Barbara, Ratatouille und die Stasi-Arschlöcher.

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Von Christian Petzolds auf der Berlinale mit dem SILBERNEN BÄREN ausgezeichneten Film BARBARA sind Zeitungen und Feuilletons voll.

Des Lobes, der Trailer und Szenenausschnitte und der Interviews.

Ein Feuerwerk der Pressevorführungen, Schauspieler-Interviews, Hintergrundsendungen.

Deshalb darf der Plot als bekannt voraus gesetzt werden: Barbara, Ärztin an der DDR-Elite-Klinik CHARITE wird nach Ausreiseantrag, darauf folgendem kurzen Gefängnisaufenthalt in die mecklenburgische Provinz strafversetzt. Heimlich trifft sie sich weiter mit dem westdeutschen Geliebten, bekommt Westgeld zur Bezahlung der Fluchthelfer.

In Andre dem Chefarzt, der durch Erpressung zum (wider-und unwilligen) IM wurde, erlebt sie einen Arzt höchster fachlicher, moralischer und hippokratischer Ansprüche. Und einen Mann, der ihr vom ersten Moment an den Hof macht.

Flüchten oder standhalten ? ja das ist eine der vielen Fragen die dieser große Film behandelt.

Neben dem kraftvollen, ZIEMLICH BESTE FREUNDE, der Herz und Lachmuskeln bis zum äußersten in Beschlag nimmt, ist dies für mich der Film des (bisherigen) Jahres.

Für Linke, allemal parteipolitisch und östlich der Elbe verortete dagegen, oftmals ein Bauchschmerz. Wie so oft in den letzten Jahren, wenn es (auch) um die Verbrechen im Namen des Sozialismus ging.

Bei DAS LEBEN DER ANDEREN, bei WESTWIND, bei HOTEL LUX. Und nun bei BARBARA.

Dabei ist es erstmal ein herrlicher Liebesfilm.

Sah man vorher so herrlich wortlos, wie sich Interesse, Seelenverwandtschaft, komplementäre Ergänzung in Liebe verwandelt wie hier? Verschiedene Rezensenten haben deshalb nicht übertrieben wenn sie titelten: "Casablanca in der DDR"(ndr), "Liebe in Zeiten der Bespitzelung" (Münstersche Tageszeitung).

Und: es ist ein Film über eine schöne DDR. Der wohl meist zitierte Satz des Regisseurs war denn auch: "Die DDR war auch schön". Die Ostseeküste, der kühle Norden. DDR in schönsten Sommerfarben. Den FREITAG-Rezensenten Mathias Dell hindert dies nicht zum absurden Satz: "Barbara ist auch deshalb kein Film über die DDR, weil die DDR hier aussieht wie eine Christian-Petzold-Landschaft: weites Grün, karge Besiedlung und hinter dem tiefen Wald liegt das Meer. "

Liegt es an der Film-Darstellung des Jugendwerkhofes Torgau als 'Vernichtung von Jugendlichen' (Zitat Barbara) wie auch die 24-Stunden-Rundum-Bespitzelung des örtlichen Stasi-Postens, dass hier vom Rezensenten die real existierende DDR schlechter gemacht wird, als sie (z.B. landschaftlich) war? Nur, um den Film zu entwerten?

Vollends pervers auf die Spitze getrieben wird dies Verfahren des FREITAGS-Redakteurs, wenn er den Großteil seiner Film-Besprechung der These widmet, es sei unwahrscheinlich, dass es in der DDR Auberginen gab und dass ein Arzt - wie im Film - einlädt zur Ratatouille.

Ich bräuchte gar nicht darauf verweisen, was mir 1976 die damalige Chefredakteurin der DDR-Frauenzeitschrift FÜR DICH, Marlis Allendorf, auf Westbesuch im bayerischen SDAJ-Pfingstcamp von diesem französischen Gemüserezept vorschwärmte; auch in den Kommentaren zu Dells BARBARA-Artikel melden sich alsbald "gelernte DDR-Bürger", die darauf hinweisen, dass es - wenn auch höchst selten - Auberginen zu kaufen gab, dafür um so öfters als Frucht von Hobby-GärtnerInnen und dass in der nicht nur wegen der erotischen Fotos begehrten DDR-Zeitschrift DAS MAGAZIN in den Spalten LIEBE PHANTASIE UND KOCHKUNST Ratatouille-Rezepte zu lesen waren. Bedenken wir schließlich, dass der Schauspieler Roland Zehrfeld, der im Film den Chefarzt Andre spielt, mit 11 DDR-Judomeister war, und das Land aus dem FF kennt, fällt die Ratatouille-Kritik in sich zusammen als peinlicher Versuch, mit Requisitenkritik, von der Qualität und Überzeugungskraft filmischer Szenarien abzulenken.

Das erlebe ich nun seit Jahren.

