Zart und grausam

Plädoyer Die sandinistische Revolution in Nicaragua hat es heute erst recht verdient, erinnert und gewürdigt zu werden
Zart und grausam
Was diese Revolution so unwiderstehlich machte, stand in der Hymne der FSLN. „Unser Volk ist Herr der Geschichte“

Foto: Marvin Recinos/AFP/Getty Images

Mit jedem Schritt wurde der Weg länger fünfhundert Meter tief unter der Erde. Bei Temperaturen um die 40 Grad, tropfenden Decken und schwitzenden Wänden verschlug es einem Atem und Sprache. Die Einfahrt in die Goldmine „El Limon“ war ein Absturz in die Hölle. Mitte der 1980er Jahre drehten wir in diesem Schlund für einen Dokumentarfilm über Nicaragua im ersten Jahrzehnt der Revolution. Die besten, später ungeschnitten verwendeten Bilder entstanden, als der Kameramann vor Erschöpfung in Ohnmacht fiel, die Aufnahme aber nicht unterbrochen hatte, sodass die uns begleitenden Mineros im Dunst davon zu schwimmen und sich aufzulösen schienen.

Die meisten sahen aus wie 50, waren aber höchstens 30. Sie sagten uns, irgendwann würde sie die Silikose dahinraffen und ihnen ein Holzkreuz auf dem firmeneigenen Friedhof verschaffen. Kein Zweckpessimismus, in den Schächten von „El Limon“ das Gestein aus dem Berg zu brechen, war Qual und Fron. Die Regierung hätte die Grube schließen oder modernisieren müssen, aber sie war auf die Einnahmen aus dem Bergbau angewiesen. Wie alle Revolutionären blieb auch den Sandinisten der Stoffwechsel mit dem wirklichen Leben nicht erspart. Sie hatten viel versprochen, wurden von den USA gnadenlos bekämpft, die kein zweites Cuba wollten, und mussten erfahren, zu viel versprochen zu haben.

Keine Marimba-Seligkeit

Eine ganze Landschaft weiter südlich der Mine „El Limon“ konnte die Erde manchmal zittern, sich aufbäumen mit der Gewalt der Vulkane. Berge wie der Teliqua oder Momotombo streuten dann ihren feinen Ascheregen über das Land, und das lichte Weiß der Baumwollschläge war verblasst. Zerbrochen schien der karibische Krug, zerschlagen an vulkanischem Gestein. „Erde war der Mensch“, schrieb der chilenische Dichter Pablo Neruda in seinem Zyklus Canto General, „Gefäß, Lidschlag des zitternden Lehms, Gebild aus Erdenton … zart und grausam“. Wie hätte der Mensch auch anders sein sollen in seiner verzweifelten Leidenschaft damals in Nicaragua, als ihn der revolutionäre Rausch überkam?

Wir wollten davon so viel erfassen wie nur möglich, fuhren zu den wütenden Belagerern der Redaktionsgebäudes von La Prensa, dem Sprachrohr der antisandinistischen Bourgeoisie, um gleich darauf den Auftritt eines Comandante zu drehen, der Bauern die Besitzurkunden für das ihnen zugeteilte Land übergab. Abends stand die Kamera im Nationaltheater, weil der Sänger und Komponist Carlos Mejía Godoy ein Konzert gab. Nachts konnte man sich in Managua den Mitgliedern eines Sandinistischen Verteidigungskomitees CDS anschließen, die ihr Viertel bewachten. Die Leute wollten schützen, was sie als ihre Revolution empfanden, und erzählten davon mit Hingabe und offenen Gesichtern.

Von ihrem zum Schluss fast mühelosen Sieg über Somoza im Sommer 1979 seien die Aufständischen überrascht gewesen, notiert der Dichter Ernesto Cardenal in seinen Memoiren Im Herzen der Revolution. Trug sie das Volk zum Sieg? Keine Frage – es war so. Was diese Revolution so unwiderstehlich machte, stand in der Hymne der FSLN. „Unser Volk ist Herr der Geschichte.“ Und wird sich dafür opfern?

Manchmal wurden wir von Kollegen des Sandinistischen Fernsehens gebeten, die Särge unter dem schwarz-roten Tuch der FSLN aufzunehmen, diese massigen Kästen mit dem kleinen Fenster, durch das man in ein erstarrtes braunes, oft schon gelbes, immer junges Gesicht sah. Zumeist wurden die Toten des Contra-Krieges in den nördlichen Bergen bestattet. Dass man sie in Managua oder Masaya aufbahrte, damit es einen würdigen Abschied gab, war die Ausnahme.

Jahre später, als Ken Loachs Spielfilm Carla‘s Song in Deutschland lief, fühlte man sich in jene Augenblicke zurückversetzt. Es ging in dieser Nicaragua-Saga um George Lennox, einen schottischen Busfahrer, und Carla, die Revolutionärin, die nach einem Contra-Überfall aus Nicaragua geflohen ist, dann aber – mit George, der sie liebt – zurückkehrt. Es ist soweit gekommen, dass sich die Zeit des Bürgerkrieges nicht groß vom Entsetzen, Grauen und Sterben in den Jahren danach unterscheidet, lässt der Film keine Zweifel. Nicaragua verheißt keinen Ausflug in Compañero-Folklore und Marimba-Seligkeit. Um Missverständnissen unter Revolutionsromantikern in Europa vorzubeugen, erzählt Loach die Episode, in der George sein City-of-Glasgow-Leibchen gegen das Sandino-Shirt eines Sandinisten tauscht, der unmittelbar danach im Feuer eines Contra-Trupps getötet wird. „Erde war der Menschen ..., grausam und zart, ... von Schweigen überflutet oder Blut“, wusste Neruda.

