Nachrufe und Nachdenken

Erinnerung Es gibt ja noch immer einen Konsens, dass der Tod alle Differenzen glättet – wenigstens für eine Weile. So ist es auch imTodesfall von John McCain – aber nicht nur
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Nachrufe und Nachdenken
John McCain

Foto: Astrid Riecken/Getty Images

Die Zeitungen sind voll von freundlichen und respektvollen Nachrufen auf den USA-Politiker. Ein politischer "Haudegen", einer mit persönlichem Mut. Und einer, der Donald Trump nicht an seinem Grabe sehen will. Das sind so die Tonarten, die man zu hören bekommt. Die Aussage von Donald Trump – allerdings schon vor einiger Zeit getätigt –, er schätze ihn nicht als Helden, er schätze solche Helden, die sich nicht „gefangen nehmen“ ließen, war schon ein ziemlicher Tritt. McCain war mit seinem Flugzeug in Vietnam abgeschossen worden und in Gefangenschaft geraten. Erst nach fünf Jahren kam er wieder frei.

2015: Merkel vs. McCain in München

Auch die Kanzlerin hat den Tod McCains bedauert und sein politische Wirken gewürdigt. Dabei ist sie mit ihm auf der Münchner Sicherheitskonferenz von 2015 schwer aneinander geraten. Es ging um das Minsk-Abkommen und um die Ukraine generell. McCain warf Merkel damals "Appeasement"-Politik vor, weil sie Waffenlieferungen für die Ukraine ablehnte. Es sei ihr egal, ob in der Ukraine Menschen abgeschlachtet würden, schleuderte er ihr entgegen. Die Bundeskanzlerin traf sich kurz danach – gemeinsam mit Hollande und Putin - in Minsk.

McCain wird auch in den USA nicht nur gelobt. Dass er Trump energisch ablehnte und ihm schon während des Wahlkampfes die Unterstützung entzog, wird gewürdigt. Er verhinderte die Abwicklung von Obamacare, mit der Trump seinen Vorgänger tief treffen wollte. Aber als er Sarah Palin von der Teaparty-Bewegung 2008 zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin machte, hatte er den Weg für einen Trump – den er so verabscheut – mit geebnet. Bald spürte er wohl, wie sich die Sprache veränderte, die Rohheit sich schon damals Bahn brach. Er steuerte dagegen und verteidigte sogar seinen Rivalen Obama, der jetzt – zusammen mit George W. Bush – an seinem Grab stehen wird.

McCain – ein Abbild der USA in ihren Widersprüchen.

11:59 27.08.2018
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Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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