ABM und Townhouse

Chronist In seinem neuen Roman „Königstorkinder“ zeichnet ­Alexander Osang ein scharfes Bild der Berliner Gegenwart

Ein Mann bewirbt sich für ein „Marsflugexperiment“ in der Charité. Drei Monate immerzu liegen, unter Beobachtung. Der Mann beginnt einem jungen Arzt aus seinem Leben zu erzählen, und diese Erzählung bildet das Kernstück des neuen Romans von Alexander Osang.

Nachdem er mit seinem letzten Roman Lennon ist tot der éducation sentimental eines Austauschschülers in New York nachgespürt hat, beleuchtet Osang nun mit Königstorkinder die Midlife Crisis eines von DDR und Wende gezeichneten Vierzigjährigen. Andreas Hermann heißt der Mann. In Ich-Form schildert er die Bewerbungssituation, während die konsequente Nennung seines vollen Namens der Kern-Erzählung vorbehalten ist, die – in der dritten Person gehalten – dem Roman geschickt eine zweite Ebene öffnet, die Anlass zu am Ende tatsächlich berechtigten Verdachtsmomenten liefert. Hat der Mann etwas zu verbergen? Lügt er?

Andreas Hermann lebt im Prenzlauer Berg, er befindet sich am Rand einer noch nicht ganz gescheiterten Existenz. Die ABM einer Beschäftigungsagentur hält ihn über Wasser: Mit arbeitslosen Schauspielern und anderem Strandgut aus dem Strom zerbrochener Träume werden Theaterstücke geprobt und in Altenheimen aufgeführt. Im aktuellen Stück geht es um 20 Jahre Wende. Die von Andreas Hermann herbeigeführte Begegnung mit einem alten Dissidenten gehört zu der zahlreichen Höhepunkten in diesem außergewöhnlich dichten und stimmungsvollen Roman.

Neben den Proberäumen der Beschäftigungsagentur hat eine der neuartigen Townhouse-Siedlungen ihr Haupt erhoben; die Mauer zwischen Siedlung und alter Fabrikanlage bildet einen klaren Frontverlauf, der freilich nicht hermetisch ist. Zwischen den neuen Bewohnern und ihren Bioläden und Landlust-Heftchen lauern eben auch die abgehalfterten Gestalten des Prekariates, und stellen die vermeintlich heile Welt allein durch ihrer Präsenz in Frage. – Das ahnt auch Ulrike, momentan Strohwitwe und Bewohnerin eines der schicken Townhäuser. Ihr Mann ist geschäftlich unterwegs und das ermöglicht ihr, sei es durch klassische Langeweile bedingt oder aber den Rudimenten der eigenen, wild angehauchten (West)Jugend folgend, sich in eine Affäre mit Andreas Hermann zu stürzen. In den zwei Wochen, die den beiden bleiben, entspinnt sich eine überraschend intensive Beziehung, leitmotivisch geprägt von der dritten Ebene des geschickt verschachtelten Romans. Während der Wohnungsräumung eines verstorbenen Professors (ebenfalls ein Service der Beschäftigungsagentur) entschließt sich Andreas Hermann, dessen Schreibtisch zu sich zu nehmen.

Melancholischer Sound

In der Schublade des Tisches findet er das bis zum letzten Tag geführte Tagebuch des schwulen alten Mannes. Ulrike und Andreas Hermann lesen sich regelmäßig aus diesen Aufzeichnungen vor, die ein ergreifendes Licht auf Alterseinsamkeit, auf den Verlust von Liebe und Lebenslust werfen. Es gelingt Osang mit seiner unprätentiösen, genauen Sprache geradezu unmerklich, eine gültige Chronik der urbanen Gegenwart Berlins, zwanzig Jahre nach der Wende, zu entwerfen. Ein berückender, melancholischer Sound durchzieht den Text, gewürzt mit messerscharfen, auch eine schöne Portion Gehässigkeit nicht scheuenden Schilderungen der neuen, mitunter prominenten Bewohner des heute so angesagten Zentrums der Stadt. Aber noch leben da auch die Protagonisten und fordern ihr Existenzrecht ein.

Andreas Hermann weiß indes, dass sich der Wandel nicht aufhalten lässt, er weiß auch, dass Ulrike ihr Leben nicht einfach so für ihn aufgeben wird. Also lieber die Notbremse ziehen und die Geschichte als die letzte aufregende Episode einer sich dem Ende hin neigenden Jugend betrachten.

Und je schneller einem das Ende des Buches entgegenkommt, desto heftiger drängt sich die Frage auf, was für ein Ausgang Osang wählen wird. Seine Lösung, die hier nicht verraten sei und durch zahlreiche geschickt und subtil platzierte Film­zitate vorangetrieben wird, schmälert vielleicht ein wenig den vorangegangen Genuss der Lektüre. Trotzdem hält sich der Eindruck einer so elegant gebauten wie relevanten Geschichte über eine zusehends fragmentierte Gesellschaft. Ob die Mauern der Stadthaussiedlungen hoch genug sind, die absehbaren Spannungen außen vor zu halten, oder ob, wie in anderen Krisengebieten, „Gated Communities“, also weitere Abschirmung und Isolierung gegen die Habenichtse nötig wird, bleibt im Roman, wie im alltäglichen Leben, einstweilen unbeantwortet.


Marc Ottiker, Drehbuchautor und Filmemacher, schrieb für einen großen Verlag Zusammenfassungen von Romanen, um deren Verfilmbarkeit zu veranschaulichen. Königstorkinder hält er für sehr gut verfilmbar

KönigstorkinderAlexander Osang Fischer 2010, 333 S., 19,95

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