Die große Illusion

Philosophie Falschinformationen sind im Internet allgegenwärtig und führen zu gesellschaftlichen Verwerfungen. Der Theoretiker Peter Trawny schreibt über diese „Krise der Wahrheit“. Dabei gerät manches allzu pauschal

Aus Beziehungen wissen wir, dass die Wahrheit bisweilen schmerzt und vermieden wird. Aber wie steht es mit dem öffentlichen Diskurs? Sind wir hier nicht auf Wahrheit angewiesen? Und zwar auch dann, wenn uns Drastik und Komplexität überfordern? Dass es sich mit der Wahrheit komplizierter verhält, erläutert der in Bochum lehrende Philosoph Peter Trawny in seinem Essay Krise der Wahrheit.

Trawny widmet sich dieser Krise auf so unterschiedlichen Feldern wie der Wissenschaft, Kunst, Dichtung oder dem derzeit gefühlt alles dominierenden Diskursthema schlechthin, der Identitätspolitik. Trawny greift die teils heftig geführten Diskussionen um sexuelle Identität auf und schreibt über die „Wahrheit des Testosterons“ – oder eher darüber, dass es mit dieser Wahrheit nicht allzu weit her ist. Mit Judith Butler zeigt Trawny, dass man die „Tatsache“ des biologischen Geschlechts sehr wohl infrage stellen kann und dass lieb gewonnene, aber dekonstruierte Wahrheiten besonders viel Abwehr erzeugen.

Ganz am Anfang seines Textes formuliert Trawny eine zentrale Erkenntnis : „(E)s gäbe gar keine Krise, wenn Wahrheit einfach nur eine wäre.“ Die Wahrheit im Singular, so lernt man, ist die eigentliche Gefahr fürs Denken. Auch die Philosophie könne nur bedingt Orientierung in der Krise liefern, denn „dazu ist die Wahrheits-Krise zu tief, zu vieldeutig“. Hier kokettiert einer mit der fraglos noch immer vorhandenen Autorität der Philosophie, der man zwar gerne eine gewisse Entrücktheit vorwirft, die aber gerade deswegen in der Lage sein könnte, in dieser aufgeheizten Debatte über Wahrheit und Lüge Erkenntnisse zu formulieren.

Je nach Filterblase

Freimütig hantieren wir mit Begriffen und behaupten, man könne Tatsachen nicht bestreiten, eben weil sie für sich selbst evident sind. Seltsam nur, dass sich die Wahrheiten, je nach Filterblase und fragmentierter Wirklichkeit, so dramatisch unterscheiden. Trawny muss sich daher zunächst an eine Begriffsanalyse und Schärfung dieser Kategorien wagen. Hierfür dienen ihm neben Hannah Arendt und Immanuel Kant auch Hegel, Heidegger und Judith Butler. Sozusagen ein erkenntnistheoretisches Gewinnerblatt, wollte man denn Philosophen-Quartett spielen. Mit ihnen zerstört Trawny all jenen die Illusion einer absoluten Wahrheit, die sie noch hegten. „Hannah Arendt sagt, dass es eine ‚absolute Wahrheit, die für alle Menschen gleich wäre und insofern keinerlei Beziehung zur Individualität‘ habe, ‚für uns Sterbliche‘ nicht geben könne.“ Weil der Mensch sterblich, nicht-göttlich ist, kann er keine Allwissenheit reklamieren. „Es ist demnach nicht zu bestreiten, dass Wahrheiten so formuliert werden können, als überstiegen sie Zeit und Raum, als würden sie immer und überall gelten –, doch daraus abzuleiten, sie hätten für mich und mein Leben wie für jedes andere Leben immer und überall eine Bedeutung, ist falsch.“

Die Vorstellung von einer absoluten Wahrheit, zeigt Trawny, kann sogar geradewegs zu Ideologie und dem Willen führen, jene, die diese Wahrheiten nicht anerkennen wollen, zu vernichten.

Trawny, das ist die Pointe, problematisiert nicht nur das Konzept der allgemeingültigen Wahrheit, er konstatiert, dass eine Politik, die uns allenthalben mit der „Wahrheit“ konfrontiert, überhaupt nicht wünschenswert ist. Das utopische Ideal eines Staats der Philosophen, die mit allgemeiner Vernunft und dem Zugang zu höherem Wissen operieren, könnte sich in eine Dystopie verwandeln. „Was bedeutet es, dass sich sowohl Robespierre als auch Hitler und Mao auf die Autorität der Wahrheit beriefen?“ Aber man könnte – auf einer weniger totalitären Ebene – ebenso gut fragen, ob sich im Sinne der Weltrettung nicht auch eine Ökodiktatur im Dienst der absoluten Wahrheit denken ließe.

