Uwe Tellkamps „Der Schlaf in den Uhren“: Geschichtsrevision in jedem Wortsinn

Literatur Uwe Tellkamps lang erwarteter Fortsetzungsroman „Der Schlaf in den Uhren“ ist da. Lohnt die Lektüre des 900-Seiten-Werks?
Ihre Zeit ist vorbei, aber sie schläft trotzdem nicht: die Urania-Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin
Ihre Zeit ist vorbei, aber sie schläft trotzdem nicht: die Urania-Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin

Foto: Gerhard Leber/IMAGO

Aufgewacht, aufgepasst, der Roman ist fertig! Die Rede ist von Uwe Tellkamps lange erwartetem Roman Der Schlaf in den Uhren, einer Fortsetzung zum 2008 erschienenen Bestseller Der Turm. 2020 kursierte das Gerücht, Suhrkamp verzögere die Veröffentlichung, von Unstimmigkeiten zwischen Autor und Verlag war die Rede – die Erfindung allzu vieler neuer Figuren war es jedenfalls nicht, die Tellkamps Schaffensdrang bremste, denn das Personal ist dem Leser bereits aus dem Vorgängerroman vertraut. Erzählt wird jedoch nun mit neuem Fokus. Fabian Hoffmann geht der Geschichte seiner Zwillingsschwester Muriel, seines Cousins Christian und dessen politisch engagierter Mutter Anne nach.

Das Widerständige wird in diesem Roman – nicht uninteressant – von drei Frauen personifiziert. Muriel rebelliert in der Schule gegen die Wahrheiten des DDR-Systems, Anne avanciert in den nachrevolutionären Tagen zur Politikerin und die Regimekritikerin und Autorin Judith Schevola will ihre Geschichte in Form eines Buches erzählen. Doch bleibt die Erzählung fest in der Hand eines Mannes.

Erzähler Fabian steht in den Diensten der „Tausendundeinenachtabteilung“ in einer Unterwelt, jedenfalls einem unterirdischen Reich mit Bergbaulabyrinthen des fiktiven Stadtstaats Treva. Eine Chronik soll er verfassen, und so arbeitet er sich unterirdisch durch die Geschichte. Während der zweite Teil zeithistorisch konkret ist, streckenweise dokumentarisch wirkt, ist dieser Teil romantisch-fantastisch verbrämt. Es gibt mythologische Anleihen, daneben fühlt man sich an Wolfgang Hilbigs Roman Ich erinnert, dessen Erzähler durch Berliner Kellergänge streift.

Generationen von Germanistikstudenten werden ihre helle Freude daran haben, den literarischen Bezügen nachzugehen. Feuilleton-Autoren wiederum könnten sich damit aufhalten, wie es Gerrit Bartels süffisant für den Tagesspiegel formulierte, „Autorengesinnung und Figurenrede säuberlich untersch[ei]den“ zu wollen. Womit die Gesinnung des Autors, je nach Deutung konservativ oder rechts, ebenfalls eingeführt wäre. Aber bekanntermaßen weiß der Text stets mehr als der Autor, weswegen hier der Roman besprochen werden soll.

Zunächst ist man etwas konsterniert, denn die Fortsetzung behandelt eine Vielzahl der bereits im Turm bearbeiteten Themen. Warum flicht Tellkamp erneut einen langen Dialog über die Frage, ob die DDR nun eine „kommode“ Diktatur gewesen ist, in den Text ein? Und allein die ersten 250 Seiten widmen sich nochmals den Geschehnissen unmittelbar vor der Maueröffnung, den Protesten in Plauen, Dresden und Leipzig, die der Erzähler hautnah miterlebt. Zwar reichen die Ereignisketten bis in das Jahr der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 und damit in die nahe Gegenwart. Aber die Vergangenheit erscheint als magischer Fluchtpunkt.

Ein zweites 1989 dank Covid?

Zugleich wird die jüngere Vergangenheit in Form der Wende-Ereignisse durch Chiffren einer älteren Geschichte codiert. Etwa wenn Tellkamp von Ostrom schreibt, das sowohl für die DDR als auch für die Nachwendegesellschaft im Osten steht. Ostrom ist nicht nur das Produkt der Spaltung des Römischen Reiches, sondern auch Verkörperung des verdoppelten Erbes des antiken Roms. Es steht damit auch für eine alternative Geschichte.

Man könnte nun meinen, dass die Gegenwart entlang der Ereignisse der Vergangenheit verhandelt wird. Das Gegenteil geschieht, Tellkamp dreht die Uhren rückwärts. Das Wendenarrativ wird im Licht der Gegenwart erneuert. Vielleicht ist nicht nur Tellkamp wie magisch auf die Wendejahre bezogen, vielleicht unterliegt die ostdeutsche Gegenwartsgesellschaft einem kollektiven Wiederholungszwang. Nicht umsonst imaginierten ja nicht wenige Corona-Protestler bei den Demos ein zweites 1989. Insofern hat Tellkamp durchaus einen wichtigen Roman über die ost- und gesamtdeutsche Gegenwartsgesellschaft geschrieben.

Zugleich betreibt er eine Revision der Geschichte, in jedem Wortsinn. Einem Rhabilleur gleich untersucht er das Instrument der Zeitmessung. Das sind im Falle der Geschichtsschreibung nicht die Uhren, sondern die Diskurse, die Wissen über die Vergangenheit produzieren.

Bereits in der DDR galt die Literatur als Gegenstimme zur veröffentlichten Meinung der Medien. Literatur kann in diesem Sinne Wahrheitsproduzentin sein, auch wenn sie hierfür bisweilen verklausuliert sprechen muss. In Tellkamps Roman ist die Welt des Literarischen jedoch gefährdet durch die Zurichtungen der Zeit. Wiederholt kommt in Gesprächen mit dem Lektor Meno Rohde die Frage auf, welches System dem Schreibenden Zeit und Raum zugesteht, über Kommata und ellenlange Sätze zu debattieren. Der Zeitpfeil schießt gnadenlos davon; Schreiben ist immer eine Arbeit gegen die Zeit.

Wollte man böse sein, könnte man Tellkamp vorwerfen, er bringe auf den 900 Romanseiten Erzählzeit und erzählte Zeit zur Deckungsgleichheit. Ernsthaft muss man sagen, dass ein im Schreiben immer schon angelegtes Motiv der Zeitdilatation ausgeführt wird. In der Relativitätstheorie des Erzählens gibt es keine absolute Zeit, sondern nur eine relative Zeit für ein System. Damit wird auch Gleichzeitigkeit relativ, oder banal gesprochen: Vielleicht gehen im Osten, nicht nur in diesem Roman, die Uhren anders.

Info

Der Schlaf in den Uhren Uwe Tellkamp Suhrkamp 2022, 904 S., 32 €, erscheint am 16.05.

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Geschrieben von

Marlen Hobrack

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Marlen Hobrack

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