Voll, der Koffer

Literatur Raubkunst, Terror, Offshore, Flucht – „Der letzte Grund“ ist etwas überfrachtet
Voll, der Koffer
Ein Schiffsunfall ist eigentlich kein Fall für die Kriminalpolizei, hier aber steht die Sache anders, denn im Bauch des Schiffes befindet sich eine Leiche

Foto: unsplash

Welche Beweggründe gibt es für eine Handlung, eine Tat? Was sind die oberflächlichen Motive, was schwimmt unter der Oberfläche des Bewusstseins? Wie kann man vordringen zu dem „letzten Grund“? Dieser Frage muss sich Kriminalhauptkommissarin Doro Weskamp im gleichnamigen Krimi von Volker Pesch stellen.

Weskamp ist eine erfahrene Kommissarin in ihren Fünfzigern, alleinerziehende Mutter einer inzwischen allerdings erwachsenen Tochter. Eigentlich ist Weskamp Kielerin, es verschlug sie allerdings schon vor der Geburt ihrer Tochter nach Rostock. Ihr Mann hatte sich hier dem Aufbau Ost widmen wollen. Der Mann ging, Weskamp blieb. Inzwischen ist sie eine anerkannte Kommissarin. Nun ermittelt sie im Fall des Traditionsschiffs Sansibar, das im Hafen gesunken ist. Ein Schiffsunfall ist eigentlich kein Fall für die Kriminalpolizei, hier aber steht die Sache anders, denn im Bauch des Schiffes befindet sich eine Leiche. Und die ersten Spuren deuten auf einen Sabotageakt, der für das Eindringen von Wasser ins Schiffsinnere verantwortlich ist. Nicht weniger verdächtig wirkt, dass jede Spur von dem Bootsmann Clemens Kasten fehlt, der sich zum Zeitpunkt des Untergangs auf dem Schiff befunden haben muss.

Bald ist die Identität der Leiche an Bord geklärt. Es handelt sich um einen syrischen Flüchtling, der sich nur zufällig an Bord des Schiffes befand. Ist seine Herkunft trotzdem ein mögliches Motiv für die Manipulation am Schiff? Gibt es etwa einen rassistischen Tathintergrund? Oder wurde das Traditionsschiff zum Angriffsziel, weil es Schaulustige zu einem Offshore-Windpark transportiert, der schon seit Längerem in der Kritik von Umweltaktivisten steht?

Ethik in der Polizeiarbeit

Bewegung kommt in den Fall, als an Bord der Koffer des verschwundenen Bootsmannes auftaucht; er enthält eine Reihe von Erinnerungsstücken, darunter Tagebücher eines Kapitäns. Wie sich herausstellt, sind die „schwarzen Hefte“ (eine Anspielung auf Heidegger?) Aufzeichnungen des Großvaters von Clemens Kasten. Darin geht es um einen geheimnisvollen Passagier und ein Max-Liebermann-Gemälde, das inzwischen als verschollen gilt. Bald ist klar: Der Koffer führt in die Vergangenheit der Kriegsgeneration, zu Raubkunst, Denunziantentum und unverarbeiteten Traumata. Für Kasten, einen Enkel der Kriegsgeneration, scheinen diese Traumata so lebendig, als habe er sie selbst erfahren. Die Spur zu Kasten führt zu einer lokalen Klinik für Psychotherapie und einer Ärztin namens Andres, deren Interesse an ihrem Patienten größer als üblich zu sein scheint. Und die dem Leser aufgrund ihres Verhaltens durch und durch verdächtig erscheinen muss.

Als wäre der Fall nicht vertrackt genug, platzt im Kommissariat – symbolisch allerdings – eine Bombe. Ein Kollege hat Polizeiwaffen und Munition gehortet, es gibt Hinweise auf einen versuchten Staatsstreich und geplante Anschläge auf Politiker und Journalisten.

