Hochgradig verwundbar

Terror Nach dem Attentat von London wird die Rückkehr zur Normalität beschworen. Angebracht ist das nicht
Hochgradig verwundbar
Für die Täter zählt das Ergebnis

Foto: Niklas Halle'n/AFP/Getty Images

Man müsse unbeeindruckt bleiben und dürfe sich das gewohnte Leben nicht zerstören lassen, hat die britische Premierministerin May nach dem Westminster-Anschlag im Unterhaus erklärt. Diese Selbstvergewisserung, artikuliert nach jedem Terrorakt, wirkt inzwischen auffallend ritualisiert. So nachvollziehbar sie auch sein mag, mit den Täter-Typologien wie sich wiederholenden Tatmustern, die zum Gleichnis taugen, ist das Beschwören von Normalität kaum mehr vereinbar. Eine Promenade in Nizza, ein großer Platz in Berlin, die Westminster Bridge – die Täter Mohamed Bouhlel, Anis Amri und Khalid Masood trugen keinen Sprengstoffgürtel und deponierten kein Dynamit, sondern benutzten Fahrzeuge als Waffen. Sie passten damit ihr Equipment den hohen Sicherheitsstandards europäischer Metropolen an, um diese zu unterlaufen und zu „konterkarieren“, weil außer Dienst zu stellen. Das Muster des motorisierten Amoklaufs läuft auf die Gleichzeitigkeit von maximaler Sicherheit und tödlicher Gefahr in urbanen Zentren hinaus, auf einen Zustand von Nichtkrieg und Nichtfrieden, wie er Regionen im Nahen Osten oder Nordafrika seit Jahrzehnten heimsucht. Und längst via Europa exportiert wird. Ob sich die Täter dessen bewusst waren und deshalb taten, was sie nicht lassen wollten, erscheint irrelevant. Was zählt, ist das Ergebnis.

Und das kann durch Theresa Mays Botschaft, lasst euch nicht beeindrucken, bestenfalls überspielt, aber nicht bestritten werden. Der Einsatz von Kampfdrohnen gegen menschliche Ziele im Jemen, im Irak, in Pakistan oder Afghanistan, der nur dann medial kolportiert wird, wenn Kommandeure des IS oder von Al-Qaida ausgeschaltet wurden, hat längst jede Grenze zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten aufgehoben. Im Moment der Detonation, da Körper zerrissen werden, ist Dschihadist gleich Zivilist. Die Attentäter von Nizza, Berlin und London bemächtigten sich dieses Grauens, indem sie es durch den Vorsatz potenzierten: nicht zufällig wie durch ferngesteuerte Drohnen, sondern gezielt durch handgesteuerte Fahrzeuge Unschuldige und Unbeteiligte zu treffen.

Osmotisches Verhältnis

Womit der Terror-Export nach Europa noch nicht erschöpft ist. Zu seiner Produktpalette zählt gleichsam der asymmetrische Krieg, den nicht allein der Unterschied zwischen einer Luftarmada der Anti-Terror-Allianz und dem Sprengstoffgürtel des Selbstmordattentäters ausmacht. Er kann auch als Kraftprobe zwischen maximalen Sicherheitsvorkehrungen und psychologischem Terror stattfinden. Attentäter wie Khalid Masood in London vermitteln der Bevölkerung europäischer Großstädte das Gefühl, letzten Endes doch unzureichend geschützt, da im entscheidenden Augenblick hilflos ausgeliefert zu sein. Terror auszuüben, kann eben auch heißen, den Terror der Angst zu schüren.

Befördert wird das durch unbedachte wie überzogene Reaktionen des Staates, der immer noch wehrhafter sein will und damit zugibt, wie groß die Gefahr und wie begrenzt die Chance ist, ihr jederzeit gewachsen zu sein. Politiker-Reaktionen hinterlassen eine ähnliche Wirkung, so sehr sie auch dem Eindruck des Schocks geschuldet sein mögen. Präsident François Hollande erklärte nach dem Pariser Blutbad am 13. November 2015, Frankreich stehe nun im Krieg, mit seinem Land sei „ganz Europa angegriffen worden“. David Cameron, seinerzeit noch britischer Regierungschef, meinte nach den Anschlägen vor einem Jahr in Brüssel, auch Großbritannien sehe sich nun einer „sehr realen Terror-Bedrohung“ gegenüber. Donald Trump posaunte zur gleichen Zeit als US-Präsidentschaftsbewerber vor jubelnden Anhängern: „Belgien und Frankreich zerfallen buchstäblich.“ Mehr Resonanz hätte sich der IS kaum wünschen können.

Es war eine der ersten Schlussfolgerungen nach 9/11, dass hochentwickelte Länder wie die USA, Frankreich oder Deutschland hochgradig verwundbar sind und das permanent. Erscheint es deshalb ratsam, Sitzungen des britischen Unterhauses in einen Bunker zu verlegen? Gibt es Grenzen dessen, was getan werden müsste und doch unterbleiben sollte? Die gibt es zweifellos. Sie wären dort zu ziehen, wo die mediale Reflexion des Terrors die Behauptung von der seelischen Immunität westlicher Gesellschaften widerlegt und zeigt, wie „beeindruckt“ die sein können.

Wird wie gewohnt überdimensioniert berichtet, kommt ein Austausch zustande. Die Medien werden von den Tätern mit Verbrechen versorgt und erteilen denen im Gegenzug das Wort, sei es durch die Rekonstruktion der Tat, die Suche nach dem Motiv, den Verweis auf Bekennerschreiben, Zitate daraus und so weiter. Müssen Medien deshalb zensiert werden? Sicher nicht, sie sollten nur wissen, der Terror – sei er mörderischer Wahn von Einzeltätern oder das Werk einer Organisation – pflegt längst ein osmotisches Verhältnis zu seinen Zielen und Opfern. Darin besteht die größte Bedrohung, die einfach nicht zu schließende Sicherheitslücke.

06:00 30.03.2017
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden
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