2003: Kamerad Karl-Heinz

Zeitgeschichte In der Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“ beschreibt der Schriftsteller Uwe Timm eindrucksvoll, wie sehr die Familiengeschichte am Tropf der Geschichte hängen kann

Als kleiner Junge lässt sich Uwe Timm die Geschichte vom Ritter Blaubart nie bis zum bitteren Ende vorlesen. Als sollte er ahnen, dass ihn nicht loslassen wird, was passiert, als Blaubarts Frau das verbotene Zimmer betritt und ihr ein Strom von Blut entgegenkommt. „Und an den Wänden herum sah sie tote Weiber hängen, und von einigen waren nur die Gerippe noch übrig.“

In seiner 2003 erschienenen autobiografischen Erzählung Am Beispiel meines Bruders hat Timm sein Erschrecken über das von Blaubart angerichtete Grauen am Anfang gestreift. Als würde er ein Gleichnis brauchen, um darauf einzustimmen, mit diesem Buch ebenfalls eine lange verschlossen gehaltene Tür aufzustoßen und sich eines Lebens zu besinnen, das vor mehr als einem halben Jahrhundert zu Ende ging. Das es seit dem 16. Oktober 1943 nicht mehr gibt. Das von seiner Familie schmerzhaft entbehrt wird, besonders in den Jahren nach dem Krieg.

Der große Bruder Karl-Heinz hat sich 1942 zur Waffen-SS gemeldet. Freiwillig, wie der Vater stets betont. Eingesetzt wird seine SS-Totenkopfdivision im Kursker Bogen, in Charkow, im Raum Kiew. Abwesend und doch anwesend habe ihn der Bruder durch seine Kindheit stets begleitet, vermerkt der Autor, „in der Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters, Andeutungen zwischen den Eltern“.

Am 19. September 1943 werden dem SS-Sturmmann bei einem Gefecht am Dnjepr beide Beine weggerissen, vier Wochen später stirbt er mit 19 Jahren im Feldlazarett 623 – da ist der Bruder Uwe gerade drei. Was bleibt, sind Feldpostbriefe, abgefasst wie Frontberichte, häufig allein an den Vater gerichtet und mit „Dein Kamerad Karl-Heinz“ unterschrieben. Gilt die Post der Mutter, endet sie mit dem Gruß „Dein Kurdelbumbum“, ein Kosename aus der Kindheit, den sich der Junge selbst gegeben hat, der verwuschelten blonden Haare wegen.

Bei den Erkundungen über diesen Bruder hilft Timm ein Oktavheft. Versehen mit dem Aufkleber Notizen, handelt es sich um ein zunächst regelmäßig geführtes Kriegstagebuch, das oft nur aus zwei, drei Worten besteht – Vormarsch, Feuertaufe, Rollbahn, Verluste, Warten, Schanzen, Verladen, Verlegen. Auch davon, dass der Chronist ein MG-Schütze ist, der seine Ziele zu finden weiß, ist zu lesen. „März 21. Donez. Brückenkopf über den Donez, 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG“, notiert Karl-Heinz, der Kamerad Kurdelbumbum.

Wegen solcher Einträge will Timm von der Geschichte seines Bruder erst dann in einem Buch erzählen, als von der Familie, dem Vater, der Mutter, der älteren Schwester niemand mehr lebt. Es soll sie nicht beschämen und aufwühlen, was es zu berichten gibt. Wie heftig hat sich doch Blaubarts Frau erschrocken, als sie die toten Weiber sah. So heftig, „dass sie die Tür gleich wieder zuschlug“, heißt es im Märchen der Brüder Grimm, „aber der Schlüssel sprang dabei heraus und fiel in das Blut“.

Später, nach dem Krieg, wird über Karl-Heinz häufig geredet, wenn die Familie zum Sonntagsspaziergang unterwegs ist. Mit der Erinnerung daran überkämen ihn Lähmung und Trauer, schreibt Timm. Man habe so getan, als sei Biografie ein Spiel, vorbestimmt, aber nicht vorhersehbar, nur in Maßen zu beeinflussen. Hätte sich Karl-Heinz besser nicht melden sollen zu Hitlers Frontelite, fragen die Eltern. Man beorderte die Waffen-SS schließlich an die gefährlichsten Abschnitte. Bekam er nach seiner Verwundung genug Blutkonserven oder war er von den Ärzten als hoffnungsloser Fall abgeschrieben? Schriftliche Nachfragen des Vaters an den Lazarettchef fanden einst eine drohende Antwort: Ihr Sohn ist den Heldentod gestorben für Führer, Volk und Vaterland. Was fragen Sie noch?

Hans Timm war selbst 1919 als freiwilliger Freikorpssoldat ins Baltikum gezogen, „um gegen den Bolschewismus zu kämpfen“. Am Familientisch bemühte er danach gern das Credo der Potsdamer Gardeoffiziere aus Friderizianischer Epoche: Semper talis – immer vorzüglich. Immer tadellos wie „Kamerad Karl-Heinz“, der nicht auf die Einberufung zur Wehrmacht wartet, sondern zur SS gehen und sich nicht schonen will.

