1988: Kopf im Sand

Zeitgeschichte In der DDR-Serie „Polizeiruf 110“ wird „Drei Flaschen Tokajer“ ein Meilenstein: Die Momentaufnahme einer Jugendclique taugt als Stimmungsbild einer Generation
Lutz Herden | Ausgabe 02/2018 2

Der Wohnblock spuckt sie in den kalten Abendwind, wo sie zu Hause sind. Ab und zu nur sieht noch einer frierend hin, ... wo die Fenster locken mit so gelbem Licht“, singt Rocklady Tamara Danz mit der DDR-Band Silly Ende der 1980er Jahre von „verlorenen Kindern“. Die würden so gern „in die warmen Länder“ fliehen, müssten aber bleiben, „wo sie zu Hause sind“. Auf ihrem Spielplatz zum Beispiel, der ein Rummelplatz ist und Weihnachtsmarkt heißt. Dort können die verlorenen ganz schön verdorbene Kinder sein, hat es zunächst den Anschein im Film Drei Flaschen Tokajer aus der Reihe „Polizeiruf 110“ des DDR-Fernsehens (DDR-F), gedreht 1988.

Die Geschichte beginnt in von Winter und Nebel gedämpftem Licht. Vorweihnachten zieht durch die kleine Stadt an der Ostsee, in der Gesichter und Pflastersteine vom Regen glänzen, während die Engel singen: „Am Kranze die Lichter, die leuchten so fein. Sie geben der Heimat einen helllichten Schein.“ Eine Gruppe junger Leute langweilt sich zwischen Bratwurst- und Glühweinstand, lässt zum Spruch „verschwendete Zeit ist verlorenes Leben“ eine Flasche Kaffeelikör kreisen, bedrängt einen Händler, ohne ihn zu beklauen, und haut ab. Ein Hauch Dekadenz, ein Schuss Larmoyanz, das Schwanken zwischen Trunkenheit und letzter Klarsicht. Es geht weiter ins Restaurant Goldbroiler, um den Rest des Abends und eine lange Nacht mit Alkohol zu vertreiben. Als die Runde dort wegen des ausufernden Saufgelages rausfliegt, soll erst recht weitergefeiert werden. Jörg Paulsen wettet mit den anderen, drei Flaschen Tokajer aus dem Weinkeller seines ehemaligen Vermieters Zierau zu besorgen. Die Tür stehe immer offen. Und wenn nicht, wisse er, wo der Schlüssel hängt. Er steigt ein, holt drei Flaschen aus dem Regal, öffnet eine sofort und trinkt sie fast leer. Als er gegen Morgen aufwacht und durch Zieraus Haus nach draußen stolpert, liegt der tot im Wohnzimmer. Paulsen flüchtet in panischer Angst, verliert und wirft weg, was er an Trinkbarem besorgt hat. Und weiß nicht mehr, was passiert ist. Von der Erinnerung sind nur Fetzen übrig und fliegen schneller davon, als man sie greifen kann. Paulsen ist verzweifelt, wühlt am Ostseestrand seinen Kopf in den Sand und taucht wieder auf. Schläft frierend unter leeren Säcken im Silo am Hafen und wacht wieder auf. Türmt durch Gassen und trübe Hinterhöfe und kann nicht mehr weiter. Von Mauern umstellt, von Polizisten außerdem.

Oberleutnant Hübner und Oberleutnant Zimmermann, beide bewährtes „Polizeiruf“-Inventar, glauben, einen Totschläger zu vernehmen und wollen von Paulsen wissen, wie und warum er Zierau getötet hat. Alles spricht gegen den Jungen, seine Fingerabdrücke auf den drei Weinflaschen, eine leere Zigarettenschachtel, die Aussage des Nachbarn, der Paulsen aus Zieraus Haus stürzen sah. „Nun freut euch, ihr Kinder, die Weihnacht kommt bald. Guten Abend, schön’ Abend“, klingt es von draußen dezent, aber stimmungsvoll ins Verhörzimmer. Paulsen kann nicht einstimmen, nur mit den Handschellen klappern und auf die Rückkehr seines Gedächtnisses hoffen. Das dauert und schmerzt. Die Gitter vor seiner Zelle schweigen.

Letztes Refugium für die Gegenwartsdramatik

Der Film ist ein kleiner Quantensprung für den seit 1971 vom DDR-F produzierten „Polizeiruf 110“, wie es davon im letzten Jahrzehnt der Reihe so einige gibt. Dem Publikum werden Folgen wie Der Teufel hat den Schnaps gemacht (1981) oder Amoklauf (1988) angeboten, die davon erzählen, wie Alkoholismus – in der DDR recht verbreitet – Kindheiten und Familien zerstört, zu Mord und Totschlag führt. Mit Mann im Baum (1988) und Kreuzworträtselfall (1988) werden Sexualverbrechen aufgegriffen oder mit Verführung (1985) die kriminellen Irrfahrten junger Menschen, wenn sozialer Aufstieg lockt. Beim Label „110“ hat der Krimi längst ausgesorgt und der Spielfilm begonnen. Im DDR-Schriftstellerverband kursiert der Satz, der „Polizeiruf“ sei zum letzten Refugium für die Gegenwartsdramatik des Fernsehens geworden.

