Betteln für Gold

Kommentar Schily und die deutschen Reiter bei Olympia

Otto Schily kann nicht anders, er muss auf die Alliierten schimpfen. Bedauerlich ist nämlich, sagt der Innenminister, "die fehlende Fairness befreundeter Nationen". Das sind Frankreich, Großbritannien und die USA, die nicht nur im Nachrichtenblock des ZDF als "Alliierte", sondern auch von Stefan Raab, unter dem tosenden Applaus seines Saalpublikums, als "alliierte Imperialisten" vorgestellt werden. Schilys Klage ist kein zu spät gesprochener Kommentar zum D-Day, sondern es geht dem Innenminister um mehr als Politik, um Macht.

Den deutschen Vielseitigkeitsreitern wurden bei den Olympischen Spielen in Athen zwei Goldmedaillen aberkannt, eine im Einzel-, eine im Mannschaftswettbewerb. Grund war ein Regelverstoß, der von den Deutschen als banal und von den Gremien des Weltsports als nicht ganz banal bewertet wurde. So verloren die deutsche Reiterin Bettina Hoy und ihre Kollegen ihre Medaillen, und dem für Sport zuständigen Minister fehlten plötzlich zwei Zähler in der die Leistungsfähigkeit eines Landes symbolisierenden Nationenwertung. Vor den Spielen hatte Schily gefordert, dass Deutschland am Ende Platz drei dieser Wertung belegen solle.

Nun bemühen die Deutschen alle denkbaren sportjuristischen Instanzen bis hin zum Gnadenersuchen und - als wäre das nicht würdelos genug - bis hin zum Betteln, die Plakette doch wenigstens symbolisch behalten zu dürfen. Wahrscheinlich wird auch geprüft, ob nicht der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte anzurufen ist.

"Wenn diese Entscheidung bestehen bleibt, dann ist die olympische Idee ad absurdum geführt", jammert einer der Reiter, Hinrich Romeike, und gibt die sehr deutsche Rolle des betrogenen Opfers. "Ich fühle mich diskriminiert", sagt Romeike, "mir soll die Medaille vom Hals gerissen werden wie Dopingsünder Ben Johnson." Der kanadische Sprinter fand sich nach seiner Überführung 1988 bekanntlich nie wieder in der Gesellschaft zurecht. Gleichfalls zum Äußersten entschlossen präsentiert sich der Vizepräsident des NOK für Deutschland, Dieter Graf Landsberg-Velen. "Für uns bleiben unsere Reiter die Olympiasieger", sagt er, und: "Hätten wir kompetente Richter am Platz gehabt, wäre das Ganze nicht passiert."

Das recht unangenehme Gezeter von schlechten Verlierern wäre kaum der Rede wert, hätte sich nicht mit seiner Rede von der Unfairness befreundeter Nationen der deutsche Innenminister eingeschaltet. "Ich finde es schade, dass die Gegner nicht darauf verzichtet haben, formale Fragen eines Wettbewerbs zu prüfen, in dem unsere Equipe die beste Leistung gezeigt hat", sagt Schily. Und dass es gerade die deutsche Seite ist, die jede rechtliche Möglichkeit prüft, den feiernden "Alliierten" ihren in letzter Instanz sichergestellten Sieg wieder wegzunehmen, darf dann wohl niemanden interessieren.


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