Wir hören nun allenthalben, wir lebten in einem postfaktischen Zeitalter, Fake Facts und „alternative Wahrheiten“ seien an die Stelle der Fakten und ihrer nüchternen Analyse getreten. Tatsachen wie der Klimawandel müssten anerkannt werden. Aber was sind Tatsachen? Auch hier zeigt Trawny, dass der Begriff keineswegs trivial ist. „Das Wort ‚Tatsache‘ ist – wie andere wichtige Worte wie ‚Bewusstsein‘ oder ‚Bedeutung‘ – erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgekommen.“ Damit verweist die Begriffsschöpfung auf ein geistiges Umfeld, in dem die Tatsache erst bedeutsam werden kann. Seltsamerweise können wir nur schlecht definieren, was eine Tatsache ist. Dafür brauche es Beispiele: Das eigene Geburtsdatum ist eine Tatsache. Dasselbe gilt für die Existenz des Mount Everest. Trotzdem muss man zwei Formen von Tatsachen unterscheiden: die historischen Tatsachen, die kontingent sind, weil sie sich auch anders hätten ereignen können, und die natürlichen Tatsachen. Es gibt Orang-Utans, aber keine Yetis (obwohl …).

„Was eine Tatsache ist, ist demnach selbst keine Tatsache. Wir kommen nicht darum herum, zu bestimmen, zu interpretieren, was sie ist.“ Wer aber übernimmt die Interpretation? Instanzen. Da wäre einerseits die Wissenschaft, die entlang des Popper’schen Falsifikationismus Hypothesen formuliert und diese gegebenenfalls widerlegt. Die Wissenschaft erscheint bei Trawny, der auch ein ausführliches Interview mit dem Astrophysiker René Reifarth führt, als positive Instanz der Interpretation von Tatsachen. Dessen Fachbereich, die experimentelle Astrophysik, repräsentiert ja gerade jenen Grenzbereich, in dem die Wirklichkeit – etwa gewaltige Massen, die den Raum krümmen und sogar die Zeit verlangsamen – von unserer gefühlten und erlebten Wirklichkeit grundlegend abweicht. Sie repräsentiert damit einen Extremfall von wissenschaftlicher Wahrheit, die experimentell und mathematisch verifiziert werden kann, uns Nichtwissenschaftlern aber verborgen bleibt. Weniger extrem: Wie komplett unterschiedlich die Einschätzung von zum Beispiel Epidemiologen sein kann und zu welchen Verwerfungen das führt, wissen wir seit der Corona-Pandemie ...

Der Wissenschaft gegenüber stehen die Medien – oder besser: die von Medien durchdrungene Welt; Medien können nicht nur Mittel zur Vernebelung von Tatsachen sein, sondern aktiv der Lüge zuarbeiten, jedenfalls nach Trawnys Pauschalurteil. „Die Medien selbst sind längst Wirtschaftsunternehmen geworden, die den Waren- und Reizwert von Informationen taxieren müssen.“ Nun waren aber Medien schon immer wirtschaftlich organisiert – das gilt für den frühen Buchdruck, der sich rechnen musste, ebenso wie für Flug- und Schmähschriften. Medien waren zu keinem Zeitpunkt bloße Überträger von Nachrichten oder „Information“, zumal sich immer schon die Frage stellt, was eine Nachricht ist. Ein Erdbeben in Chile? Der Tod eines Dackels?

Trawny greift auch den Lügenpresse-Vorwurf auf: „Obwohl nicht schamlos gelogen wird, entsteht doch eine Grauzone, in der Unwahrheiten flottieren.“ Ist diese Rede im Ungefähren, ohne konkrete Belege, nicht genau das, was die Krise der Wahrheit und ihrer Instanzen befeuert? Gleich mehrmals verweist Trawny auf den Narzissmus von Medienschaffenden. Auch Journalisten werden mehr und mehr zu unternehmerischen Subjekten, die sich selbst vermarkten – das kann man kritisieren. Allerdings gibt es auch Philosophen, die die Macht der Inszenierung mit Philosophenschal und Zigarre für sich nutzen. Ist es evident, dass diese Inszenierung dem Auftrag, wahrhaftig zu berichten, schadet?

Viel spannender wäre an dieser Stelle ohnehin die Frage, was es für Medien bedeutet, wenn Begriffe wie Wirklichkeit, Tatsache und Wahrheit in Trawnys Sinne immer schon problematisch, gar illusorisch sind. Wenn Tatsachen der Interpretation bedürfen. Was heißt das für Journalisten, Politiker und die Öffentlichkeit allgemein, die doch auf Basis dieser Tatsachen informieren, bewerten, Entscheidungen treffen, Meinungsbildung betreiben? Ist es legitim, wenn sie – im Sinne dessen, was moralisch geboten erscheint, wie etwa eine Covid-19-Impfung – die öffentliche Meinung in die bessere Richtung stupsen? Wie objektiv kann ein Journalist wirklich sein, und darf er eigentlich eine persönliche Agenda verfolgen?

Trawnys Buch beginnt als offene philosophische Reise, die zahlreiche Vorurteile über das, was wir als Wahrheit anerkennen, widerlegt. Unerklärlich also, dass er sich stellenweise in einfachen Wahrheiten und plakativen Bildern der Wirklichkeit verirrt. Immerhin hat man gelernt, Absolutheitsansprüche der sogenannten Wahrheit zurückzuweisen.

Krise der Wahrheit Peter Trawny S. Fischer 2021, 256 S., 23 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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