Der Bruder

Literatur Bernd-Peter Lange erinnert an den Arzt und Kommunisten Georg Benjamin

Die Überstellung Georg Benjamins ins KZ Mauthausen im Sommer 1942 kommt einem Todesurteil gleich. Und genau das soll es sein. Im Transportbefehl der Gestapo ist ausdrücklich vermerkt, eine Rückkehr „des Kommunisten und Juden“ sei „unerwünscht“. Bis dahin hat Benjamin – verurteilt wegen Widerstandes gegen das NS-Regime – sechs Jahre im Zuchthaus Brandenburg-Görden abgesessen, wird aber nach verbüßter Strafe nicht freigelassen, sondern in ein Straflager deportiert. Seine Frau Hilde sieht ihn ein letztes Mal aus der Ferne, als er mit einem Arbeitskommando in die Berliner Wuhlheide ausrückt. In der Hölle von Mauthausen vergehen elf Tage zwischen der Einlieferung am 15. August 1942 und dem Tod Georg Benjamins, der mutmaßlich „auf der Flucht erschossen“ oder von SS-Aufsehern in den unter Starkstrom stehenden Stacheldraht getrieben wird.

In seinem Buch Georg Benjamin. Ein bürgerlicher Revolutionär im roten Wedding hat Bernd-Peter Lange (76), emeritierter Hochschullehrer für anglistische Literatur in Berlin, den Lebensweg dieses Märtyrers mit viel Hingabe ans Detail, aber wenig Sinn fürs episodisch anschauliche Erzählen rekonstruiert. Dennoch übertrifft seine Abhandlung, was es bisher an biografischem Exkurs über den Mediziner und Sozialhygieniker, den Kommunisten und Gesundheitspolitiker Georg Benjamin zu lesen gibt.

Humanist der Tat

Der jüngere Bruder des Philosophen und Schriftstellers Walter Benjamin, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Portbou das Leben nimmt, gehört lange schon zu den Vergessenen, Verdrängten und Verleumdeten, wenn an NS-Opfer erinnert wird. Dass es so ist, dürfte nicht zuletzt auf seine Lebensgefährtin Hilde Benjamin (1902 – 1989) zurückzuführen sein. Als Justizministerin der frühen DDR legt sie – im Unterschied zur westdeutschen Praxis – Wert auf eine harte, kompromisslose Rechtsprechung bei Nazi- und Kriegsverbrechern. Andererseits werden im Umgang mit Georg Benjamin auch Kollateralschäden des antikommunistischen Furors sichtbar, der sich bis heute gegenüber dem antifaschistischen Erbe der DDR austoben darf. In den 1990er Jahren mussten nach ihm benannte Hospitäler seinen Namen hergeben, wurden Gedenktafeln beseitigt oder geschändet.

