dem stillen Tod. Ljudmila Mandrykina, sie wohnte seit 1941 am Newski-Prospekt: „Auf einmal schaust du einen Menschen an und siehst, wie seine Augen glasig werden ... mitten im Gespräch.“ Die Autoren streifen in ihrer Chronik die deutschen Luftangriffe auf die Badajew-Lagerhäuser Ende 1941, als 2.500 Tonnen Zucker verbrennen und danach Schicht für Schicht die „Badajew-Erde“ abgetragen wird. „Ich habe heute noch den Geschmack im Mund“, entsinnt sich die Bibliothekarin Valentina Stepanowa. Für ein Stück Brot gab es zwei Becher Erde, die man gleich schluckte oder in Wasser auflöste.

Das Leben konnte nicht nur, es musste unter diesen Umständen stete Selbstbehauptung sein, wie sie die Kuratorinnen der Eremitage erfüllte, als sie während der Blockade weiterhin Besucher durch die Säle ihres Hauses führten. Sie erklärten die Gemälde von Rubens, Tizian, Rembrandt oder Frans Hals, auch wenn die lange schon nach Jekaterinburg ausgelagert waren. Die Leningrader standen vor leeren Rahmen oder leeren Wänden, um über Kunst zu reden, die sie nie verloren gaben. Und von der sie wussten, dass sie eines Tages zu ihnen zurückkehren würde.

Info

Blockadebuch Leningrad Ales Adamowitsch, Daniil Granin Aufbau-Verlag 2018, 703 S., 36 Euro

06:00 17.02.2019
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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