Neustart verfehlt

Geopolitik Tim Weiners analysiert den politischen Krieg zwischen den USA und Russland seit 1945 – „Macht und Wahn" ist brandaktuell
Offenbar funktionierte der Reset-Knopf 2009 nicht
Offenbar funktionierte der Reset-Knopf 2009 nicht

Foto: Fabrice Coffrini/Getty Images

Im Jahr 2009 überreichte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton ihrem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow eine Box mit rotem Knopf: Das Geschenk sollte den Neustart der russisch-amerikanischen Beziehungen symbolisieren, auf Englisch hatte man deswegen „reset“ darauf geschrieben. Dumm nur, dass man auch das russische Wort „peregruzka“ auf die Box gedruckt hatte, was „Überforderung“ bedeutet. Die Episode spricht Bände – über Unfähigkeit und Herablassung, über mangelnde Kompetenz in einer gewaltigen Behörde wie dem US-Außenministerium.

Erzählt wird die Episode im Buch Macht und Wahn des Pulitzer-Preisträgers und New-York-Times-Journalisten Tim Weiner, das den politischen Krieg zwischen den verfeindeten Mächten seit 1945 analysiert. Politische Kriegsführung, das meint alle Mittel zur politischen Einflussnahme von Informationskrieg bis Auftragsmord. Weiners Buch erschien bereits im Oktober letzten Jahres, aber vor dem Hintergrund des drohenden russisch-ukrainischen Krieges ist sein Inhalt noch brisanter.

Weiners Analyse setzt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Aufseiten der Amerikaner hat es der außenpolitisch unerfahrene Präsident Harry S. Truman mit dem eiskalten Machtpolitiker / Massenmörder Josef Stalin zu tun. Russland habe zu jenem Zeitpunkt bereits 400 Jahre Erfahrung in der politischen Kriegsführung gehabt, so Weiner, die Amerikaner seien Novizen gewesen. Containment, also Eindämmung, wird zum Schlüsselbegriff der US-Außenpolitik, der auf den Russland-Experten George F. Kennan zurückgeht. Kennan hatte die internen Widersprüche der Sowjetunion anheizen wollen, sie sollte – unter freundlicher Mithilfe der USA – an sich selbst scheitern. In der Öffentlichkeit aber interpretierte man Eindämmung als aktive Zurückdrängung der Russen. 1947 wird die CIA gegründet. Die CIA-Leute hätten sich selbst als „Tempelritter Amerikas“ verstanden, schreibt Weiner, und so sind die Koordinaten für einen „Heiligen Krieg“ gegen das ultimativ Böse gesetzt. Aber nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kollabiert das sowjetische Imperium, der politische Krieg zwischen den Großmächten ist beendet, das Ende der Geschichte scheint erreicht, und die liberale kapitalistische Demokratie würde schon bald global triumphieren. Dachte man jedenfalls.

Trickster und Tschekisten

Noch im deutschen Einheitstaumel wird den europäischen Staaten bewusst, dass ein wiedervereinigtes Deutschland eine wirtschaftliche und militärische Großmacht bildet. Das Fortbestehen der NATO-Mitgliedschaft für das vereinigte Deutschland bezeichnet Weiner als „de(n) große(n) Kriegspreis des Kalten Krieges“. Deutschland erkauft sich Gorbatschows Zustimmung durch die Finanzierung des Truppenabzugs der Russen, zehn Milliarden werden fällig. Gorbatschow verlangt Zusagen, dass die NATO „keinen Zoll“ in Richtung russischer Grenze verschoben werde, von der Zusage wollen die Amerikaner schon bald nichts mehr wissen. Gorbatschow und sein Nachfolger Boris Jelzin werden über den Tisch gezogen. Insbesondere Bill Clinton erscheint bei Weiner als Taschenspieler und Trickster.

Es gehört zur traurigen Ironie der Geschichte, dass Gorbatschow der Logik des Kalten Krieges abschwor und deswegen sein Gesicht verlor. Und nicht nur das: Die Amerikaner füllten das ideologische Vakuum nach dem Verlust des weltpolitischen Gegenspielers mit cowboyhaft-breitbeinigem Siegesbewusstsein. Dabei warnen im US-Außenministerin von Anfang an Experten, die NATO-Osterweiterung werde die Schmach der Niederlage der Sowjetunion psychologisch verstärken, der taumelnde Russische Bär könnte zum Gegenschlag ausholen. Unter den Mahnern war auch George F. Kennan. Dass das Ende des Kalten Krieges auch eine strategische Neuausrichtung der NATO oder ihr Ende hätte bedeuten müssen, ignorierte man. Die NATO, Produkt der Containment-Strategie der USA, war und ist keine „neutrale“ Institution, sondern Kind des Kalten Krieges. Und Russland antwortet mit Kaltem Krieg.

Auftritt Putin. Weiner betrachtet Putin als den eigentlichen Nachfolger Stalins, er sei Tschekist durch und durch, einer, der seine Macht um jeden Preis – auch um den von Auftragsmorden – erhalten will. Freilich wirkte Putin 2001 bei seiner Rede im Deutschen Bundestag, die er auf Deutsch hielt, keineswegs wie ein irrer Machtpolitiker. Interessanterweise – Weiner geht nicht darauf ein – betont Putin in der Rede, dass das Handeln der russischen Bürger, das zum Fall der Mauer beitrug, den europäischen Humanismus erweitert habe. Er beanspruchte also Teilhabe am europäischen Wertesystem, das nicht mehr allein mit „dem Westen“ identifiziert werden sollte.

Man kann die Rede als versuchten Schulterschluss oder propagandistische Meisterleistung eines kreidefressenden Bären betrachten: Putin spricht aber aus, was Weiner entgeht oder nicht offen adressiert: Wenn der Kapitalismus global gesiegt hat, unabhängig von Demokratie und den Werten des Liberalismus (siehe China), wer ist dann Freund, Feind, Verbündeter im eigenen Wertesystem? Ist Russland ein Partner? Was ist das Ziel der US-Außenpolitik? Soll sich der ehemalige Weltpolizist zur Größe einer Regionalmacht zurückschrumpfen?

Angesichts der Tatsache, dass Weiner so ausführlich den Informationskrieg der Russen gegen die europäische und amerikanische Zivilgesellschaft beschreibt, muss man fragen, warum Putin überhaupt zu kriegerischen Mitteln greift, wenn er doch längst daran arbeitet, den Feind von innen zu zersetzen (hat Putin die Kennan-Leitidee verinnerlicht?). Putin ist ein zynischer Tschekist, aber er ist ein kluger zynischer Tschekist, es fehlt ein Gegenspieler, der seine Sprache spricht. Die der politischen Kriegsführung.

Info

Macht und Wahn. Der politische Krieg zwischen den USA und Russland seit 1945 Tim Weiner Christa Prummer-Lehmair, Rita Seuß (Übers.), S. Fischer 2021, 352 S., 26 €

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

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