Spam!

spammity spam, wonderful spam, phishing, whaling: Konkretes Ärgernis oder abstrakter Reinigungsprozess?
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"lch hoffe du hast dies schnell erhalten, ich bin nach Cyprus, Nicosia, verreist und habe meine Tasche verloren samt Reispass und kreditkarte. Die botschaft ist bereit, mich ohne meinen Pass fliegen zu lassen. Ich muss nur noch für mein ticket und die hotelrechnungen zahlen. Leider habe ich kein Geld dabei, meine kredit karte könnte helfen aber die ist auch in der Tasche. Ich habe schon kontakt mit meiner Bank aufgenommen, aber sie brauchen mehr zeit, um mir eine neue zu schicken. Ich wollte dich fragen ob du mir 1700euro so schnell wie möglich leihen kannst, Ich gebe es dir zurück sobald ich da bin. Ich muss unbedingt den nächsten Flug bekommen. Das Geld durch Western Union ist die beste möglichkeit.
Ich warte auf deine Antwort
Mit freundlichen Grüßen, Lila."

Erster Kaffee Donnerstag Morgen, eins, zwei, drei Anrufe, Nachrichten: Du verschickst böse Spam-Mails, die gar nicht so schlecht gemacht sind! oder auch: Aha, du bist also nach Nikosia gereist und brauchst 1700 Euro. Kein Problem, ich kontaktiere natürlich gleich Western Union. (Bei einigen endet der Film im Kopf laut eigener Aussage erst bei Mit freundlichen Grüßen wieder, obwohl das wahrscheinlich tatsächlich die am häufigsten verwendete deutsche Grußformel ist.) Den Hinweis, dass derartige Mails regelrecht geschäftschädigend wirken können bekomme ich nur einmal, mehrmals erreicht mich tatsächlich Bist du in Zypern?

NEEEEEIIIIN, bin ich nicht! Neue Mail im zweiten Account: Das Passwort für Ihr Google-Konto wurde vor Kurzem geändert. Wenn Sie selbst diese Änderung vorgenommen haben, müssen Sie nichts weiter tun. Falls Sie Ihr Passwort nicht selbst geändert haben, wurde Ihr Konto möglicherweise gehackt. Um wieder auf Ihr Konto zugreifen zu können, müssen Sie Ihr Passwort zurücksetzen. In Ordnung, ob das Passwort 18 Stellen aus Groß- und Kleinbuchstaben, Sonderzeichen und Zahlen enthält ist also irrelevant, ich kann auch wieder auf Bockwurst umsteigen! und eingeloggt ins Konto. Alles arabische Schriftzeichen (wie schön: einen miesen Hackerangriff gleich noch nutzen, um ein paar Klischees zu schüren). Spracheinstellungen ändern, wo? Keine Ahnung. Zigarette an, Hände über'm Kopf zusammenschlagen. Alle Mails gelöscht. Alle Kontakte auch, das kann zurückgesetzt werden. Thunderbird öffnen, der Bitte, das neue Passwort einzugeben, nachkommen und beobachten, wie sich nun mit der Aktualisierung die Zahl verändert, die die somit zu löschenden Mails anzeigt. K, ich lösche gerade alle meine Mails, auch noch bei Thunderbird, und bin nicht in der Lage das zu stoppen. Zurück zu den Spracheinstellungen! Wieder alles Deutsch, automatische Weiterleitung an eine der meinen identische, beim Provider gmx.com angelegte Adresse ausschalten und schnell eine Mail an ALLE: Mein Konto wurde gehackt, bin weder auf Zypern noch brauche ich Geld. Danke an potentielle Gebende und für Hinweise. Entschuldigt den Stress. Dass es ein Gedanke ist, der Unwohlsein bis Peinlichkeit verursacht, dass sämtliche Menschen mit denen ich jemals in Korrespondenz stand, diese Mail erhalten haben, kann ich nicht leugnen, kann dem aber mit stetiger Wiederholung des bewährten Mantras Ein Schamgefühl zeugt nur von Egozentrismus entgegenwirken.

Nach dem Versenden der Mail erreichen mich dann erneut Nachrichten, dass als Antwortadresse immer noch die bei gmx.com angegeben sei. Tatsächlich haben einige meiner Kontakte an jene geantwortet und die wiederum erhaltenen Antworten lösen dann wirklich etwas Panik in mir aus: Ich bin in der Bibliothek und kann deswegen nicht ans Handy gehen. Schickst du mir das Geld per Western Union? Angesichts der Tatsache, dass Zypern eines der wahrscheinlicheren Reiseziele für mich wäre und ich die letzten Wochen gefühlt komplett in der Bibliothek verbracht habe, fällt es mir schwer, mir genau diese Mails als Produkt von Computerprogrammen, für die der Mensch nur noch Parameter setzt vorzustellen, wie es der lesenswerte Artikel von Finn Brunton erklärt [2]. gmx.com antwortet auf die Anfrage, ob die Mailadresse mit meinem Namen gelöscht werden könne, da offensichtlich Hacker am Werk seien, mit einem schlichten Nein - schließlich steht es jede*r frei, unter welchem Namen sie eine Mailadresse anlegt.

Inzwischen habe ich nach erfolglosen Kontaktversuchen mit dem Google-Support (Einhellige Meinung in Foren: Da braucht m. es gar nicht versuchen, wenn m. kein Großkunde ist.) bei der Polizei angerufen und betont ironisch mein Problem geschildert. Im Fall, dass mit der Mailadresse in Verbindung stehende Accounts wie beispielsweise ebay betroffen seien, wäre es wohl sinnvoll, eine Anzeige erstattet zu haben. Die Frage des freundlichen Polizisten, ob Geld fehle, beantworte ich mit der Wiederholung des ersten Satzes: Mein E-Mail-Konto wurde gehackt. Der Aufforderung, die Mail auszudrucken und auf die Wache zu kommen, komme ich nicht nach.

