Leer, leer, Meer

Krimi Claudia Rikls Held ermittelt im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Die Leute hier haben noch so einige Rechnungen offen
Leer, leer, Meer
Noch wirkt alles ganz ruhig

Foto: Imago/Panthermedia

Zwei Flussarme umfassen das kleine Dorf irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern wie in einem Würgegriff. Kurz vor Kriegsende gingen hier 27 Mädchen und Frauen ins Wasser, aber das kann Ermittler Michael Herzberg zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Wozu auch, er ist hier, um den Anschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft zu untersuchen. Leider kommt er etwas zu spät, jedenfalls zur Befragung des Gutsherrn Rudolf Schröter. Ob Herzberg es glauben mag oder nicht: Schröter ist verstorben und soll in der Gemeinde schnell (und heimlich) beigesetzt werden. Genau das wäre wohl auch geschehen, hätte Herzberg nicht in letzter Minute die verdächtigen Male am Hals des Toten entdeckt. Sofort flammt in Herzberg das Herz des Mordermittlers auf. Das war er, bevor er nach der Lösung seines letzten Falles zum Staatsschutz versetzt wurde. Bei der Aufklärung des Falls hatte Herzberg einen Kollegen schwerer Verbrechen überführt. Nun gilt er als Kollegenschwein.

Das also ist die Ausgangslage für die Ermittlungen im Dorf, in dem so einiges verschwiegen wird. Wer könnte ein Interesse am Mord an dem alten Schröter gehabt haben? War das Motiv Rache? Was hat der Mord mit der Tatsache, dass Schröter nach dem Krieg von den Russen enteignet wurde, aber nach der Wende wieder die Kontrolle über den Agrargenossenschaftsbetrieb an sich reißen konnte, zu tun? Immerhin ist viel Geld im Spiel, und die gekränkte Ehre des ehemaligen LPG-Leiters Dietmar Kamp …

Nach und nach tun sich mehr Verstrickungen auf. Schröter besaß Kontakte zur NPD, spendete ihr heimlich Geld, vermittelt über einen zwielichtigen Anwalt namens Jens Reichenbächer. Der wiederum ist der juristische Beistand von Roy Blasskewitz, NPD-Parteichef und selbst ernannter Bürgerwehr-Anführer, der obendrein Kontakte ins Türstehermilieu besitzt.

Die in Leipzig lebende Autorin Claudia Rikl legt mit Der stumme Bruder den zweiten Roman rund um den Soft-Boiled-Kommissar Herzberg vor. Auch im ersten Fall ging es um politische und historische Verwicklungen. In Das Ende des Schweigens ging es um vertuschte Geheimnisse der Nationalen Volksarmee der DDR. Das Mordopfer, Hans Konrad, bildet zugleich eine Art Brückenfigur zum zweiten Roman: Konrads Tochter wird zu Herzbergs Geliebter. Dass sie Herzbergs Herz erobert und er recht sentimental über sie nachdenkt, zeigt übrigens, warum er nicht so ganz zum harten Krimihund taugt. Freilich hat er trotzdem eine ruinierte Ehe aufzuweisen, aber eben auch einen Sinn für Romantik.

In beiden Romanen jedenfalls offenbart sich Rikls Stärke als Schreibende: Die 1972 geborene Schriftstellerin weiß mit den Regeln und Gesetzen des Krimigenres zu spielen und sie an entscheidender Stelle zu brechen. Herzberg erhält eine Backstory Wound, die seine Arbeit beeinflusst und trotzdem mehr ist als nur persönliche Geschichte: Er saß nämlich in Bautzen als politischer Gefangener ein. Ab und an dringen Erinnerungsflashbacks in die Gegenwart ein. Das schärft nicht nur seinen Gerechtigkeitssinn; es formt auch seine Fähigkeiten, hinter dem Offensichtlichen nach verborgenen Geheimnissen zu suchen.

