Alle Stimmen sind da

Literatur Im Roman „Mädchen, Frau etc.“ entfaltet Bernadine Evaristo ein Panorama schwarzer weiblicher Identität

Es kommt nicht häufig vor, dass ein Buch von Kritikern gelobt, mit Preisen ausgezeichnet wird und zugleich ein überaus erfolgreiches Marketingleben in Bookstagram-Kanälen lebt. Mädchen, Frau etc. – Bernadine Evaristo wurde für ihren Roman als erste schwarze Schriftstellerin 2019 mit dem Bookerpreis ausgezeichnet – ist so ein Buch, das den Zeitgeist trifft, was keinesfalls abwertend gemeint ist.

Evaristo, Professorin für Kreatives Schreiben an der Brunel University London, erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichten zwölf schwarzer Frauen. Deren Biografien sind durch Familie, Freundschaft und Schicksal verknüpft. Sie springt durch das 20. und 21. Jahrhundert und folgt ihren Protagonistinnen durch Großbritannien und die USA. Auf diesem Wege dekliniert sie alle erdenklichen Formen schwarzer weiblicher Identität durch – hetero, lesbisch, transgender und transsexuell, nicht-binär, zur Hälfte schwarz oder vermeintlich weiß, die ohnehin vielfältigen Optionen werden durch Klassen- und Religionszugehörigkeit weiter ausdifferenziert; erst nach und nach erschließen sich dem Leser die Verbindungen zwischen ihnen.

Shirley ist eine ambitionierte junge Lehrerin, stumpft im Schulsystem aber erschütternd schnell ab. Ihr größter „Erfolg“ ist Carole, die es zur leitenden Bankangestellten geschafft hat, während Ex-Schülerin LaTisha ein Symbol ihres Scheiterns ist. LaTisha ist die am wenigsten idealisierte Figur in den Geschichten. Sie hat die Schule geschmissen und arbeitet in einem Supermarkt, sie ist Mutter dreier Kinder von drei verschiedenen Männern. Nichts kümmert sie weniger als Feminismus oder Klassenzusammenhänge. Sie will einfach vorankommen im Leben, auf ihre vorlaute, etwas handfeste Art. Was zunächst als Amoral erscheint, ist einfach die Reaktion auf Klassenverhältnisse, die ihr allenthalben Steine in den Weg legen.

Megan/Morgan wiederum ist queer und verliebt sich in eine mansplainende trans* Frau, während sie ihre Urgroßmutter Hattie in den Wahnsinn treibt, weil sie mit den Pronomen sier/sien angesprochen werden möchte. Die vom schottischen Landleben abgehärtete Hattie hat ganz anderen Kummer, zum Beispiel die verlorene Tochter, die ihr Vater zur Adoption freigab, weil das Teenagermädchen mit der Geburt Schande über die Familie brachte.

Nun könnte diese Art des Erzählens, bei der jede Person zuallererst eine identitätspolitisch umrissene Gruppe repräsentiert, ein Rezept für Desaster oder jedenfalls ein sehr langweiliges, lehrbuchartiges Buch mit über 500 Seiten ergeben. Tatsächlich befürchtet man so etwas auf den ersten zwanzig oder dreißig Seiten. Evaristo umschifft das Problem aber gekonnt: Erstens tappt sie nicht in die Falle, ihre Protagonistinnen entlang der Trope „schwarze Frau wird zum Opfer des Systems/Mannes/Weißen“ auszurichten. Zwar zeigt sie strukturellen Rassismus, den ihre Charaktere auch reflektieren, aber die Figuren werden nie als passive Opfer dargestellt. So ist LaTisha eigentlich eine lebenskluge Frau; warum ausgerechnet sie immer wieder den gleichen Fehler begeht und Kinder von nichtsnutzigen Männern bekommt, wird nicht aufgelöst. Menschen sind so, widersprüchlich, fehlerbehaftet. Evaristo zeigt ihre Frauen also nicht als idealtypische Heldinnen. Ihre Figuren besitzen Schwächen, sind auch mal missgünstig, altklug, verbittert, somit „authentisch“. Authentizität ist freilich ein problematisches Kriterium für Literatur. Evaristo wurde 1959 als viertes von acht Kindern in London geboren, eventuell gibt es schon auch biografische Anleihen. Aber woran ließe sich Authentizität in Fiktion messen? Zugleich kennt wohl fast jeder Leser das Phänomen, angesichts einer literarischen Figur zu fragen: „Würde eine echte Person wirklich so handeln?“