Nach den Fragen der Eltern über den womöglich abwendbaren Verlust des Sohnes versiegt beim Spaziergang jedes Gespräch. Man geht schweigend nebeneinander her an der Binnenalster oder in Bad Segeberg. Im Sonntagsstaat mit Staubmantel und Garnhandschuhen, wie es üblich ist in den frühen Fünfzigern, den stolzen Jahren, die den hilfreichen Abstand gönnen zu all den Schicksalsschlägen. In jener Zeit zehrt die Familie von einem Zufallsfund des Vaters, der 1945 in einer Hamburger Trümmerhalde eine Pelznähmaschine entdeckt und als Tierpräparator auch das Kürschnerhandwerk ganz leidlich beherrscht. In einer Kellerwohnung, in der die Nässe aus dem Boden steigt, werden die ersten Pelzmäntel genäht und verkauft. Bald beginnt mit dem Auszug der Aufstieg der Firma Pelz-Timm mit zwei Kürschnern, sechs Näherinnen und einem Fahrer in grauer Livree, der ausliefert, was bestellt ist.

„Der Vater tat das, was er immer als verächtlich anprangerte – er kniff

In Jahren des Mangels und der Schwarzmärkte verschafft sich der Vater mit seiner Improvisationsgabe und dem Talent des beredten Verkäufers im maßgeschneiderten Anzug Status und Prestige – bis mit den großen Rauchwarenhändlern wie Levermann Extravaganz und Konkurrenz an den Jungfernstieg zurückkehren. Ab 1955 sieht sich Pelz-Timm auf das zurückgeworfen, was er nie sein wollte, aber immer blieb, der kleine Krauter, dem die Banken im Nacken sitzen. Wenn doch der Karl-Heinz noch da wäre und helfen könnte, seufzen die Eltern. Wieder droht ein Schicksalsschlag. Im Krieg den Sohn und die Wohnung verloren – im Frieden das Geschäft? Und was kommt noch?

Immer häufiger meidet der Vater nun den Laden und sucht Zuflucht in der Gastwirtschaft nebenan, verzichtet auf den Auftritt des Conférenciers am Ladentisch, auf die perfekt sitzende Krawatte, lässt sich gehen. Am Morgen des 1. September 1958 stirbt Hans Timm in seinem Geschäft nach einem Schlaganfall. „Wie gefällt lag er da zwischen dem Sessel und dem Rauchtisch, den er damals aus dem brennenden Haus gerettet hatte ...“

Als die NS-Zeit vorbei war, heißt es im Buch, habe der Vater immer versucht, jede Mitschuld zu relativieren und sich darauf herauszureden, nie in die NSDAP eingetreten zu sein. Und eine nationale Gesinnung könne ihm niemand vorwerfen. „Der Vater tat gerade das, was er immer als verächtlich anprangerte – er kniff.“ Eine Generation reagiert beleidigt und verstockt, sie will vergessen, sich wieder aufgehoben fühlen in ihrem Dasein, und läuft Gefahr, genau daran zu scheitern.

Uwe Timm räumt ein, dass Erinnern nicht Erkennen heißt. Wer Familiengeschichte erzählt, hat sie damit noch längst nicht entschlüsselt, geschweige denn erschöpfendem Urteil preisgegeben. Vielmehr wird dem Leser im Sinne Bertolt Brechts bedeutet: Gedenkt der finstren Zeit, der ihr entronnen seid, aber tut es mit Nachsicht. Wagt euch in Blaubarts Kammer und verzweifelt nicht daran, dass es sie gibt.

„Hiermit schließe ich mein Tagebuch, da ich für unsinnig (sic!) halte, über so grausame Dinge, wie sie manchmal geschehen, Buch zu führen“, reißen die Frontnotizen des Bruders am 6. August 1943, zehn Wochen vor seinem Tod, jäh ab. Grausame Dinge. Wie das hungrige MG? Als der Autor auf der Suche nach einer Antwort die Notizen noch einmal durchgeht, fällt ihm eine Zeichnung auf, die einen springenden Löwen zeigt. Deutlich ist zu sehen, dass bei den Pranken, bei Schnauze und Gebiss mit verstärkendem Strich nachgeholfen wurde, um die Skizze zu verbessern. Das Original des Sohnes und die Korrektur des Vaters liegen übereinander, als sollten sich zwei Leben durchdringen, denen man nur gerecht werden kann, wenn man sie so nah beieinander sieht. Und an denen sich nichts mehr ändern lässt. Wie bei Blaubarts Frau, die aus dem verbotenen Zimmer stürzt und versucht, das Blut wieder abzuwischen. Vergeblich.

06:00 27.07.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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