Die Enden der Parabel: 80-126

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Durch die tiefe Kothölle

Spectro grübelt im Spitalüber die „Umkehrung“, die Vorstellung von der Rakete, die man erst kommen hört, nachdem sie explodiert ist. Erst die Reaktion, dann der Reiz. Das kann Slothrop, meinten die Geheimforscher. Der fühlt schon etwas, das schon jetzt in der Luft liegt. Was aber liegt in der Luft?Raketen Raketen und Roger und Jessica fallen einer Rakete zum Opfer oder lese ich was falsch?

Und nun weiter zu Tyrone Slothrop, der an den Kenosha Kid schreibt, der habe ihn noch niemals belästigt. Was dieser bestätigt. Tatsächlich: Niemals.

Slothrop wird in die Spur gesetzt oder ist er selbst auf der Spur. Er verliert seine Mundharmonika beim Kotzen und muss hinterher. Es folgt die Höllenfahrt durchs Exkrement. Das ist ein ziemlich verrückter Humor. „Er hat Toilettenpapier im Haar, und in seinem rechten Nasenloch logiert eine dicke, wollige Klabusterbeere“. Schon immer habe ich mich über diesen Begriff gewundert, jetzt bin ich über seine Bedeutung halbwegs im Reinen.

Aber er muss ja auch mal wieder auftauchen durch all die verschiedenen Schichten und komm zum Red River. Crouchfield taucht dort auf. Und dann der Verbindungsmann, aber es ist nicht der Erwartete, sondern der „Niemals“ – der Kenosha Kid.

Kryptosan und Sperma = Information

Dann gibt’s erst mal die Definition eines Wirkstoffes namens Kryptosan, nur wirksam in Verbindung mit Samenflüssigkeit. Der Pirat guckt sich den beigegebenen Stimulus an... und jetzt schweifen meine Gedanken zu einem anderen Buch: dem des Amerikaners Joel Agee, Stiefsohn des DDR-Schriftstellers Bodo Uhse, der seine ersten Masturbationserfahrungen mit einer ähnlichen „Wichsvorlage“ hat. Eine Frau in einem Mieder mit laszivem willigen Blick und einer pelzigen Möse, die ihm alles verheißt, alles...So ähnlich.

Abschweifung

Das Buch heißt „12 Jahre – eine amerikanische Jugend in Ostdeutschland“. Sehr einprägsam erzählt. Aber dieser junge Mann behielt seine fantasierten Geheimnisse für sich, während hier die – natürlich – reichhaltigen Ergebnisse von Pirats Kunstbetrachtung zum Entschleiern von Geheimnissen benutzt werden. Sperma macht sichtbar, was ein Auftrag ist für Prentice, den Piraten: Er soll eine Kollegin rausholen. Vorher musste er sein Glied rausholen. Na viel Glück Pirat.

Und dann kommen wir gleich zur „Weißen Visitation“, einer Abtei am Meer oder so. Und dort wissen sie etwas über einen Mann von der BBC – Myron Grunton – der einen Plan ausgeheckt hat. Um diesen Plan umzusetzen, muss er die deutsche Seele genau kennen.

Die deutsche Seele

Herrlich zu lesen, aus welchen Quellen sich die „deutsche Seele“ erschließt. Es kommen u.a. die Gebrüder Grimm vor und die Südhänge über dem Rhein, aber auch Seidenstrümpfe. Das ganze heißt „Operation Schwarzer Flügel“. Und in dessen Planung finden sich wieder einige Protagonisten ein: Ein afrikanischer Herero, der in Deutschland lebt. Slothrop (hallo, da ist er wieder) und auch Pointman (der aus dem Spital in London) taucht wieder auf. Der fühlt sich mit der Landung in der Normandie verunsichert und dann kommt ein wieder mal so schöner Satz: „Dass dieser Krieg, als dessen Bürger er sich zu fühlen begann, abgeschlossen und als Frieden neu begründet werden würde und dass er, was seine professionellen Interessen anlangte, fast nichts von ihm gehabt hatte.“ Und dazu kommt dann noch der alte Brigadier Pudding, der ein Überbleibsel aus dem ersten Weltkrieg ist und sich – im Ruhestand – der kombinatorischen Mathematik gewidmet hat. Und dieses Hobby wendet er jetzt praktisch an .. mit der Studie über „Dinge, die in der europäischen Politik passieren können“. Und da bin ich jetzt auf Seite 126.

Weiter schaffe ich es nicht ohne mir zwischendurch wieder die Sinnfrage zu stellen. Nach wie vor versöhnt mich die Sprache mit diesem Buch. Denn, das was passiert ist immer nur eine Hülle, irgendwie für diese ausufernde Sprache. Also man braucht Zeit. Man kann nichts überfliegen.

Der Text ist Teil eines Projekts:
Wir lesen gemeinsam Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel".

19:29 01.09.2010
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Geschrieben von

Magda

Es gibt gute und schlechte Gewohnheiten. Die FC ist eine schlechte, die ich - noch nicht - überwunden habe.
Magda

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walter-ter-linde | Community