Der König als Bauernopfer

Ägypten Wenn es am 11. Februar in Kairo keinen Staatsstreich gegen einen Volksaufstand gegeben haben soll, muss das Schiff der Revolution jetzt erst recht Fahrt aufnehmen

Noch am Abend des 10. Februar hat Hosni Mubarak mit stoischem Gleichmut wissen lassen, bis September im Amt aushalten zu wollen. Wenn er keine 24 Stunden später von seinesgleichen eines Besseren belehrt wird und demissioniert, riecht das nach einem kalten Militärputsch. Die Generalität hat ihn zum Abgang genötigt und damit mehr getan, als nur eine Präsidentschaft zu beenden, die mit jedem Tag mehr zum Anachronismus, zum Sicherheitsrisiko für Ägypten, den Nahen Osten und vor allem den Westen wurde. Man höre sich nur an, mit welcher Erleichterung im Augenblick quittiert wird, dass sich der neue Staatschef Omar Suleiman und sein Rat der Generäle zu allen internationalen Verpflichtungen des Landes bekennen, besonders dem Camp-David-Vertrag mit Israel ihre Reverenz erweisen.

So sehr es der heftigen Euphorie im Land des Aufstands wie den medialen Begleitchören im Westen zuwiderlaufen mag – die nüchterne Analyse der Ereignisse lässt nur einen Schluss zu: Eine Volksbewegung hat die Festung Mubarak belagert – genommen haben sie die Paladine des Regimes, was ihnen nicht schwerfiel. Sie beherrschen eine Zitadelle der Macht, die sie nicht von außen erobern, sondern nur von innen her zu übernehmen brauchten. Ägyptens Machtpyramide ist erschüttert, aber nicht zerstört. Nicht einmal schwer beschädigt. Sie hat vorerst kaum mehr verloren als eine Galionsfigur, die sie um der Statik der Pyramide willen abstößt. Da dieses System auch durch die Verschwisterung mit der Familie des Ex-Präsidenten dynastische Züge trug, bleibt zu konstatieren – der König (oder Pharao) hat seinen Thron verloren, ist aber in Wirklichkeit nur noch ein Bauernopfer.

Mubarak hat mit der Durchhalterede am Abend des 10. Februar seinen Hofstaat gebeten, sich für den gemeinsamen Untergang bereit zu halten – oder ihn zu stürzen. Sein „Hier-stehe-ich-und-will-nicht anders“ enthielt die Botschaft, ihr müsst schon selber tun, was ihr nicht lassen könnt. Und sie taten, was sie als Retter in eigener Sache für geboten hielten. Ob es sich nun um Ministerpräsident Ahmed Schafi handelt, um Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi und Stabschef Sami Hafes Enan oder eben den neuen Staatschef Omar Suleiman – sie alle kamen nach dem Willen und als Gefolgsschaft Mubaraks ins Amt, waren seine Seilschaft bis zuletzt und bleiben daher das entscheidende Mandat für eine Demokratisierung des Land schuldig – das der Straße, des Aufstands, der Volkssouveränität. Die mehr ist als das Versprechen auf Wende und Neuanfang, sondern die einzige Garantie. Sie einzulösen, kann nicht einem Militärrat überlassen sein. Wie werden aus Flügeladjutanten einer Diktatur Schirmherren der Demokratie?

Wenn US-Präsident Obama den Fall Mubaraks allen Ernstes mit dem der Berliner Mauer vor über 2o Jahren vergleicht, mag das kühn und verwegen klingen, bemüht aber Analogien, wo keine sind. Genau genommen wird die ägyptische Demokratiebewegung damit verspottet, um nicht zu sagen verhöhnt. Als die Mauer 1989 brach, riss sie ein ganzes System mit in den Abgrund. Davon kann in Ägypten keine Rede sein. Genau das soll mit dem erzwungenen Abgang des Diktators verhindert werden. Wenn es am 11. Februar keinen Staatsstreich gegen einen Volksaufstand gegeben haben soll, muss das Schiff der Revolution jetzt erst recht Fahrt aufnehmen und darf nicht auf den Schlammbänken der Beschwichtigung stranden. Seine Steuerleute sollten jetzt erst recht all den Fürsprechern in Europa und Nordamerika misstrauen, die Mubarak plötzlich wie ein satanisches Relikt geißeln, als hätte es den honorigen Partner und Verbündeten nie gegeben. Man war mit ihm über Jahrzehnte innig verbunden und wusste die ganze Zeit über, wie er Ägypten regiert. Wenn die deutsche Kanzlerin die "Freude" der Ägypter auf den Abgang des Autokraten teilt, warum hat sie es zuvor nicht mit deren Leid durch öffentlich geäußertes Mitgefühl und Kritik am Regime ebenso gehalten?

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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