Früher war mehr Pathos

Theater Während die Bühnen ruhen, können wir uns überlegen, was wir künftig gerne sähen. Eine Anthologie hilft dabei

Einaltassyrischer König in Frauenkleidern, in all seinem Prunk und Reichtum von Flammen verzehrt, was wäre das für ein Theatererlebnis! Lord Byrons Sardanapal (1821), er ließe sich vielleicht auf der Bühne bestaunen, wenn, ja wenn! die Programme der deutschen Theater nicht so beschränkt wären. Da lässt sich doch Abhilfe schaffen, oder? Jedenfalls ist das die Absicht der Anthologie Spielplan-Änderung!, herausgegeben von Simon Strauß, die Sardanapal als eines von 30 Stücken der theatralen Nichtbeachtung entreißen will.

Im Buch finden sich kurze Passagen aus den Theaterstücken, versehen mit kundigen Autoren-Kommentaren von Diethmar Dath bis Deborah Feldman und einer Reihe von Kollegen des Herausgebers. Voraus ging der Anthologie nämlich eine Reihe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die Strauß als Redakteur tätig ist. Nichts weniger als echte literarische Entdeckungen verspricht sie auf dem Feld der Theatertexte. Ausgangspunkt ist eine kritische Diagnose: Der Patient Theater krankt an einer homöopathisch fein dosierten Menge neuer Stoffe. Ein äußerst begrenzter Kanon von zwei bis drei Dutzend Stücken wird den Theatergängern serviert, diese regelmäßig wie ein Schnitzel auf ihr Aktualisierungspotenzial abgeklopft und, pardon, verwurstet. Aber genug der Katachresen!

Die Anthologie verhandelt nicht nur die Frage, warum nun dies eine oder jenes andere Stück nicht, nie oder nicht mehr gespielt wird. Sie fragt ganz grundsätzlich: Was würden wir gerne auf den Theaterbühnen sehen? Und warum bekommen wir es nicht zu sehen? In Neben- und Hauptsätzen, und im Vorwort von Strauß besonders explizit, klingt dabei die Kritik an Regisseuren an, die lieber „auf sichere Stoffe“ bauen und populäre Romane für die Bühne adaptieren, statt Neues zu wagen. Und das, obwohl kein Land der Welt sein Theater so stark subventioniert, und damit auch ein Stück weit unabhängig macht vom (vermeintlich einfachen) Publikumsgeschmack, wie Deutschland.

Nicht nur Strauß, viele der Autoren der Anthologie sehen beim Publikum eine „Sehnsucht nach Erzählung und Identifikation“, und so manch einer wirft sogar hochgradig verdächtige Worte ins Feld: Nino Haratischwili wagt sich gar an den Pathosbegriff. Immerhin meine das griechische Wort „Erleben“ und „Leidenschaft“. Was mehr kann ein Theaterpublikum sich wünschen? Sie glaubt, das Publikum wolle von der „Ironie- und Dekonstruktionsdiktatur befreit werden“.

Glotz nicht so romantisch

In Bernd Stegemanns Erläuterungen zu Karl Schönherrs Glaube und Heimat (bereits der Titel ja maximal problematisch!) von 1910 ist gar von Tränen der Rührung, die der Dramentext zu erzeugen vermag, die Rede. Ach, wenn man doch zurückkönnte zum Lessing’schen Theater der Leidenschaften, immerhin ein Grundstein bürgerlicher Kultur! Aber zwischen uns und Lessing stehen Bertolt Brecht, ganze Bibliotheken dekonstruktivistischer Handreichungen und die Praxis des postdramatischen Theaters. Mit ihnen das Misstrauen gegen melodramatische Effekte und emotionale Überwältigung. „(M)an solle im Theater nicht so romantisch glotzen“, zitiert Stegemann Brecht, der damit aufs Herz des bourgeoisen Selbstverständnisses zielte. Nur konnte Bert Brecht nicht ahnen, dass das Publikum in wenigen Jahrzehnten in verkopften Theateraufführungen säße, in denen vor lauter Misstrauen gegen den Text derselbe sozusagen zu Tode dekonstruiert würde.

Nun gut, alles kaputt, und jetzt? Welche Stücke empfiehlt die Anthologie? Aufregendes! Abwegiges! Die Rezensentin muss gestehen, dass sie zum ersten Mal von Lope de Vega (1562 – 1635) hört, den ihr FAZ- Korrespondent Paul Ingendaay in seiner Erläuterung näherbringt. Vega verfasste, nach eigenen Angaben, 1.500 Stücke. Ingendaay empfiehlt Fuente Orejuna, in dem eine Dorfgemeinschaft geschlossen die Verschleppung einer jungen Frau durch den Verwalter der Kommende rächt, indem sie ihn umbringt. Vega bespielt das Feld von Ehre und Rache, „bringt ungezügelte Emotionen auf die Bühne“. Zugleich ergründet er das Verhältnis von Gemeinschaft und Obrigkeit. Einer Gemeinschaft, die der Wunsch nach Rache zu Grausamkeit treibt. Allen voran die Frauen.

Weiterhin empfiehlt die Anthologie Aphra Behn und ihr Stück Der Wanderer (1677). FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube wundert sich, wie eine Zeit, die dem Thema Gender so viel Aufmerksamkeit widmet, die englische Autorin des 17. Jahrhunderts ignorieren könne. Schließlich entwarf sie „androgyne wie bisexuelle Maskenspiele, Verkleidungs- und Verwechslungsintrigen“. Geschlechterstereotype werden zitiert und lustvoll gesprengt. In diesem Fall geht es um zwei junge Frauen, die im Karneval von Venedig nicht nur der patriarchalen Autorität zu entkommen suchen, sondern nebenbei auch noch ihre Jungfräulichkeit verlieren.

Theaterinteressierte können jedoch noch mehr Entdeckungen machen: Pablo Picassos Theaterstück Wie man Wünsche beim Schwanz packt (zum ersten Mal aufgeführt mit Dora Maar und Simone de Beauvoir) wird ebenso angepriesen wie Lord Byrons oben zitierter Sardanapal, ein König, „eher Dragqueen als Principe“. Bleiben wir bei Sardanapal: Ein Schreck- (oder Ideal-) Bild eines Politikers dieser Tage? Sardanapal liebt es zu feiern. Statt zu kämpfen und Gebiete zu erobern, zieht er sich ganz auf die weltlichen Genüsse zurück. So tanzt er geradewegs in den Abgrund, den Verschwörer für ihn bereiten. Zum Schluss verbrennt der König lieber in all seiner glanzvollen Pracht, als in seiner Rüstung das viel zu schwere Schwert zu schwingen. Unvernünftig? Vielleicht nur alternativ vernünftig!

In der Anthologie nur kurz angerissen kann man diese Stücke natürlich nicht wirklich „entdecken“, allerdings erhält man so wertvolle Hinweise auf Stoffe, die entdeckungsfreudige Verlage für interessierte Leser aufgelegt haben. Eine Zugabe enthält das Buch übrigens auch noch: Botho Strauß, Strauß senior also, bereichert die Anthologie mit Shakespeare-Fantasien. Zugleich wird so aber auch der Name eines Autors in den Ring geworfen, dessen Stücke im letzten Jahrzehnt selten aufgeführt wurden. Botho Strauß höchstselbst. Auch das ließe sich freilich ändern.

Info

Spielplan-Änderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht Simon Strauß (Hrsg.) Tropen 2020, 262 S., 20 €

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06:00 02.05.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 48/2020

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