Marlen Hobrack
Ausgabe 0717 | 01.03.2017 | 06:00 4

Keine Lust

Liebe Der Roman „Fleisch“ erzählt vom Begehren, von Beziehungen – von traurigen Veranstaltungen

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Hier fangen eigentlich alle Missverständnisse an. Oder soll man es gar nicht „Missverständnisse“ heißen? Handelt es sich nicht viel mehr um böse Absichten eines Geistes, der all seine Schwächen praktischerweise dem Fleisch andichten kann? Widersprechen kann das Fleisch nicht. Der Geist will Sport machen, will weniger Rotwein trinken, mit dem Rauchen aufhören. Der Geist wollte auf gar keinen Fall das ganze Nutellaglas leer löffeln! Aber das Fleisch wollte es so, und das hat es nun davon: Hüftgold und Zellulitis. Nur ein Schönheitschirurg könnte das Problem noch halbwegs in den Griff bekommen – kurz denkt Anna, eine der Protagonistinnen in Fleisch, über die Idee nach, einem Schönheitschirurgen 10.000 Euro zu zahlen, dass er ihre Schenkel in eine apartere Form bringt. Aber der Kerl, der sie – was natürliche Lösungen wie Sport anbelangt – für einen hoffnungslosen Fall hält, ist ein gnadenloser Repräsentant einer patriarchalen Ordnung, die auf den abgeschmackten Kapitalismus schwört, der Frauen mit Schönheitsidealen konfrontiert, an denen der Chirurg selbst sich freilich nicht messen muss. Nein, Anna lässt nicht an sich herumschnippeln.

Zu dünn, zu zäh, zu irgendwas

Kritiker schreiben oft von der Magie des ersten Satzes in einem Roman, und was das anbelangt, muss man Simone Meier als Gewinnerin betrachten: „Der Mann sah aus wie eine geschälte Kellerassel, und sie fragte sich: Wieso sind Schönheitschirurgen nie schön?“ Was passiert mit der Magie nach dem ersten Satz? Simone Meier stellt uns Max vor. Max und Anna, um die 40 Jahre alt, pflegen eine leidenschaftslose Beziehung. Obwohl der Begriff Beziehung schon irreführt, im Grunde haben sie nur leidenschaftslosen Sex. Zu den beiden gesellt sich Lilly, eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Bruder, ihrem Mitbewohner Alex und der comichaften Schönheit Sue in einer WG lebt. Schnell wird klar, dass sich die Geschichten von Anna, Max und Lilly zu einem Gewebe verbinden werden. Handlungsmotor ist dabei immer das Begehren. Aber egal, ob Lilly versucht, ihren Mitbewohner Alex zu einem WG-Stelldichein zu überreden, Max eine Prostituierte frequentiert oder Lilly Anna betastet. Ehrliche Befriedigung suchen alle vergebens.

In Fleisch gibt es keine Fleischeslust. Fleisch und Lust bleiben einander fremd. Sex ist alles in allem ganz lieblos, wirklich traurig eigentlich. Vielleicht ist Sex immer traurig; das mag einer der Gründe sein, warum Girls eigentlich keine gute Serie ist.Man sieht nur junge Menschen, die frustrierenden Sex haben und an ihren Körpern leiden. Dass in Fleisch sowohl Anna als auch Max ihr Begehren auf die bleistiftdünne, also eher fleischlose Lilly richten, ist da nur folgerichtig neurotisch.

In einem Raum frei flottierender sexueller Orientierungen wendet sich das Begehren im Roman mal einem Mann, mal einer Frau zu, und dabei es gibt immer eine Enttäuschung. Weil der Körper zu dünn und zu zäh oder zu weich ist. Was als verheißungsvolles Versprechen beginnt, mündet immer in Reue, denn wie wir fast alle wissen, kann das echte Begehren nach dem Objekt nie eingelöst werden. Je stärker wir ihm uns annähern, desto flüchtiger wird es. Es rinnt durch unsere Hände wie der feine Südseesand, und das Einzige, was der feine Südseesand hinterlässt, ist ein unangenehmes Jucken in der Badehose.

