Brand- und Bruchstellen

NATO Deutschland gerät nach dem Angriff auf zwei Tankzüge in Kundus zusehends in Bedrängnis. Verbündete wie Frankreich und Großbritannien fordern rückhaltlose Aufklärung

So wenig atlantische, vor allem europäische Solidarität war selten. So viel Frust auch. Frankreich und Großbritannien haben keine Lust, der deutschen Regierung und ihrer Bundeswehr-Führung wegen des Kundus-Massakers Absolution zu erteilen. Im Gegenteil, es soll nicht geschont werden, wer Verantwortung trägt für den Tod von Zivilisten, den die NATO inzwischen auch offiziell einräumt. Dass die Außenminister Frankreichs und Großbritanniens, Bernard Kouchner und David Miliband, keine 24 Stunden nach der Regierungserklärung von Angela Merkel auf einer erschöpfenden Untersuchung der Befehle und Bomben vom 4. September bestehen, spricht Bände.

Offenbar ist in Paris und London die Verstimmung groß, dass die deutsche Kanzlerin ihren Wahlkampf über die Interessen der Verbündeten stellt und sich zu keiner Entschuldigung für die zivilen Opfer durchringt, wie das der ISAF-Kommandeur, US-General Stanley McChrystal, getan hat. Es blieb beim Bedauern für die „möglichen zivilen Opfer“ - von denen man doch längst weiß, dass es sie gibt. Alles bleibt der Absicht unterworfen, das heikle Thema dem Wahlkampf zu entziehen und jede innere Zerreißprobe für die Union zu vermeiden, indem ein CDU-Verteidigungsminister für ein desaströses Krisenmanagement gerügt wird. Das mag erklärbar und nachvollziehbar sein. Für Briten und Franzosen scheint allein relevant – der seit Wochen reklamierte Strategiewandel in Afghanistan verliert an Glaubwürdigkeit, bevor er für die Afghanen überhaupt spürbar wird. Wozu noch von Versöhnung reden, um die Köpfe und Herzen kämpfen, wenn ein deutscher Oberst gewaltsam dazwischen grätscht? Sollte in Paris und London die Überzeugung gereift sein – und vieles spricht allein wegen der hohen Zahl gefallener britischer Soldaten dafür –, dass eine politische Entkrampfung nur mit und nicht ohne die Taliban möglich ist, dann war der Luftschlag von Kundus ein Schlag ins Kontor. Der Vorfall bestärkt radikalen Kräfte in der Taliban-Führung, die sagen, allein unversöhnlicher Widerstand vertreibt die fremden Truppen.

Wenn Frankreich und Großbritannien die Regierung in Berlin wegen ihrer trotzigen Selbstgerechtigkeit kritisieren, entlädt sich darin wohl auch ein lange angestautes Unbehagen über die deutsche Afghanistan-Politik generell. Die hat den gefährlichen Süden und Osten gern Amerikanern und Briten überlassen und den letzten Schritt in den ganz großen Schlamassel stets gemieden. Aber nun plötzlich – gegen zwei gestrandete Tankwagen – wird Krieg führt, was das Zeug hält. Weil es die eigene Sicherheit verlangt. Das operative Kalkül der Bundeswehr unterläuft eine strategische Kalkulation der NATO: Die Afghanen gewinnen, indem man sie schont und schützt. Es wird aufschlussreich sein, wer am Ende Recht behält.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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