Reichlich Bezüge zu gegenwärtigen und noch immer relevanten politischen wie historischen Themen akkumuliert Volker Pesch in diesem Krimi. Eigentlich ist die Geschichte übercodiert, die Verkettung von NS-Geschichte und rechten Machenschaften im unmittelbaren Umfeld des Kommissariats, die obendrein Bezüge zu aktuellen Polizeiskandalen aufweisen, wirkt etwas gezwungen. Raubkunst, Judenverfolgung, Traumadiskurse und epigenetische Debatten zur Frage, ob Traumata vererbt werden können, werden verflochten. Vielleicht etwas viel „Nazihintergrund“ für einen Krimi? So recht plausibel will Kastens Zusammenbruch und eine Art posttraumatische Belastungsstörung in Folge des ererbten Traumas nicht erscheinen.

Apropos Übercodierung: Wer die Anspielung im Titel noch nicht versteht, der bekommt noch einmal den Hinweis, dass die Sansibar nach Alfred Anderschs Roman aus dem Jahr 1957, Sansibar oder der letzte Grund, benannt wurde, und auch in ihm finden wir dieselbe Motivverkettung: Judenverfolgung, geraubte beziehungsweise als „entartet“ gekennzeichnete Kunst und der Versuch, Raubkunst zu retten – durch die Figur eines Pfarrers (es geht um eine Ernst- Barlach-Skulptur). Eben jener Pfarrer motiviert wohl auch die Existenz des Seelsorgers in Volker Peschs Buch, der im Kommissariat einen Workshop zum Thema „Ethik in der Polizeiarbeit“ halten soll, schließlich aber Doro Weskamp näherkommt. Allerdings nicht so nahe, wie Weskamp es gerne hätte (übrigens enttäuscht doch ein bisschen, dass die taffe Kommissarin in Liebesfragen anscheinend den Männern den ersten Schritt überlässt, aber das nur am Rande). In der Anspielung auf den Andersch’schen Text, der im kulturellen Gedächtnis vieler Ostdeutscher und ehemaliger DDR-Bürger eine wichtige Rolle spielt und der seinerseits einige Traumata, wenn auch nicht heilte, so doch in Bilder fasste, wird das in den Gesprächen zwischen Weskamp und dem Seelsorger Tom Schroeder eher subtil mitschwingende Ost-West-Motiv aufgegriffen.

Ob nun übercodiert oder nicht (vielleicht eine Geschmacksfrage), Peschs Text erfüllt den Anspruch an den Krimi, spannende und überraschende Wendungen zu liefern. Just in jenem Moment, in dem sich der Leser der Kommissarin für überlegen hält, weil er durchschaut hat, wie die Motivstränge zusammenlaufen, wandelt sich der Text. Er begibt sich weg von der Frage des „whodunit“ in einem Kriminalfall und widmet sich stattdessen der Frage nach dem „whydunit“ in einem anderen Kriminalfall. Den Regeln des Genres entsprechend versanden nämlich die ersten Spuren, der erste Tatverdächtige erweist sich als unschuldig, und plötzlich taucht eine weitere Leiche auf. Erst diese liefert die Lösung des Rätsels für den letzten Grund, auf den die Sansibar gesunken ist.

Übrigens wünscht man sich bei der Lektüre sofort an den Strand. Obgleich momentan wenig Urlaubsvorfreude herrschen mag, handelt es sich bei diesem Text um einen Krimi, den man gerne im Strandkorb wegschmökern würde. Wegen der Motivik und der Sprache aus der Welt der Schifffahrt, aber sicher auch wegen der eher subtil eingeflochtenen Betrachtungen zum eigentümlichen Habitus der Besucher von Ausflugsschiffen, zu denen man auch irgendwann einmal wieder gehören möchte.

Info

Der letzte Grund Volker Pesch Pendragon 2021, 284 S., 13,90 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 27.04.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 18/2021

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