Literatur als flow

Experimentell Wenn jede Statusmeldung als Dichtung gilt, was hat sie dann noch zu bedeuten? Ziemlich viel, findet Holger Schulze. Er feiert den Mut zur offenen Form
Literatur als flow
Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause werfen

Foto: Leon Neal/AFP/Getty Images

Selten vermag es der Versuch einer Poetik, den Lesenden in einen echten Leserausch, einen Flow zu versetzen. Selten auch führt Poetik so plastisch vor, was sie theoretisch zu erkunden versucht, wie in Holger Schulzes Buch Ubiquitäre Literatur. Literatur ist heute „allgegenwärtig“ – das bedeutet „ubiquitär“. Aber zugleich hat sie sich aufgelöst, in Partikel zersplittert und in Aerosole zerstäubt. Diese Literatur braucht eine neue Poetik. Und genau daran versucht sich Schulze.

Der Autor skizziert eine Poetik des Partikularen, die – ja, wo eigentlich beginnt? Vielleicht bei den wortsammlerischen Streifzügen eines Rolf Dieter Brinkmann durch Köln. Jedenfalls endet sie nicht mit zu gedruckten Büchern gewordenen Statusmeldungen von Stefanie Sargnagel. Aber wie werden die ungezählten Reklametafeln, wandfüllenden Graffiti und abgelauschten Wortfetzen zu ubiquitärer Literatur?

Schulze beschreibt eine Umwertung der Werte, eine Andersbewertung dessen, was überhaupt als literarisch zu gelten hat. Nicht nur die Vorstellung von kontingenten Werken und klassischer Autorschaft wird im voranschreitenden 20. Jahrhundert über Bord geworfen (nicht unrettbar, manches wird wieder und wieder belebt). Plötzlich darf sich das Partikulare, dürfen sich die Satz- und Wortfetzen bis hin zu kleinsten Bedeutungsträgern wie Interjektionen – ach! Noch kleiner: den Satzzeichen – als Sinneinheit verstanden wissen. Wenn sie alle Sinn- und Bedeutungsträger sind, wird die Trennung zwischen Literarischem einerseits und den bloßen alltäglichen Wortäußerungen andererseits obsolet. Das schreibende Ich jedenfalls wird zum Jäger und Sammler, klaubt Wortbruchstücke und Sätze zusammen. So, wie die Autoren rekombinieren und paraphrasieren, darf auch der Leser entwenden, querlesen und neu anordnen, wie es ihm gefällt. There are no rules.

Das übrigens gilt auch für den Bruch mit literaturwissenschaftlichen Konventionen. Wir haben es hier mit einer Poetik zu tun, die in den Kreis des literarischen Kanons eingemeindete Werke in Text und Anhang umstandslos neben Twitter-Zitate präraffaelitischer Girls setzt (@PGexplaining, googeln Sie!).

Schulze geht so weit, die „Gleichzeitigkeit der Schriften und Statements, Ansagen und Zwischenrufe, des Überhörten und der Fehllektüre, des Protokollierens, Rekombinierens und der einander neu interpretierenden Plakate“ zur „identitätsstiftenden Erfahrung“ zu erklären. So also, wie rasende Veränderung durch das Technische im frühen 20. Jahrhundert euphorische futuristische Manifeste produzierte, feiert Schulze die Ubiquität des Literatur gewordenen Wortes. Die Rede von der Ubiquität der Literatur und unserer Lektomanie steht dabei im scharfen Gegensatz zu den Décadence-Abgesängen des Buchhandels (immer weniger Leser!) und der Klage über den Verfall des Leseverständnisses angesichts furchteinflößender PISA-Ergebnisse.

Fröhliche Wissenschaft

Schulze übrigens vergleicht unser verändertes Leseverhalten mit dem Hören von Musik: Hatte Musikhören einst einen festen Platz im Konzertsaal, später dann immerhin in der heimischen Stube, wurde Musik zum Unter- und Hintergrund-Sound unseres Daseins. Abgekoppelt von Räumen und Situationen, sind sowohl Musik als auch Literatur allumfassend geworden. „Durch die Weisen des Hörens lassen sich auch die Weisen des Lesens besser begreifen. Literaturforschung profitiert von Klangforschung. Es gibt nichts Wahrnehmbares, was nicht auch lesbar wäre.“ Nicht von ungefähr kommt der Vergleich mit der Musik, ist Holger Schulze doch Professor für Musikwissenschaft in Kopenhagen. Obendrein war er einer der Mitbegründer und Leiter des Studiengangs Sound Studies an der Universität der Künste Berlin. Sein Alter Ego @mediumflow tippt auf Twitter. Genau um diesen Flow im Medium Sprache geht es ihm: Der Text des Buches, und das ist der Clou, macht lesbar, was Schulze beschreibt: wie Geschriebenes in einen Fluss gerät. Das Buch ist eine Erkundung der Welt des Schreibens in einer plastischen, spielerischen, bildhaften Sprache. Also konkrete Wissenschaft, eine fröhliche Wissenschaft. Und liefert dabei allerhand schöne Bonmots und Beinahe-Aphorismen: „Partikelströme sind der Kanon. Die aufgelöste Literatur dieser Zeit ist die Literatur unserer Zeit.“ Übrigens widmet sich Schulze auch der Frage, ob Statusmeldungen zur Aphoristik des Internetzeitalters umgedeutet werden dürfen. Apropos Internet. Dynamisiert freilich wurde und wird die Ubiquität der Literatur durch das WWW. Schreibende wie Kathrin Passig experimentierten früh mit den Möglichkeiten des Netzes, Hypertexte kreierend. Software zum Scrambeln von Text – also zum Verrühren von Bruchstücken – lädt ebenso zu stilistischem Experimentieren ein wie die schier unendlichen publizistischen Möglichkeiten der damals so genannten Blogosphäre. Ein Begriff, der schon heute so ungeheuer altertümlich anmutet.

Regelrecht beschwingt folgt nun ein Abgesang auf die ernsthaft dreinblickenden Romanciers der Gegenwart, die ihre Botschaften in aufwendiger Romanhandlung verwickelt unter das Lesevolk bringen. „Ich ertrage es kaum körperlich, einen sorgsam gedrechselten Plotaufbau mitzulesen, bei dem ich unmittelbar die Autorenpersönlichkeit vor mir sehe, wie sie Kulissen schiebt …“ Er feiert den Mut zu Stilexperimenten, zur offenen Form, zum Unbeholfen-Experimentellen. Und prophezeit einen neuen Leser: „Es wird einmal Leser geben, denen es vollkommen wurscht ist, ob man, was sie begeistert, Roman oder Tweet, Post oder Schnarz, Flarf oder Lit nennt. Sie lesen es wegen seiner Intensität, seiner intellektuellen Überzeugungskraft und auch wegen formaler Originalität.“ Das übrigens ein Absatz, den Schulze aus David Shields’ Reality Hunger paraphrasiert hat.

Mit jedem neuen Kapitel gibt sich der Text oder Autor oder wer auch immer da schreibt und diktiert, seinem Flow hin. Ist Schulzes Buch ohnehin schon ein Text, der assoziativ von einer Wortbedeutungsebene zur anderen springt und sich dem Spiel mit den Worten hingibt, treibt diese Textstrategie mit jedem weiteren Kapitel dem finalen Höhepunkt zu. Der Autor ist im Flow, der Leser folgt ihm begeistert.

Info

Ubiquitäre Literatur Holger Schulze Matthes & Seitz 2020, 189 S., 15 €

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06:00 29.08.2020
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack
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