Abwinken und abhaken

Friedensnobelpreis Wer Barack Obama zum Nobelpreisträger kürt, entmachtet ihn als Präsidenten. Nichts ­mögen die Amerikaner weniger als Druck von außen

Nicht zum ersten Mal hat sich die Jury un­mäßig beeilt. Als Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis erhielt, waren die Ostverträge mit der UdSSR und Polen zwar unterschrieben, doch konnte die neue Ostpolitik noch am innenpolitischen Gegner scheitern. Barack Obama unterschrieb bislang kein vergleichbares Abkommen.

Haben sich die Juroren in Oslo geirrt, leiden sie unter gestörter Wahrnehmung. Beides wäre ­bedenklich. Schlimm wird es erst, wenn Politik aus Übermut genötigt wird. Genau das ist ­geschehen. Als Friedensnobelpreisträger muss Obama für Frieden in Afghanistan sorgen, den es nur durch einen Abzug aller Besatzungstruppen geben kann. Als Friedensnobelpreisträger muss er dem Irak um­gehend seine volle Souveränität zurückgeben. Er hätte außerdem zu erklären, dass jede militärische Lösung im Atomstreit mit dem Iran ein für allemal ausgeschlossen bleibt, und sich auch Israel daran halten wird. Nichts davon kann, nichts davon wird er tun – die Kraft des Weißen Hauses reicht nicht einmal, Benjamin Netanjahu einen Siedlungsstopp abzuringen.

Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees setzt in ihrer schrulligen Irrationalität Politik dem Gedröhn populistischer Stimmungskanonaden aus. Sie verströmt eine Aura von ­Geltungsdrang und Realitätsverlust. Es wird versucht, der Politik zu nehmen, was zur Politik gehören muss, soll die Welt nicht aus den Fugen geraten: die Wahrnehmung von Interessen. Ausgerechnet von einem Präsidenten der USA und ausgerechnet von diesem so stark unter Druck stehenden zu verlangen, diesem Prinzip abzuschwören, wirkt absurd und abenteuerlich. Politik und ­Moral sollten keine Feinde, aber auch kein Zwillinge sein. Sie brauchen einander. Als Gegensatz, nicht als Libido-Ersatz.

Es mag Zufall gewesen sein, dass die Nachricht aus Oslo ­gerade am 9. Oktober eintraf. Sie passte zur Leipziger Befeierung ostdeutscher Wenderevolutionäre, aus denen wendige Revolutionäre wurden, als der im Herbst 1989 reklamierte ­Gestaltungsanspruch mindestens ebenso gefragt war wie bei der Abwicklung der DDR: beim freien Fall des Ostens in die Einheit. Wer sich am 9. Oktober 2009 von Merkel und Köhler als Revolutionär feiern ließ, wurde tatsächlich als Denkmal gepflegt. Allein dem Bündnis­grünen Werner Schulz fiel das auf. Der besaß noch so viel störrische Resignation, dies bei seiner Rede anklingen zu lassen.

Auch Obama droht übertriebene Ehre den Schneid abzukaufen, freilich unter anderen Vorzeichen. Wer ihn zum Nobelpreisträger kürt, entmachtet ihn als Präsidenten. Nichts ­mögen die Amerikaner weniger als Druck von außen. Nichts ist für Obama innenpolitisch ­gefährlicher als der Verdacht, unter einem solchen Druck zu handeln. Nichts wird für ihn künftig zwingender sein, als bei jeder Entscheinung diesen Verdacht zu entkräften. Er wäre gut beraten, den Preis nicht anzunehmen. So wie das der nord­vietnamesische Politiker Lê Duc Tho einst tat, als er 1973 mit Henry Kissinger für das Pariser Vietnam-Abkommen prämiert werden sollte. Lê Duc Tho sagte im Namen von zwei Millionen toter Landsleute ab.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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