So richtig sympathisch ist keiner der Protagonisten. Max entwickelt sich nach dem Beziehungsaus mit Anna zu einem üblen Gewalttäter, der sich erst einer ausgiebigen Schmerzperformance am eigenen Körper hingibt und dann Anna einen Pflasterstein über den Schädel zieht.

Man merkt der Autorin Simone Meier an, wie lustvoll sie dem Leser jegliche Illusionen von erfüllter Liebe oder würdevollem Altern nehmen will, denn auch das ist ein Thema in Fleisch: Midlife-Crisis und zweiter Frühling. Dabei unterscheiden sich die beiden mittelalten Protagonisten Anna und Max mental und emotional gar nicht so sehr von Lilly und Sue. Wobei Letztere von vornherein, nicht erst durch das Alter, etwas abgeklärter erscheinen. So hat die üppige Sue keine Probleme, von Max Geld für sexuelle Dienstleistungen entgegenzunehmen. „Ich nehm das Patriarchat aus, dass es knallt!“ Sex ist eben Mittel zum Zweck.

Kurz blinkt dann im Text etwas auf, das auf mehr hoffen lässt. Da sind die Kakerlaken in Lillys Wohnung, die sich ausbreiten, die über ihren Arm krabbeln, die einfach so hingenommen werden. Da ist plötzlich der Riss in Max’ Sofa, der ihn wahnsinnig macht und von dem er glaubt, Anna habe ihn verursacht. Kurz: Es erscheinen Abgründe und Seltsamkeiten, die aber als Spuren im Sande verlaufen. Wenn dann auch noch in einem Nebenhandlungsstrang Jonas, Lillys kleiner Bruder also, buchstäblich Scheißebilder malt (gewissermaßen als ein van Gogh der Koprophilie), vollendet sich die Kette aus Sex, dem großen Fressen und Ausscheidung zu einer de Sade’schen Zeichenorgie. Die was genau bedeutet? Man ist etwas ratlos.

Besser eine dicke Katze

Fleisch ist eines dieser Bücher, das von einer tüchtigen Portion Zynismus und Desillusion durchdrungen ist. Das muss man mögen. Man muss den Tod der Romantik ein bisschen genießen können. Weil ihre Protagonisten aber so gar nichts antreibt als zielloses Begehren, ist die Lektüre, trotz heiterem Tonfall und einer großen Dosis Ironie, auf Dauer ziemlich deprimierend.

Und an dieser Stelle nun muss die Rezensentin ausnahmsweise persönlich werden: Lesen Sie dieses Buch nicht, wenn Sie sich gerade von einer geliebten Person getrennt haben und Sie der Schmerz über das Beziehungsaus von innen her auffrisst. Lesen Sie es um Himmels willen auch nicht, wenn Sie auch nur den geringsten Zweifel daran haben, dass Sie in einer glücklichen Beziehung leben. Lesen Sie dieses Buch nicht, wenn Sie gern Nutellagläser auslöffeln. Halten Sie sich bei der einsamen Lektüre eine tröstende Flasche Wein, besser noch eine dicke Katze zum Kuscheln bereit. Lesen Sie das Buch dagegen in Anwesenheit eines Partners oder einer Partnerin, schmiegen Sie sich doch zwischendurch an das weiche oder feste Fleisch.

Info

Fleisch Simone Meier Kein & Aber 2017, 256 S., 22 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/17.

Kommentare (4)

Lethe 07.03.2017 | 13:34

Jugend scheint durch nichts ersetzbar zu sein, so rein fleischlich^^

Bei alternden Wesen wird es allerdings irgendwann nur noch albern, die eigene Unsterblichkeit in den Körpern junger Menschen zu suchen. Zu der Würde beim Altern in Würde gehört es auch, die Rückkehr oder die Perpetuierung der eigenen Jugend nicht mehr zu wünschen. Wo das fehlt, sind Erscheinungen wie die beschriebenen und im Buch thematisierten nicht weit.

Und siehe da,gibt es eine Sexualität älterer Menschen, von deren Innigkeit und Intensität die Jugend keine Ahnung hat, solange sie nur auf den Körper starrt.