Mit Blick auf Evaristos Text zeigt sich, dass die Charaktere deswegen „authentisch“ wirken, weil sie in einigen Aspekten klar dem Klischee über ihre Gruppe entsprechen (zum Beispiel die Twitter-Feministin), aber gerade so viele individuelle, auch negative Eigenschaften erhalten, um „echt“ zu erscheinen. Das lässt sich schön an den beiden Frauen zeigen, die wir zu Beginn kennenlernen: die lesbische Theaterregisseurin Amma und ihre intersektional-feministisch bewegte Tochter Yazz. Evaristo illustriert den „Generationenkonflikt“ zwischen Feministinnen der zweiten und dritten Welle als Mutter-Tochter-Konflikt. Yazz ist eine selbstbewusste junge Frau und total „woke“, (in ihrem Fall so abgeklärt aufgeklärt, wie man es eben durch die Lektüre von Instagram-Posts zum Thema Feminismus, Rassismus, Postkolonialismus und so weiter wird). Amma steht kurz davor, den Ritterschlag für ihre Arbeit als Theaterregisseurin zu erhalten. Ihr Stück wird demnächst im National Theatre in London Premiere feiern. Dieser Triumph ist zweischneidig: Ein Leben lang bewegte sich Ammas Arbeit mehr in der Offszene. Dass ihr feministisches Stück nun in einem Hort weißer männlicher Privilegien läuft, ist ein möglicher Ausverkauf der eigenen Werte. Yazz befürchtet, dass Ammas Stück krachend scheitert und sie die Scherben der mütterlichen Existenz aufsammeln muss.

Affirmation weißer Werte

Yazz ist ein schwieriger Charakter. Sie fühlt sich ihrem Vater, der Universitätsprofessor ist, überlegen; im Gegensatz zu ihm hat sie die Mechanismen weißer männlicher Hegemonie längst durchschaut. Yazz konfrontiert ihn mit seinem Beharren auf einem vornehmlich weiß und männlich geprägtem Curriculum. Sie hält ihm Autorinnen wie Judith Butler oder Audre Lorde entgegen – muss die Namen aber von ihrer Semester-Leseliste ablesen, weil sie doch nicht so belesen ist. Allein in dieser Mutter-Vater-Kind-Triade kann Evaristo eine Vielzahl von Generationen- und Geschlechterkonflikten aufrufen. Für einen schwulen schwarzen Mann ist die Anerkennung in einem vornehmlich weiß geprägten Universitätssystem ein Sieg, und dass sein Triumph die Affirmation der Werte des Systems vielleicht voraussetzt, kann Yazz nicht sehen. Je älter die Charaktere Evaristos, desto schmerzlicher sind sie sich ihrer Widersprüche bewusst. Yazz bewahrt ihre Jugend vor allzu starken Selbstzweifeln.

Ammas Theaterstück jedenfalls dient buchstäblich als Rahmenhandlung des Romans, die die biografischen Kapitel verbindet. Frauen aus jedem der Kapitel werden aus unterschiedlichen Gründen an der Premiere teilnehmen. Als alte Kampfgefährtinnen, Geliebte oder Freundinnen werden sie Amma ihren Triumph mal mehr, mal weniger gönnen.

An dieser Stelle muss etwas zur Gattungsbezeichnung „Roman“ gesagt werden. Im Grunde handelt es sich bei den einzelnen Kapiteln um Geschichten, die für sich stehen könnten. Das Theaterstück bildet die Klammer. Darüber hinaus hat der „Roman“ keinen übergreifenden Plot. Jede Biografie wird durch mindestens eine andere Perspektive erweitert, so mischen sich Stimmen über Stimmen, so werden Widersprüche zu Tage gefördert und Charaktere in ihrer Verblendung gezeigt. Evaristo stellt vor allem Diskurse dar, die von den Frauen verkörpert werden. Darunter auch heikle. Am deutlichsten vielleicht sichtbar im Falle der trans* Frau Bibi, die Megan/Morgan Lektionen übers Frausein erteilt.

Evaristo bricht radikal mit der Regel „zeigen, nicht beschreiben“. Nur wenig wird gezeigt, das meiste beschrieben. Der Text hat keine Handlung im engeren Sinne, denn die Protagonistinnen reflektieren, oder besser: werden durch die Erzählstimme reflektiert. Sätze beginnen in Kleinschreibung und enden ohne Punkt. Alle Stimmen sind immer schon da, hörbar. Evaristos Erzähler*in taucht hier und da in das Bewusstsein der Protagonistinnen ein, in einer schnörkellosen Sprache. Die Übersetzung von Tanja Handels trifft den nüchternen Tonfall des Originals exakt.

Leider kann Evaristo der Versuchung nicht widerstehen, alle Konfliktlagen schlussendlich in Wohlgefallen aufzulösen. Vielleicht hätte man sich mehr Mut gewünscht, die Widersprüche der Stimmen als solche stehen zu lassen. So werden Frauen unterschiedlicher Klassen in großer idealer Schwesternschaft vereint. Das darf man als literarische Wunscherfüllung lesen.

Info

Mädchen, Frau etc. Bernadine Evaristo Tanja Handels (Übers.), Klett-Cotta 2020, 512 S., 25 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 27.01.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 29/2021

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