Nach dem Luftholen

Kampfzone 50 Jahre lang war ein überflüssiger Flughafen in Frankreich besetzt. Jetzt rückt die Staatsmacht vor
Nach dem Luftholen
Unheimliche Begegnung der dritten Art: Polizisten bei der Räumung des Graswurzelcamps

Foto: Loic Venance/AFP/Getty Images

Da ist noch freies Land, frei für Utopien! Weit im Westen Frankreichs gelegen, groß wie ein Flughafen, der hier einst geplant war, Aéroport du Grand Ouest, über 16 Quadratkilometer. Fruchtbares Land mit Wäldern, Wiesen, Feuchtgebieten, das unter Beton verschwinden sollte, zwischen Nantes und der Gemeinde Notre-Dame-des-Landes, es ist nicht weit bis zur Mündung der Loire in den Atlantik. Es geht um einen vor 50 Jahren geplanten, überflüssigen und seitdem umkämpften Flughafen – LA ZAD. Nicht zum ersten Mal rückt die Staatsgewalt an, um Besetzer, die zu Bewohnern wurden, zu vertreiben, um das Gebiet „zu räumen“. In diesem Jahr wieder: seit dem 9. April die geballte, überdimensionierte Staatsgewalt, pausenlos Granaten mit Tränengas, dazu gepanzerte Mannschaftswagen, Gendarmen mit hohen Schilden, die in langen Reihen vorrücken und die Leute, die sich gegen die Schilde lehnen, bedrängen und mit Reizgas aus Sprühdosen attackieren. Im Gefolge Bulldozer, hinter ihnen am Boden die traurigen Trümmer der Wohnstätten, die im Lauf der Jahre gebaut wurden.

Dabei ist der Flughafenbau abgesagt. Im Januar 2018 wurde das Ende des Projekts besiegelt. Nach einer nochmaligen Prüfung hat die Regierung das gesetzliche Mandat nicht verlängert. Einsicht. Andere Lösungen für den Verkehr, die von Anfang an nahegelegen hätten, sind nun geplant: Die Landebahn des Flughafens Nantes, der schon immer da war und funktionierte, soll vergrößert, die Bahnlinie ausgebaut werden. Doch zugleich will die Regierung „Normalität“ herstellen und den 50-jährigen Kampf wie eine lästige Episode vergessen machen. Es leitet sie die latente Angst vor den Alternativen zum System, vor deren Ausstrahlung. Kein solches Beispiel soll gedeihen.

Spaltversuche

Der Botschaftssekretär am Pariser Platz in Berlin spricht nicht mehr mit Jürgen Holzapfel, dem Überbringer der Protesterklärung des Europäischen BürgerInnen Forums (EBF / s. Info), obwohl der den Besuch noch vor einigen Tagen im Telefongespräch mit ihm angekündigt hat, bevor sie an die Presse geht. Monsieur Tuchel kommt nicht herunter, um die Unterschriften von 50 deutschen Kollektiven entgegenzunehmen, sein Nein lässt er durch den Diensthabenden im Foyer der französischen Botschaft mitteilen. Es ist offenbar ein kategorisches Nein aus Paris.

Die Regierung, auch Präsident Macron, die konservativen Eliten wollen auf administrativen Knopfdruck hin die alte Ordnung zurückholen, indem sie auf dem umstrittenen Gelände wieder private Besitzverhältnisse einführen. Alles wie immer unter der Drohung durch die einsatzbereite Gendarmerie. Tatsächlich gibt es ein Angebot an die „Zadisten“, wie die neuen Bewohner von LA ZAD inzwischen genannt werden: Sie dürften individuelle Anträge auf Bewirtschaftung einer Parzelle stellen. Wird der Antrag genehmigt, kann die Person bleiben. Die Zadisten wollen aber gerade das Gegenteil der Privatisierung, sie wollen das Land für kollektive Bearbeitung nutzen. Doch Anträge von Kollektiven nimmt der Staat nicht an, nur individuelle. Nach langen Debatten haben die Zadisten beschlossen, dass etliche ihrer agrarischen Projekte vorerst darauf eingehen. Aber wenn man glaubte, die Gemeinschaften auf diese Weise zu trennen – in Besitzende und von ihnen Abhängige –, so ging diese Rechnung des französischen Staates bisher nicht auf. Die Jahrzehnte der Kämpfe haben nicht nur dieser Landschaft ein großes Luftholen gebracht und sie verändert, sondern auch das Bewusstsein.

Netzwerk für Europa

Das Europäische BürgerInnen Forum (EBF) ist ein informeller Verbund in EU-Staaten wie Frankreich, Deutschland und Spanien sowie über deren Grenzen hinweg. Das Netzwerk rekrutiert sich aus Aktivisten, die in ihren Ländern auf soziale Missstände und staatliche Repressionen aufmerk-sam machen, wo andere wegschauen.

Durch Selbstorganisation und die Solidarität zwischen emanzipatorischen Initiativen soll die „Utopie einer gerechten Welt“ vorangetrieben werden. Ein Zielort für den Einsatz des EBF war nach 2000 Andalusien.

