Zu viele Leichen im Keller

Seehofer in Prag Dem Besuch des bayerischen Regierungschefs fehlte es an Respekt und Mitgefühl für die Einmaligkeit der von 1938 bis 1945 am tschechischen Volk begangenen Verbrechen

Bayerische Regenten haben Regierungen in Prag 65 Jahre lang mit Missachtung gestraft und dies als ein Verhalten betrachtet, das historisch gerechtfertigt sei. Zumindest von dieser Anmaßung scheint sich Horst Seehofer verabschiedet – wenn nicht befreit – zu haben. Wer das Treffen mit Premier Petr Necas in Prag indes als Durchbruch deutet, der irrt. Dann hätten sudetendeutsche Spitzenfunktionäre wie der CSU-Europaparlamentarier Bernd Posselt nicht im Hintergrund Regie führen und das sichtlich auskosten können – dann hätte sich Seehofer vielleicht einen Besuch im Prager „Sudetendeutschen Büro“ verkneifen dürfen, den es zwar außerhalb des offiziellen Programm gab, der aber die Gastgeber irritiert, wenn nicht brüskiert haben muss.

Es wurde vorgeführt, welches Maß an Toleranz der Tschechischen Republik abverlangt ist, damit sie die in München gesetzten Kriterien einer Normalisierung des bayerisch-tschechischen Verhältnisses erfüllt. Ein Staat wird genötigt, der Gegenwart gerecht zu werden, indem er sich vor der eigenen Geschichte ins Unrecht setzt. Keine Frage, die Vertreibung der Sudetendeutschen zwischen 1945 und 1948 und die dabei zweifelsfrei verübten Verbrechen müssen erinnert werden. Es ist Unrecht, dieses Unrecht nicht zu benennen. Deshalb gibt es ja die Deutsch-Tschechische Erklärung vom Januar 1997. Sie ist mehr als nur ein Verlangen nach Versöhnung, das schon damals den Besuch eines bayerischen Regierungschefs an der Moldau verdient hätte. Was jedoch aus Opportunismus und Rücksicht auf den reaktionären Klientelismus der Sudetendeutschen Verbände und damit eines Teils der CSU-Stammwähler unterblieb. Stattdessen hat es Edmund Stoiber noch 2005 gefallen, die Benes-Dekrete als „offene Wunde Europas“ zu bezeichnen.

Schon ein Minimum an Respekt vor der Geschichte und deren Folgen gebietet es, nicht nur Leid und Unrecht zu bedauern, dass dem tschechischen Volk durch die NS-Verbrechen zwischen 1938 und 1945 zugefügt wurden, sondern auf die Einmaligkeit dessen zu verweisen, was durch Massenmord und massenhafte Deportationen angerichtet wurde. Auch im kollektiven Gedächtnis eines Volkes, das auch dann betroffen bleibt, wenn die unmittelbar Betroffenen nicht mehr leben, um Zeugnis zu geben bis zuletzt. Über die Kausalität zwischen Nazi-Barbarei und dem Schicksal der Sudetendeutschen nach Kriegsende muss weiter geredet und nicht rücksichtsvoll geschwiegen werden, damit das deutsch-tschechische Verhältnis entspannt bleibt und das bayerisch-tschechische entfrostet werden kann. Seehofer wie Premier Necas haben es damit bewenden lassen, von fortdauernden Differenzen zu sprechen. Wem hätte es geschadet, sie klar zu benennen?

Ursache und Wirkung sind der Geschichte nicht weniger verhaftet als Schuld und Sühne. Wer es anders hält, der läuft Gefahr, wie ein Geschichtsfälscher zu handeln. Und die
sind kaum besser als Falschmünzer, deren Betrug irgendwann auffliegt. Wenn sich das deutsch-tschechische Verhältnis oder eben das bayerisch-tschechische nur soviel Geschichte leistet, wie um eines fragilen Friedens willen verkraftbar scheint, dann werden die Leichen im Keller irgendwann zu Untoten, denen es niemand verwehren kann herumzugeistern. Erste Pflicht gegenüber den Nachgeborenen ist Aufklärung: über die Nazi- und Kriegsverbrechen zwischen 1938 und 1945 und über die Versäumnisse, die es in der alten BRD zwischen 1949 und 1990 gab, diese klar und eindeutig als entscheidenden Grund für Flucht und Vertreibung der Sudetendeutschen zu kennzeichnen. Warum sollte man sonst von Versöhnung reden, wenn gar nicht klar ist, weshalb sich Deutschen und Tschechen aussöhnen sollten?

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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