Ich verbringe den ganzen Tag damit, für die ans gmail-Konto gekoppelten Accounts Passwörter und Mailadressen zu ändern, vormals im Posteingang gespeicherten Bahn- und Theatertickets nachzujagen, mich über digitale Sicherheitsvorkehrungen zu informieren und mit erfreulich vielen Menschen zu kommunizieren, von denen ich schon mehr oder weniger lange nichts mehr gehört habe. In der Nacht fühle ich mich dann noch wie ein Anonymous Cyberdetektiv, als ich mit erhöhtem Puls die letzten Kontoaktivitäten und ihre IP-Adressen prüfe. Sonst mache ich das eher selten und das Herz schlägt nur schneller, wenn ich wieder mal vergessen habe, dass an meinem Arbeitsplatz Linux und nicht Windows installiert ist. Die Aufregung lohnt sich nicht wirklich: Der Angriff wurde aus Wien vorgenommen. Aha.

Zwei Tage später ist es im Prinzip wieder vergessen. Endlich weg vom bösen gmail, hätte ich allein nicht geschafft. Außerdem Mitleidsbekundungen darüber, dass ausgerechnet MIR das passiere, wo ich doch sowieso schon keine Ahnung von Computern hätte. Diffuse Vorstellungen von Gerechtigkeit die immerhin zum Angebot führen, meinen PC mal zeitnah zu optimieren. Finn Brunton in [1] formuliert es so, dass das Erbe des Spam (auch wenn das mit meiner Perspektive genau genommen kein Spam war, behalte ich die schöne Wurstkonservensemantik hier bei) darin bestehe, dass beständig darüber nachgedacht und verhandelt werden muss, wie das Internet benutzt werden soll - und vor allem: wofür. Spam jeweils aktuell definieren heißt herausfinden, welche Ausprägungen der Internettechnologie uns als rechtmäßig, vernünftig und angemessen erscheinen. Ich denke heute besonders viel über die Nicht-Persistenz der digitalen Kommunikation nach. Sicher könnten die Mails irgendwie wieder aus den Tiefseegräben an meine Benutzeroberfläche befördert werden, aber in diesem Moment will ich gar nicht. Kaum jemals hätte ich den Datenhaufen erneut durchgeschaut und aufgeräumt, genauso wenig wie ich jemals alles auf einmal gelöscht hätte. Fast schon befreiend, wenn ich auch weiß, dass die Daten nicht nur irgendwo auf google-Servern, sondern wahrscheinlich sogar auf irgendeiner ganz bestimmten Festplatte noch eine fragwürdige Existenz fristen. Die große Panik angesichts des digitalen Panoptikons, die ich besonders dann empfinde wenn ich hastig das Wort Haschisch in die Tastatur eines Internetcafé-Rechners hämmere, besteht tatsächlich vielleicht eher in der schrecklichen Ahnung, dass sich eben niemand für mein kleines Leben komprimiert in 3000 Mails interessiert. Wie immer geht es DENEN nur um Geld.

Einen Moment meine ich darüber schreiben zu MÜSSEN um andere zu WARNEN und muss selber lachen. Inzwischen sind wir so stark mit derartigen Dingen sozialisiert, dass wir nie mehr Spontanität und Freigiebigkeit walten lassen und einfach mir nichts dir nichts 1700 Euro losschicken würden. Zu schade. Wenn ich auch glaube, aus dem Tag mitnehmen zu können, dass es tatsächlich einige Menschen gibt, die nach einem Mindestmaß an Nachhaken und einer Identitätspüfung (Wie haben wir als kleine Kinder immer die Legofigur mit dem Eisbecher auf dem Anzug genannt?) bereit wären. Diese Menschen wissen nur im besten Falle, wo ich mich gerade aufhalte oder haben zumindest meine Telefonnummer. Ihr Lieben! Überlegt euch bitte ein sicheres Passwort für euer Karma-Konto, auf dass es keinem fiesen Hackerangriff zum Opfer falle. Ich wurde im Nachhinein noch aufgeklärt. Sinnvoll ist es scheinbar, eine Buchstaben-Zahlen-Kombination zu wählen, kein Wörterbuch-Wort.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Digitalen bricht kurz und wild über mich herein und die viel zu große Aporie streift meinen Sinn: Was wird in 2000 Jahren von uns übrig sein? Wohl kaum versteinerte gmx-Startseiten. Und wenn dann würden zukünftige Archäolog*innen sich sehr viel Mühe für eine passende Interpretation geben müssen. Für mich: zehn gestohlene Stunden, die freudige Erwartung einer in Schweinsleder gebundenen Mail-Korrespondenz der letzten fünf Jahre von einer Freundin im Briefkasten und die Anekdote von der Gesangslehrerin, der vom Account eines Studenten Tips für schnelleres Abnehmen geschickt wurden und sie ihn daraufhin kurzfristig vom Kurs suspendierte. Für die meisten Empfänger*innen: Eine Spam-Mail.

[1] Le Monde diplomatique Nr. 10360 vom 14.3.2014, 320 Zeilen, Finn Brunton

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2014/03/14.mondeText.artikel,a0053.idx,19.

23:06 03.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lila Wendel

denkt wie ein ganz normaler weißer mitteleuropäischer typ
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