Gewerkschafter, Europaabgeordnete und Anwälte reisten seinerzeit auf Initiative des Bürgerforums nach El Ejido. Sie sollten sich einen Eindruck von den unzumutbaren Lebensbedingungen für 20.000 Arbeitsmigranten vorrangig aus Marokko verschaffen, die in der Region auf Plantagen schufteten, um die Agrarmärkte der EU mit Bohnen, Gurken, Tomaten, Zucchini und Melonen zu versorgen. Lutz Herden

Das einstige Bauernland war vor 50 Jahren enteignet, den Eigentümern waren Entschädigungen angeboten worden. Nicht alle akzeptierten, mit ihnen begann der Protest. Naturschützer stellten sich ihnen zur Seite, um die ökologisch wertvollen Feuchtgebiete zu bewahren, so wuchs diese Bewegung. Um die Jahrtausendwende nahm das Flughafenprojekt Fahrt auf, von der Regierung wurde es zum Bau ausgeschrieben, der multinationale Konzern Vinci erhielt den Zuschlag. Da war schon das Jahr 2008 erreicht. Seitdem wurden die staatlichen Versuche, sich gegen den Protest durchzusetzen, sehr viel schärfer und öffentlich mehr beachtet. Nach einem „Klimacamp“ auf dem Gelände im Jahr 2009 blieben die Besetzer und siedelten sich in Gruppen an.

ZAD ist übrigens das ursprüngliche Verwaltungskürzel, dessen Inhalt verändert wurde in „zone à défendre“ – Zone, die zu verteidigen ist. In diesen zehn Jahren haben sich Gruppen, Freunde, Paare und Einzelgänger in verlassenen Bauernhäusern eingerichtet oder Hütten gebaut, aus vorgefundenen oder irgendwo weggeworfenen Materialien, alten Fenstern und den unverwüstlichen Holzpaletten, sie haben sich an Fantasie gegenseitig überboten, Häuser auf Stelzen, in Bäumen, in Campingwagen, innen farbig durch Tücher. Es gibt die ordentlichen Wohnstätten, die provisorischen und die für die Dauer gebauten.

Sie haben ein Windrad zur Stromerzeugung errichtet, eine große Scheune für Meetings, eine Bäckerei, vor allem haben sie kollektive Gemüsegärten angelegt. Sie leben ganz und gar umweltbewusst, ohne Autos auf dem Gelände. Das Wichtigste, sie leben selbstbestimmt, und das ganz im Bewusstsein der Vielfalt: Bauern und Bäuerinnen, Naturschützer und politische Aktivisten nicht nur aus Frankreich, sondern aus verschiedenen Ländern, auch aus Deutschland, wohlwollende Anwohner, die als Zeugen der Demonstrationen und Polizeieinsätze politisiert wurden, alle Generationen.

Mit ihren großen Unterschieden an Ideen und Biografien müssen sie sich verständigen lernen. Es geht nicht ohne Zerreißproben ab. Sie müssen das Gespräch üben, eine Kultur erfinden für Toleranz und auch für Selbstbehauptung, einen Stil entwickeln, der sie zusammenleben lässt und befähigt, gemeinsam zu handeln. Sie betrachten und erfahren sich als „Forschungsstätte für neue Lebensweisen“, so heißt es, und als großes Experiment.

Bestärkt werden sie von wachsender Solidarität. Es war November 2012, als die Staatsmacht mit der „Operation Cäsar“ eine Räumung versuchte, überfallartig mit 1.200 Gendarmen, die eine Woche lang LA ZAD berannten. Dagegen sammelten sich 40.000 Demonstranten und beendeten die Belagerung. Jetzt, in diesem April, rückten doppelt so viele Gendarmen an. Die Luft war dicht von Tränengas erfüllt. Nach den ersten Tagen sammelten Leute die Geschosshülsen ein und türmten sie auf, sie zählten 5.000. Die chemische Zusammensetzung der Granaten bleibt geheim, ihr Gefahrenpotenzial ist undurchsichtig.

In einem TV-Interview rechtfertigt Emmanuel Macron die Brutalität der Räumung, die Frankreich zunehmend beunruhigt. Die Zadisten hätten Polizisten verletzt, sagt der Präsident, obwohl er weiß, dass es sich vor allem um Verletzungen handelt, die von den eigenen Granaten verursacht wurden. Macron spricht von Steuergerechtigkeit, denn von LA ZAD sind keine Steuern zu holen, und verliert dabei kein Wort über die Steuerflucht der Großkonzerne. Und als sich der Präsident in die Enge getrieben fühlt, zieht er den demagogischen Spruch aus der Tasche, er werde nun selbst ein alternatives Projekt organisieren: im Wohnzimmer des Journalisten.

Unfreiwillig kommt Macron damit auf den Punkt, um den es geht: um die Räume, die nicht nur therapeutische Inseln sind, sondern in denen wirklich andere, von der Logik des Kapitals abweichende Erfahrungen gesammelt werden können. Dieses einzigartige Gelände ist durch seine Geschichte zu einem solchen Raum geworden. In der Erklärung des Europäischen BürgerInnen Forums wird betont, dass die gemeinschaftlichen Formen des Lebens und Wirtschaftens anerkannt werden müssten. Solche Formen entstehen immer wieder überall auf der Welt aus der Not landloser Bauern, aber gerade in diesen Monaten werden sie wie in einer konzertierten Aktion auch in Spanien und Mexiko mit ähnlichen Methoden – individuelle Privatisierung und zugleich militärische Räumung – bedroht.

Wer kennt nicht den Appell, ändere zuerst dich selbst, bevor du die Welt verändern willst? Eine Reihenfolge ist da falsch gedacht, nur im Zusammenspiel von Selbstreflexion und Handeln können die Prägungen der Konkurrenzgesellschaft überwunden werden. Die Räume dafür sind selten und werden so eilig und angstvoll beschnitten. Sie sind zu verteidigen vor staatlichem Machtanspruch und Kontrollsucht. La zone à défendre.

Marina Achenbach ist Schriftstellerin und gehörte bis 2008 zur Redaktion des Freitag

06:00 26.05.2018
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