Rikl ist selbst in der DDR aufgewachsen. Ihre Romane, die auf die vielfältigen Verwicklungen deutsch-deutscher Geschichte zurückgreifen, passen gut in eine Zeit, die wieder einmal besonders intensiv über Aufarbeitung des Erbes der Diktaturen und den Wunsch nach Vergessen diskutiert. Die Vergangenheit scheint eben nie wirklich vergangen; und Morde offenbaren auch nach Jahrzehnten noch nicht verheilte oder unheilbare Wunden. Zugleich muss Rikl, was ja in der Natur des Kriminalromans liegt, nicht klären, welche Haltung nun richtig, welche falsch ist. Sie muss keine Antworten auf die Lösung der Traumata geben, sie darf ihren Figuren kurzerhand den Hals umdrehen und stellvertretend für den Leser, die Geschichte poetische Gerechtigkeit herstellen. Obendrein sind ihre Romane dabei auch noch unterhaltsam. Die klug konstruierten Geschichten und durchaus komplexen Verwicklungen verfügen über Szenenhumor und Tempowechsel, die die Story mal schnell, mal langsam vorantreiben. Bereits bei Rikls erstem Roman stellten Rezensenten fest, dass der Text erstaunlich reif und komplex für eine Debütautorin sei. Auch für den zweiten Roman lässt sich das sagen.

1945: Land voller Flüchtlinge

Rikls Roman legt allerhand Spuren und Fährten aus. Die Rolle der alten Frau Magda, die als Mädchen den Überfall der Russen aufs Dorf überlebte und obendrein mit dem Bruder Schröters verlobt war, bleibt undurchsichtig. Sie profitiert vom Tod Schröters – aber als Mörderin kommt sie nicht in Frage. Nicht wahr? Und was ist mit dem kleinen Frieder, dem Bruder Magdas, der im Wasser für immer verstummte? Rikl stellt ihrem Ermittler Herzberg eine Kollegin beiseite. Desiree Weigand leitet die Ermittlungen und Befragungen. Magda interessiert sie brennend, auch deshalb, weil Magda und die geliebte Großmutter Desirees ein Schicksal teilen. Weil abwechselnd aus der Perspektive Herzbergs, Weigands und der dementen Magda erzählt wird, ergibt sich ein vielstimmiges Bild in diesem Roman. Der klassische Modus des Einzelkämpfer-Mannes im Kampf gegen das Verbrechen wird aufgebrochen. Schade nur, dass die eigentlich toughe Desiree immerzu sehr gefühlig wird im Umgang mit Magda.

Interessant dagegen ist die gewählte Szenerie in Mecklenburg-Vorpommern, das ja eigentlich als bundesweite Chiffre für menschenleere Langeweile gilt. Hier aber nimmt es dunkle Züge wie ein Dorf in den Highlands von Schottland an. Obendrein lassen sich hier plausibel moderner Neonazismus und altes Kriegsunrecht zu einem undurchdringlichen Verbrechenssumpf verbinden. Zudem zeigt sich am Beispiel von Mecklenburg-Vorpommern, das nach dem Krieg mit Flüchtlingen aufgefüllt wurde und sich in Rikls Roman nun so heftig gegen die Neuansiedlung anderer Kriegsflüchtlinge wehrt, die Geschichtsvergessenheit vieler Deutscher – und natürlich auch ihre Verdrängungskunst.

Wie die von Rikl ausgelegten Spuren am Ende verwoben werden, darf nach den Regeln der (hoffentlich) spoilerfreien Krimirezension natürlich nicht verraten werden. Was man jedoch getrost vorwegnehmen darf: Dies wird wohl nicht der letzte Fall Herzbergs sein wird.

Info

Der stumme Bruder Claudia Rikl Kindler-Verlag 2019, 380 S., 14,99 €

06:00 11.04.2019
Geschrieben von

Marlen Hobrack

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