Es gab vier Revolutionen, die im Lateinamerika des 20. Jahrhunderts Gesellschaften aus der Verankerung rissen, weil sie mehr waren als ein Staatsstreich oder Umsturz. Es kam dazu 1910 in Mexiko und 1952 mit den revolutionären Demokraten um Siles Zuazo in Bolivien, bald darauf, 1959, mit Fidel Castro auf Kuba und 1979, als die Sandinisten mit ihrer „Operation Final“ den Diktator Somoza vertrieben. Von dem amerikanische Politiker sagten: Das ist ein Bluthund, aber es ist unser Bluthund. Und sie wollten weiterhin recht behalten.

Am 19. Juli 1979 mit dem Triumphzug der Sieger durch Managua begann eine Revolution, die es wagte, der Vormacht im Norden die Gefolgschaft zu verweigern. FSLN-Gründer Carlos Fonseca, der 1976 im Maquis bei Matagalpa in einen Hinterhalt der Nationalgarde geriet und erschossen wurde, hatte sich zum Marxismus bekannt, aber nationale Souveränität ebenso in den Vordergrund gestellt, wie das für Kuba oder Ho Chi Minh in Vietnam zutraf. Die im Februar 1979 gegründete Anti-Somoza-Koalition der FSLN nannte sich folglich Frente Patriótico Nacional und rief über Radio Sandino zum bewaffnete Aufstand aller Nicaraguaner auf.

Weil sie soviel Zuspruch fanden, hatten die Sandinisten von Anfang an allen Grund, an der Unerbittlichkeit ihrer Feinde zu glauben. Und zu denen zählten nicht nur die sich in Honduras wieder formierenden Nationalgardisten Somozas. Dazu gehörte vor allem die Regierung von Ronald Reagan in Washington, die den verdeckten Contra-Krieg finanzierte und soweit ging, 1984 mit Corinto den größten Pazifikhafen Nicaraguas durch ein CIA-Kommando verminen zu lassen, ein heute weitgehend vergessener oder verdrängter Akt des Staatsterrorismus. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag wertete das am 27. Juni 1986 als Aggression und verurteilte die USA, derartige Feindseligkeiten sofort zu unterlassen und für die verursachten Schäden aufzukommen. Das Urteil fiel zwei Tage, nachdem der US-Kongress einem von Reagan beantragten Hilfsfonds für die Contra in Höhe von 100 Millionen Dollar zugestimmt hatte. Die Haager Richter trafen eine ermutigende Entscheidung, auch wenn die USA nie daran dachten, nur einen Cent Entschädigung zu zahlen.

Die Macht des A, E, I, O und U

Was den Sandinisten besonders angekreidet wurde, war der Umstand, dass sie Waffen von besonderer Durchschlagskraft besaßen. Ernesto Cardenal, dessen Bruder Fernando Nationaler Koordinator der 1980 begonnenen Alphabetisierung war, nannte als Beispiel das A, E, I, O und U. Bei dem, was die Amerikaner, aber ebenso deren Verbündete dagegen aufboten an Zerstörung und Verleumdung müssen diese Waffen viel Angst und Hass verbreitet haben. Was erklärbar ist, da die Erziehung eines solidarischen Menschen in Aussicht stand, der nicht länger gefügige Kreatur in einem System der Ausbeutung, des Egoismus und der Selbstgefälligkeit sein sollte. Das ging zu weit.

Als wir 1989 noch einmal in Nicaragua drehten, lebte das Land mehr denn je von der Substanz, zermürbt von Contra-Krieg und US-Embargo. Die FSLN-Führer waren endgültig auf sich selbst zurückgeworfen, als der Rückhalt und materielle Beistand ihrer Freunde in Osteuropa über Nacht zusammenbrachen. Es war für sie trotzdem ein Schock, die Wahl im Februar 1990 zu verlieren. Bald sollte offenbar werden, dass die FSLN nach einem Jahrzehnt des Hochgefühls und des „no pasarán“ eine solche Niederlage nur schwer verkraften konnte. Es fehlte der stoische Gleichmut, ein Scheitern hinzunehmen, bei dem jedes Minimum an historischer Gerechtigkeit ausgespielt hatte und es lächerlich erschien, sich darauf berufen zu wollen.

Wer kann ausschließen, dass die derzeitige Härte und das Stehvermögen von Daniel Ortega auch in dieser Erfahrung wurzeln? Zumal sich seine seit der Wahl von 2016 präsente Regierung allein von ihrer Sozialpolitik her nichts vorzuwerfen hat.

Das alles klingt zu sehr nach einer Sympathieerklärung für die Sandinisten? Soll es auch. Schließlich konnte man den Leuten in Masaya, Leon oder Managua kaum sagen, lasst euch von Somoza ruhig abschlachten, alles andere bringt nur Unglück, erst recht eine Revolution, denn deren Thermidor ist seit Robespierre Gesetz der Geschichte. Bekanntlich lässt sich durch Moralisieren jedem Umbruch, der nichts lässt, wie es war, ein vernichtendes Zeugnis ausstellen, worin man in Deutschland besonders geübt ist. Die Sandinisten haben etwas riskiert, wovon heutige Linke in ihrem Hang zu permanenter Selbststilisierung epochenweit entfernt sind.

06:00 29.07.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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