2014 hat sich Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye im Buch Die Benjamins mit der tragischen Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasst, nur wird seiner Arbeit von der Kritik eine gewisse Oberflächlichkeit angekreidet. In der DDR wiederum schrieb Hilde Benjamin 1977 für die Reihe „Humanisten der Tat“ eine biografische Skizze über ihren Mann, die mehr dem politischen Vermächtnis galt, als dass sie Lebenserkundung und Charakterstudie sein wollte. Umso mehr gebührt Bernd-Peter Lange Dank für ein lesenswertes und geschichtsbewusstes Werk, auch wenn das faktische Moment das narrative allzu sehr dominiert. Als mit der Titelfigur sympathisierender Leser hätte man sich mehr Empathie gewünscht. Lange beschäftigt der soziale Überläufer aus dem gehobenen Bürgertum mehr als der Klassenkämpfer, der selbiges nur werden kann, indem er seine Klasse verlässt. Und dies in der Gewissheit wagt: Es führt so gut wie kein Weg zurück, wenn der radikale Bruch in der Hinwendung zu den Kommunisten besteht. Bekanntlich findet die KPD wenig Gefallen an der Weimarer Republik und trachtet danach, sie auf revolutionärem Wege zu überwinden. Im Auftrag der Partei engagiert sich Benjamin im Berliner Wedding als anerkannter Kommunalpolitiker, dessen Mandat noch im März 1933 trotz aller Repressionen der heraufziehenden Hitler-Diktatur bestätigt wird. Benjamins Übertritt von der USPD zur KPD im Jahr 1922 ist eben nicht ideologisches Bekenntnis allein, sondern Konsequenz der Suche nach Identität durch neue Identifikationsmöglichkeiten in proletarischen Milieus der Reichshauptstadt. Zu Benjamins Passion als Schul- und Säuglingsarzt sei es „unter dem polarisierenden Druck von zugespitzten Klassenverhältnissen“ gekommen, so Bernd-Peter Lange. Insofern zählt es zu den Vorzügen des Buches, dass der Autor seinen Helden nicht als Wanderer zwischen den Welten beschreibt, sondern auf dem Weg von der einen in die andere Welt begleitet. Der „Seitenwechsel“ beginnt unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, als sich Benjamin aus der elterlichen Villa im Grunewald verabschiedet und zunächst ein Zimmer im Zuhälter-Viertel am Schlesischen Bahnhof bezieht, ehe es in den proletarischen Norden geht, ins Ledigenheim am Weddinger Brunnenplatz. Die erste eigene Wohnung mietet der inzwischen mit der Juristin Hilde Lange Verheiratete 1926 in einer Siedlung des Neuen Bauens (Architekt Bruno Taut) am Schillerpark. 1931 folgt der Umzug in ein stattliches Geschäftshaus am Gesundbrunnen-Boulevard Badstraße, weil Hilde dort ein Anwaltsbüro einrichten und Klienten der Roten Hilfe beistehen kann. Bernd-Peter Lange nennt den Lebensort Schillerpark „eine sozial begrenzte utopienahe Idylle“. Warum? Weil die statt des Bohemiens eher den Bürger aufnimmt, sodass linke Intellektuelle wie die Benjamins einen gehobenen Lebensstil pflegen und unter sich bleiben können? Sollte der Autor das andeuten wollen, widerlegt er sich umgehend.

Schließlich erfährt Benjamin als Fürsorgearzt täglich, unter welch prekären Lebensverhältnissen Arbeiterkinder im Berliner Osten und Norden aufwachsen. Überdies grenzt der Schillerpark an die Gartenkolonie „Freudental“, in der Familien dauerhaft unterkommen müssen, da selbst im Winter nur das Refugium Laube, eine Wohnung aber unbezahlbar bleibt.

Sosehr Berliner Topografie der 1920er zum Sozialatlas und zur Geschichtsstudie taugt, hält sich Lange – vielleicht einer günstigen Quellenlage geschuldet – etwas zu lang mit den Lebensstationen Benjamins bis zur Zäsur 1933 auf. Was zu Lasten des Widerstandskämpfers geht, der Ergründung seiner Motive und des Willens, vor dem NS-Regime nicht den Rücken zu beugen. Noch im März 1933 hängt Benjamin eine große rote Fahne aus seiner Praxis in der Badstraße, die daraufhin ein SA-Trupp stürmen will. Nach der ersten Internierung im KZ Sonnenburg muss er bei der Entlassung Ende 1933 unterschreiben, dass er künftig auf jede politische Aktivität verzichten wird. Er dürfte gewusst haben, was es für ihn bedeutet, sich nicht daran zu halten und ab 1935 die illegale KPD-Informationsabteilung zu unterstützen. Dann galt unwiderruflich: Es führt kein Weg zurück.

Info

Georg Benjamin. Ein bürgerlicher Revolutionär im roten Wedding Bernd-Peter Lange Verlag Walter Frey 2019, 197 S., 15 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 26.01.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Ausgabe 28/2020

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