Griff in den Tugendbottich

Die Neujahrswünsche von Köhler und Merkel Zum Jahreswechsel Jahr wurde wieder viel Gutes in die Menschen hinein gesät. Die politischen Verantwortungsträger taten sich besonders hervor

Aufschlussreich und nicht weiter überraschend, dass sich Bundespräsident und Kanzlerin bei ihren Neujahrsansprachen dem Abfischen im Tugendbottich hingaben. Was ihnen vor laufenden Kameras ins Netz ging, sah nach Graubrot, Haferflocken, Malzkaffee und Scheuersand aus und nannte sich „Gemeinsinn“, „Gemeinschaftswerk“ und „gemeinschaftliche Anstrengung“. Da war er also wieder, der Wertebaukasten als Fundgrube fürs nationale Eigenheim. Mit Bastelspaß gegen die Krise! Besonders die Vergatterung zu mehr „Gemeinsinn“ erlebte bei Merkel und Köhler im Gegensatz zu einer sich über das Jahresziel schleppenden Wirtschaft ein Konjunkturwunder. „Dieser Gemeinsinn kann uns jetzt überall voranbringen“, predigte die Kanzlerin. Deutschland habe „schon ganz andere Herausforderungen gemeistert“.
Das planmäßig entwickelte System des Spätkapitalismus tritt also in sein vorerst letztes Stadium: das der Kindergärtnerei und Götzenbeschwörung. Vorbei die Veitstänze und Individualitätsschübe karrieregeiler, urbaner Coffee-to-Go-Hedonisten, die sich allein als ihres Glückes Schmied wähnen durften. Eine vom Ernst der Stunde beseelte Menschengemeinschaft schart sich verklärten Blicks um den nationalen Opferstock. Unterhaken, Schulterschluss und Näschenreiben werden zur Staatsdoktrin. Schließlich soll es der Spaßgesellschaft weiter Spaß machen. Passend dazu war Merkels Neujahrsansprache eine besonders schrullige Parodie auf die Figur der wohltätigen Gouvernante, die einem Grundkurs für Tagesmütter entsprungen schien.

Sie vergaß freilich, in ihren fünf Minuten Staatsaufsager wenigstens mit einem Satz zu erwähnen, dass knapp sechs Millionen Menschen, denen die Arbeitsmarktreformen ein Überwintern in prekären Beschäftigungen und dank eines Einkommens jenseits des Existenzminimums soziales Siechtum beschert haben, bereits jetzt ein Hohelied auf den ihnen zuteil gewordenen Gemeinsinn anstimmen. Warum werden sie nicht zu Kronzeugen der Bewegung um mehr Mitmenschlichkeit ernannt? Merkel ersparte es sich auch, die rührende, an Selbstverleugnung grenzende Enthaltsamkeit der Banken zu loben, die ihren Gemeinsinn gerade jetzt anmutiger denn je unter Beweis stellen: Sie verweigern Kredite ganz oder verteuern sie über Gebühr (obwohl doch die Notenbanken die Leitzinsen schon bis unter die Schmerzgrenze gesenkt haben). Unternehmen, die frisches Geld brauchen, um gerade jetzt über die Runden zu kommen, wissen diesen Ausbund an Miteinander und Füreinander gewiss zu schätzen. Viele sehen darin eine Gegenleistung zu den 480 Milliarden Euro, mit denen Millionen Steuerbürger im Oktober zu verstehen gaben, dass ihr „Gemeinsinn“ aber wirklich gar keine Grenzen mehr kennt. Auch wenn es da einen Hauch von Egoismus gab, weil viele Geldinstitute durch diesen Großmut um ihre Verschrottungsprämie gebracht wurden.

Vor genau einem Jahr jedenfalls hatte uns Angela Merkel in der Neujahrsansprache des Jahrgangs 07 mit kokettem Blick aufgefordert: „Überraschen wir uns, was möglich ist.“ Sie hat Wort gehalten.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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