Der Virtuose des falschen Tons

CDU Der Kanzlerkandidat der Union, das personifizierte peinliche Verhalten im Angesicht der Katastrophe, hat wieder zugeschlagen. Ein Land muss sich schämen.
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Menschen fallen vom Himmel – so hat die afghanische Tragödie vor 20 Jahren angefangen, so endet sie. Was jedoch 2001 als schockierender Ausgangpunkt folgenschwerer rhetorischer Kraftmeierei diente ("...uneingeschränkte Solidarität mit den USA..."© Gerd S.) dient heute nur als Anlass zur Mahnung, dass sich das Schicksals- und Epochenjahr 2015 nicht wiederholen dürfe. In jedes hingehaltene Mikrofon, vorzugsweise das rote mit den vier Buchstaben, ventilierte Armin Laschet, Kanzlerkandidat der christlich-fürsorglichen demokratischen Union, gestern diese Botschaft. Seine Freundinnenunfreunde, Thomas Strobl und die ihrem Herrn und Meister getreu, gewohnt flusspferdhaft agierende Frau Klöckner, wiederholten ihn sicherheitshalber. Als jedoch Abends Ingo Zamperoni Laschet mit dieser Aussage konfrontierte, war alles schon wieder vergessen und ein Missverständnis. Na klar.

Die Strategie hat man sich von weiter rechts abgeguckt – dabei war man dort zumindest gestern abend instinktsicherer. Alexander Gauland, der fiese Naziopa himself, forderte in der "Tagesschau" zur Rettung derer auf, die "für Deutschland gearbeitet hätten". Augenreiben war angebracht. Natürlich entschuldigt ein Satz seinen widerwärtigen Faschistenhaufen für überhaupt nichts und sie mögen in die Löcher kriechen aus denen sie kamen – aber in diesem, einen Moment zeigte selbst ein Gauland ein kleines bisschen mehr Instinkt als die tumbe Aachener Gesichtsbratwurst auf dem Weg ins Regierungsamt.

Dem moralische Bankrott des Westens...

In jeder Insolvenz muss es einen Mutigen geben, der den Sack zumacht und eingesteht, dass in diesem Unternehmen kein Blumenpott mehr zu gewinnen ist. US-Präsident Joe Biden fiel es nun zu, dies für das "westliche Engagement" in Afghanistan zu tun. Nach 20 Jahren Misserfolgen, einer viertel- bis einer halben Million Toten auf beiden Seiten und Billionen von Dollar, die man auch in die Bekämpfung des Klimawandels oder des Welthungers hätte stecken können, ist Schluss. Der letzte Präsident, der diese Art von Insolvenz anmelden musste, war Gerald Ford, Mitglied der Partei, die jetzt lautstark und verdammend über Biden herfällt. Ihm reibt man es historisch betrachtet nicht unter die Nase, eines der größten und blutigsten Wahnsinnsunternehmen beendet zu haben.

Was aus Afghanistan wird? Mir zugängliche Berichte aus erster Hand vermitteln, dass die Taliban den bisher umherziehenden marodierenden Banden Einhalt gebieten und nicht in Häuser und Höfe eindringen. Was man so öffentliche Ordnung nennt oder was die Taliban darunter verstehen, scheinen sie zumindest in Herat und Kabul wiederherzustellen. Was dies für die Frauen und Andersdenkenden im Land bedeutet, ist hingegen keinesfalls abzusehen. Es gibt aber zumindest die vage Hoffnung, dass nach 20 Jahren offenen Krieges eine nach westlichen Maßstäben schreckliche Art von Frieden herrschen könnte. Kein Nicht-Afghane kann sich anmaßen, wie er sich bei der Wahl zwischen islamistischer Unterdrückung und Tod entscheiden würde. Es gibt aber, auch unter den Taliban, Möglichkeiten zu überleben.

...setzt Deutschland noch gerne einen drauf.

