Kommen und Gehen

Afghanistan Die NATO-Staaten warten mit Abzugsplänen auf und tun so, als ob für die Restlaufzeit ihrer Besatzung nicht mehr viel zu tun sei, um ein befriedetes Land zu hinterlassen

Falls 2012 wie angekündigt 450 deutsche Soldaten Afghanistan verlassen und etwa 5.000 bleiben, wird dieser Abzug kein Aderlass sein. Doch soll ein solcher – strategisch wenig relevanter – Teilausstieg die von der Bundesregierung für 2014 versprochene vollständige Demission mit Glaubwürdigkeit ausstatten. Auch wenn Verteidigungsminister Thomas de Maizière seinen Vierjahresplan mit der Fußnote versieht: Man werde erst weg sein, wenn dies die Sicherheitslage wirklich erlaube. Und die Amerikaner kein Veto einlegen, wäre anzufügen. Wohl haben die am Hindukusch exponierten NATO-Mächte längst begriffen, auf welch verlorenem Terrain sie stehen, ohne freilich zu wissen, welches sie hinterlassen sollen. Wer kommt, wenn 130.000 fremde Soldaten gehen?

Bekanntlich sucht die Obama-Administration seit 2010 ihr Heil in einer Counterinsurgency-Strategie – sie konzentriert sich voll auf die Bekämpfung der Aufständischen. Es gilt nicht mehr der Grundsatz, die Bevölkerung zu gewinnen, sondern der Vorsatz, Taliban-Kader ausschalten. So viel wie möglich, wann immer und wo immer. Gezieltes Töten als letzte Hoffnung einer ausgelaugten Kriegsmacht – auf eine ähnliche Strategie verließen sich die USA bereits in der Endphase des Vietnamkriegs. Und scheiterten. So resümiert denn auch der alle sechs Monate fällige Afghanistan-Fortschrittsbericht des Pentagon im Mai 2011: Es gebe punktuelle Erfolge im Süden und Südwesten. Vielerorts verharre man aber bei einem stalemate (Patt). Auch müsse Raumgewinn als „fragil und umkehrbar“ eingestuft werden. Vermutlich zu recht. Die Aufständischen tauchen zwischenzeitlich in den Herzkammern des Karzai-Staates auf. Sie belagern Viertel in Kabul, als sei ihnen der Bürgerkrieg ein ultimatives und – wenn es sein muss – selbstmörderisches Lebenselixier. Diese Guerilla lässt sich an keinen Verhandlungstisch bomben. Der Krieg als Katharsis für sich selbst opfernde Gotteskrieger – dieses Kalkül hat sich als Trugschluss erwiesen. Die Taliban können abwarten und mehr anstreben als Teilhabe an der Macht. Wer mit ihnen verhandeln will, wird sie dadurch weder politisch kontrollieren noch ideologisch do­mestizieren. Dafür wurde das Überstehen von zehn Jahren westlicher Übermacht zu teuer erkauft, als dass kapitulieren müsste, wer nicht besiegt ist. Zudem sei in Erinnerung gerufen – das von den Jüngern Mullah Omars nach ihrem Machtgewinn 1996 errichtete afghanische Kalifat ging nicht an afghanischem Widerstand zugrunde. Es wurde vor zehn Jahren durch eine US-Intervention zerstört. Wiederaufer­stehung nicht ausgeschlossen.

Was folgt daraus? Dass es eigentlich gar keinen militärischen Rückzug des Westens geben kann, solange Derartiges möglich, sogar wahrscheinlich ist? Die Regierung Merkel dürfte sich darüber im Klaren sein – in vier Jahren Restlaufzeit fällt einer Besatzungsmacht nicht urplötzlich in den Schoß, was sie in einem ganzen Jahrzehnt schuldig blieb – den Durchbruch zu einem befriedeten, in sich gefestigten afghanischen Staatswesen, frei von Korreption, Willkür und Fremdbestimmung. Diese Wahrheit steht nicht hinter, sondern über aller Abzugsarithmetik. Verantwortungslos handelt, wer sie ausblendet und das Eingeständnis vermeidet, nach 2014 wird es weiter ausländische Soldaten in Afghanistan geben, unter Umständen auch deutsche.


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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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