Regisseur Jörg Witte zeigt in Drei Flaschen Tokajer die Freunde von Paulsen weder als Clique verkrachter Existenzen noch Gruppenbild mit Charakterköpfen. Zu sehen ist eine Momentaufnahme mit Tiefenschärfe, kein Sittengemälde einer Generation, eine Ahnung davon schon. Anne, die Freundin des mutmaßlichen Täters, ist stark und still, arbeitet als Verkäuferin im Fischladen. Jörgs Name hängt tief in ihr drin. „Klette“ Hinrich, der Fensterputzer, wird von den anderen nicht ernst genommen und palavert infantil herum. Schönling „Karo“ mit der Nackenwelle gibt den Leader-Typ, ist Vorarbeiter der örtlichen Fischräucherei, ansonsten sexy, selbstbewusst und clever. Beim „Personalverkauf“ von Aal und so weiter hält er die Balance auf dem Hochseil über dem Gesetzesbruch. Siegfried mit blonder Strähne im dunklen Schopf ist Maskenbildner und Frisör. Schließlich Wolf-Dieter, Student der Kunstwissenschaft, der sich mehr als Gast denn Freund dieser Freunde sieht und den Kriminalisten sagt, er spiele mit denen nur Skat und das „etwas besser als die“. Ihn interessierten Malerei und Grafik, nicht Schnaps und Kneipe.

Keine verlorenen, keine verdorbenen, manchmal große Kinder, unterwegs irgendwohin und nirgendwohin. Getrieben von schleichendem Unbehagen über sich selbst und aggressiver Apathie. „Die schütten Schnaps in sich rein, um ihre Langeweile zu ersäufen“, findet Oberleutnant Hübner. „Das Zeug schmeckt ihnen nicht einmal und hindert sie am Denken.“

Er hat recht, Anne und Jörg, Karo und Klette führen ein Leben auf der Stuhlkante, immer in der Gefahr herunterzufallen, zwischen Willkommen und Abschied, Lieben und Liebenlassen. Wozu sich wehren, wenn’s einfach nur geschieht? Die Rocksommer jener Jahre liefern den Sound für ihr Lebensgefühl. Sie verströmen Melancholie, depressive Nonchalance, Lust und Ekstase (später wird man sagen: Untergangs- und Endzeitstimmung). Tamara Danz weiß mit Titeln wie Bataillon d‘Amour Seelen zu sammeln, zu trösten, zu unterwandern. „Und auf der nassen Haut der Straße, da berühr’n sich ihre Schatten lautlos und verführ’n“, singt sie. Wer da keinen Abgrund findet, der stürzt nimmer mehr. Und muss doch und will doch hinterher.

Beachtliche Teile der DDR-Jugend würden der Gesellschaft und damit dem Sozialismus den Rücken kehren, sich mit stoischem Gleichmut im Privatleben einrichten, befinden interne Studien des Leipziger Instituts für Jugendforschung während der 1980er Jahre. Die Ritualisierung des Verbandslebens in der FDJ schreite voran. Allen offiziellen Statistiken zum Trotz erreiche die Jugendorganisation nur noch ein Drittel der 18- bis 25-Jährigen. Aus dieser Altersgruppe werden im Spätsommer 1989 Tausende über Ungarn in den Westen abwandern und nicht wie „verlorene Kinder“ wirken, die wissen, „wo sie zu Hause sind“. Aber noch ist es nicht so weit. Und der 131. Film beim „Polizeiruf 110“ kann nicht die ganz große Geschichte erzählen, sondern ist gut beraten, bei seinem Fall zu bleiben, auf dass Oberleutnant Hübner und Oberleutnant Zimmermann die Sache abschließen können.

Dank wiederkehrender Erinnerung aus der Untersuchungshaft entlassen, fällt Paulsen auf, dass er einen Nebenbuhler hat. Auch „Klette“ verehrt und liebt Anna, weil die ihn nicht wie einen halb debilen Außenseiter behandelt. Er wirbt um Anna mit einer selbst gefertigten Kette aus alten Münzen. Die wurden in jener Nacht bei Zierau gestohlen, als Paulsen in dessen Weinkeller mit einer Flasche Tokajer im Arm trunken schlief. Vom Hausherrn überrascht und fast überwältigt, erschlägt ihn „Klette“ mit der Münzkassette. Nicht nur die Kripo, auch Paulsen findet das heraus und treibt den Täter vor sich her über einen Acker unter fahlem Himmel, stößt ihn vorwärts, landet im Dreck, stößt ihn weiter, auch wenn der Horizont so weit entfernt ist, wie er nur sein kann. Derart allein bleiben die beiden nicht lange sich selbst überlassen. Polizeiwagen sammeln sie ein.

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06:00 21.01.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 42/2021

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