Marietta Slomka, stehts kühl und beherrscht, droht die Fassung zu verlieren. Sie ist den Tränen nahe. Was Hauptmann Marcus Grotian ihr am Abend des 17. August im Interview berichtet, offenbart einen bürokratischen Zynismus, wie ihn nur Deutschland verbrechen kann. Die tausenden Hilfskräfte der Bundeswehr, die von den Taliban als Kollaborateure gesucht werden, haben keine Chance zu fliehen. Grotian sagt deutlich: Diese Menschen werden dort zurückbleiben und sterben. Nicht weil sie nicht abtransportiert werden könnten, sondern weil ihnen die Papiere fehlen. Das Kabul eingerichtete Büro habe nicht funktioniert, es sei nicht ein einziger Visumsantrag an eine Hilfskraft der Bundeswehr ausgestellt worden. Schlimmer noch: Hätten die Hilfskräfte das Land verlassen, wären sie nicht mehr antragsberechtigt gewesen – sie waren also gezwungen, in Kabul und damit in der Falle zu bleiben. Wer für seine alten, kranken Eltern in diesem Frühjahr einen Impftermin suchte, dürfte sich an etwas erinnert fühlen.

Was dieses Versagen in der praktischen Konsequenz bedeutet, wurde am Morgen des 18. August in Bildern deutlich: Eine amerikanische C-17, ein Transportflugzeug nur wenig größer als der deutsche Airbus A400M, hebt bis auf den letzten Quadratzentimeter besetzt ab. Überladung, Papiere? Egal. Der Pilot startet mit über 600 Fliehenden. Der deutsche Airbus A400M, in der Nacht nach Stunden des Herumkreisens gelandet, hebt nach 30 Minuten Aufenthalt hingegen mit sieben Menschen an Bord ab. Sieben. Die Bundesregierung, vertreten durch Top-Staatsmann Johann Wadephul (CDU) dazu via DLF: Man habe nur die mitnehmen können, die schon dagewesen seien und der eigentliche Zweck des Fluges sei es gewesen, "robuste Kräfte" nach Afghanistan zu bringen. Man muss Herrn Wadephul zustimmen: Auf dem Flughafen Kabul ist es wirklich schwierig jemanden zu finden, der gerne ausreisen würde. Diese robuste Haltung ist nicht mehr in Worte zu fassen.

Wählen Sie Ihren Insolvenzverwalter!

Deutschland erstickt an sich selbst, an seiner ganzen Deutschheit, an seinem Bürokratismus, seiner Selbstsucht, seiner Unfähigkeit sich oder irgendetwas anderes zu ändern. Wer das in der Unfähigkeit seiner jeweiligen (NRW-)Landes- und Bundesregierung verantwortungsvoll mit einer globalen Pandemie umzugehen noch nicht gemerkt hat, dem könnte jetzt der Selektionszynismus am Kabuler Flughafen die Augen öffnen. 2015 darf sich nicht wiederholen, ja, allerdings. Damit meine ich jedoch nicht die trügerische, kurz aufkommende Hoffnung auf Humanität des Sommers, sondern den rechtsreaktionäre Backlash vom Jahresende 2015 mit Traumwerten für die AfD und das Durchbrechen der flüchtig aufgetragenen Menschlichkeitstünche auf der hässlichen Visage dieser Nation. Die sich seit gestern einmal mehr in einem fröhlich-dicklichen, christlich-konservativen Rheinländer manifestiert.

Welche:n Peter/Petra Zwegat:in soll sich dieses Land also wählen? Es ist schon fast egal. Nach den Ereignissen der letzten 48 Stunden zeigt sich aber deutlich, dass Armin Laschet einfach passt. Ein kleiner, fies grinsender Mann mit starkem Machtbewusstsein, Durchhaltekraft und amoralisch/inhuman bis in die letzte Zelle. Der im Angesicht der Flutkatastrophe wiehernd lacht und bei von einem Flugzeug fallenden Menschen dichte Grenzen fordert. Der die Insassen von Pflegeheimen Küchenbauern opfert. Der auch in diesem Herbst die vierte Welle und unkontrollierbare Mutationen heraufbeschwört, weil er Angst vor Eltern und "der Wirtschaft" hat. Der einen erzreaktionären Rasputin hinter sich her ins Kanzleramt schleifen will – oder längst von ihm getrieben wird.

Laschet ist Deutschland.

Hoffentlich nicht.

09:00 17.08.2021
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