Ritterspiele mit Burgfräulein

Kommentar FDP in Mannheim

Jetzt dürfen sie alle kommen: Alf und Käpt´n Blaubär, Gottlieb Wendehals, Dolly Buster, Franz Beckenbauer und Rudi Carrell, auch Bärbel Bohley, die Schmerzenmadonna der DDR-Herbstrevolution, die sich jüngst bei Herbstwahlen in Berlin schon um die Partei verdient gemacht hat. In der FDP gibt es keine ideologischen Vorbehalte gegen irgendjemanden mehr. Die Partei hat sich endlich aus der Knechtschaft der Politik befreit. Seit Mannheim sitzt die FDP der Zeit als Schalk im Nacken - und der ist breit und weich.
Dazu braucht es nicht viel Autosuggestion, sondern nur den Glauben an ein Publikum, das nichts merkt oder eben nur das merken will. Wird dadurch eine politische Kultur bis zur Kenntlichkeit entstellt oder durch Entstellung kenntlicher? Schön wäre es, diese Frage ließe sich nicht eindeutig beantworten. Vorerst reichen auch die Fakten, um daran zu verzweifeln. Die besagen, dass sich nun auch Hans-Dietrich Genscher endlich als Alt-18-prozentiger outen durfte und den Herold des Größenwahns gab, der Westerwelle zum Kanzlerkandidaten ausrief. Jürgen Möllemann besaß das feinste Gehör für den Wohlklang dieses Ritterschlags, der da auf alle niederging, als er Westerwelle versicherte, "wenn Sie König werden wollen, sind wir Fürsten mit unseren Truppen bereit". Es tröstet, dass sich die gesamtdeutsche Volkspartei trotz mancher Befürchtung ihr Gespür für Upperclass und Underdogs bewahrt hat - König, Fürsten und Truppen, alles noch da.
Bei soviel Freilichtbühne und Burgfestspiel hält man selbstverständlich auch manches Burgfräulein vor, das auf hohen Zinnen den Schleier lüftet. Conny Pieper ist dabei, eine neue Saftigkeit in die Politik zu pressen. Halb Saloon-Lady, halb Klassefrau à la Erich Kästner und dann wieder ganz Dame mit philanthropischem Anspruch die Metaphernkammern der Zoologie plündernd, als sie sich Rudolf Scharping als Dackel vorstellt: "Wer mit den großen Hunden pinkeln gehen will, der sollte sicher sein, dass er das Bein hochkriegt", riet sie ihm in Mannheim ganz unverzagt. Spätestens da wurde klar, welch Kardinalfehler Sachsen-Anhalts neuem Regierer Böhmer (CDU) unterlaufen ist, als er diese Frau nicht als Kulturministerin berufen wollte. Warum auf der Straße der Romanik nicht einmal die Sau austreiben? Haxen und Faxen statt Händel und Lavendel? Wenn´s deftig am besten schmeckt, nur keinen Kniefall vor dem guten Geschmack. Schon jüngst auf der Grünen Woche in Berlin hatte Frau Pieper eine Kostprobe ihres gern das Asphaltische streifenden Mutterwitzes geben können, als sie beim Öffnen roten Sekts mit dem launigen Spruch brillierte: "So köpft man Rote!". Gegen diese Intellektualität wirkt selbst Westerwelle blass.
Wenn Liberalismus für Toleranz und Aufklärung steht, warum muss dann eigentlich mit soviel Aufgeblasenheit und Selbstgefallen aufgeklärt werden? Offenbar weil Liberale ihrer Liberalität nicht mehr trauen. Mit immerhin 18-prozentiger Gewissheit haben sie sich das eingeredet.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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