Missionar Abdullah Gül

Kommentar Die Türkei als Irak-Vermittler

Zeugt es von einem besonders ausgeklügelten diplomatischen Manöver, wenn der neue türkische Premier Abdullah Gül von der islamischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) im arabischen Raum als Irak-Emissär unterwegs ist? Er verhandelt mit den arabischen Führern in Kairo, Damaskus und Amman. Er spricht von einem politischen Ausweg drei Minuten vor Zwölf. Das mag mancher Ehren wert sein, verlangt aber von allen Beteiligten viel Verdrängungskunst. Vom türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik starten seit zehn Jahren US-Flugzeuge, um irakische Positionen im Nordirak zu bombardieren. Der jetzige Aufmarsch der Amerikaner ist ohne die logistische Drehscheibe Türkei undenkbar. Das Plazet gibt der Nationale Sicherheitsrat in Ankara als Vormund der Regierung - so verlangt es die Verfassung. Dieses Land ist mitnichten dabei, im Irak-Konflikt Partei zu ergreifen - es ist dergleichen längst. Inwiefern erhöht soviel Verwicklung die Glaubwürdigkeit von Vermittlung?

Abdullah Gül müsste für arabische Präsidenten wie Baschar Assad und Hosni Mubarak eher eine Zumutung sein. Es sei denn, man arrangiert sich zu gemeinsamer Camouflage und wittert die Chance, die Güls Mission bietet. Ägypten und Syrien könnten Gefallen daran gefunden haben, per diplomatischem Ausfallschritt der Ohnmacht zu entkommen, in die sie Bushs kompromissloser Kriegswille zwingt. Gegenüber der eigenen Bevölkerung lässt sich einmal mehr beteuern, bis zuletzt alles getan zu haben, um den "Tag X" am Golf zu verhindern. Syriens Staatschef muss immerhin damit rechnen, nach einem Irak-Krieg auch mit dem Label "Schurkenstaat" versehen zu werden. Das Israel Ariel Sharons wird sich bei einem weiter zu seinen Gunsten verschobenen Kräfteverhältnis die Gelegenheit zur endgültigen Übernahme der syrischen Golan-Höhen nicht entgehen lassen. Dazu braucht Damaskus nur in die Schusslinie der USA gebracht zu werden. Der Anti-Terror-Kampf bietet dafür Möglichkeiten. So gesehen ist für Präsident Assad der Dialog mit der Türkei als unentbehrlichem Alliierten der Amerikaner ein Akt der Vorsorge. Und Ägyptens Hosni Mubarak? Der war schon immer ein Meister der vielen, stillen Kapitulationen, die stets wie zäh erhandelte Siege aussahen. Er kann sich auf die Amerikaner verlassen und sie auf ihn. Kleine Wackler werden da toleriert. Etwa, wenn in Kairo vom unbedingten Erhalt der territorialen Integrität des Irak die Rede ist und die ehrgeizigen Pläne der nordirakischen Kurdenführer Talabani und Barzani zurückgewiesen werden. Da gerät der Schulterschluss mit Abdullah Gül dann wirklich eng. Denn Ankara treibt die Sorge um, Briten und Amerikaner könnten die Wirren eines Kriegs dazu nutzen, den Kurden im Nordirak eine großzügige Autonomie einzuräumen und so Begehrlichkeiten bei den türkischen Kurden zu wecken. Da hört für jede türkische Regierung die Freundschaft auf - selbst die mit Amerika.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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