Als der Film, DAS LEBEN DER ANDEREN in die Kinos kam, drohte mir der Vorsitzende der örtlichen Linkspartei mit dem Bruch jeglicher Zusammenarbeit, sollte der Film in unserem linken MÜHLENKINO aufgeführt werden. Hauptkritik: Der Film sei schon deshalb falsch, weil er als Ex-Oberleutnant des MfS bezeugen könne, dass IM Ministerium niemals - wie im Film gezeigt - in Uniform Dienst ausgeübt worden sei.

Oder: Als der wunderbare Film: WESTWIND zwei DDR-Ruderinnen im Trainingslager am Balaton zeigt, die dort westdeutsche (unbedarfte) Jugendliche kennen lernen und in den Westen abhauen, war es eben jener Dell vom FREITAG, der behauptete, im Film sei die DDR mit allen Klischees abgebildet worden, obwohl doch alle Szenen nur auf ungarischem Boden spielen.

Oder: Als ich neulich voller Neugierde eine Veranstaltung der Hellen Panke zum sehenswerten Leander-Hausmann-Streifen HOTEL LUX besuchte, kulminierte die Kritik des von mir ansonsten hochgeschätzten international renommierten Experten für stalinistischen Terror, Dr. Wladislaw Hedeler in der Feststellung: Im Film sei die "Ekki", das "Exekutivkommitee der Komintern" falsch ausgesprochen worden.


Das Neue Deutschland verfolgt bei solch kniffligen Themen seit einiger Zeit die Taktik, lieber keine Besprechung zu veröffentlichen, sondern den Regisseur zu interviewen.

Die erste Frage des sehr lesenswerten Interviews lässt die Sichtweise der ND-Mitarbeiterin erkennen:

"In der DDR kann man nicht glücklich werden, sagt Barbara. Haben Sie erwartet, dass sich dieser Satz so stark einprägt?"

Es bleibt Petzold überlassen, darauf hinzuweisen, dass der Satz unwichtig, weil nur in der Konfrontation gesagt sei.
Ich verrate nicht zuviel, wenn ich darauf hinweise, dass auch für Barbara schlussendlich einiges dafür spricht, dass sie in der DDR glücklicher wird, als "bei den anderen".

Über die Rolle der Arbeit in Filmen in Ost und West, über den Faktor Zeit im DDR-Gesundheitswesen und andere Themen sagt der Regisseur dann noch manch überraschendes in diesem nd-Gespräch, was auch hier deutlich macht, dass er als Kind von DDR-Flüchtlingen eine hohe Affinität zu diesem Staat hatte.
In einem anderen Interview erzählt er, dass sein Vater trotz seines gefestigten sozialdemokratischen Antikommunismus auf dem Höhepunkt der ersten 'Ölkrise' überlegte, in die alte Heimat zurück zukehren.

Und dann noch der hippokratische Eid: Als Andre im Film der krebskranken Frau des Stasi-Offiziers verbotenes Morphium zur Schmerzlinderung spritzt, fragt die Stasi-gedemütigte Barbara: Machen Sie das öfters, Arschlöchern helfen? Und seine Antwort ganz Arzt: 'Ja, wenn sie krank sind!'


All jene, die in diesem Film reflexartig, Abwertung des Sozialismus oder gar der eigenen Lebensbiografie vermuten, sollten zur Kenntnis nehmen, dass die Vorgeschichte zum Film die unterschiedlichsten Facetten hatte.

Angeregt wurde Christian Petzold zum Film durch die Novelle BARBARA von Herman Broch gleichen Namens, der von einer kommunistische (!!) Ärztin kurz vor der Machtergreifung der Nazis berichtet, die sich in einen unpolitischen Kollegen verliebt.

Und: Petzold zeigte seinem Film-Team die Verfilmung von Ernest Hemingways Roman HABEN UND NICHTHABEN, indem umgekehrt auf der französisch verwalteten Insel Martinique die Hauptfigur Harry als Kollaborateur des faschistischen Vichy-Regimes sich in Marie die Widerstandskämpferin verliebt und schliesslich selbst zum Widerständler wird.


Barbara, der Name kommt von den 'Barbaren'. Die Fremde.

Im vorliegenden Film: sehen sich viele Protagonisten gegenseitig als Barbaren: Für parteitreue Kommunisten war der Westen die Barbarei, für in Stasi-Haft entwürdigte, das DDR-Regime barbarisch.

Und sinnstiftend für das Verständnis des Films ist da noch die Sage von der heiligen Barbara von Nikomedien, der ihr eigener Vater den Kopf abhackte. Er war Offizier der kaiserlichen Leibgarde(!) und verlangte von seiner Tochter ihren Gottesglauben und ihre Jungfräulichkeit zu opfern. Was diese verweigerte.


Symbole über Symbole.

Das Ich und die Anderen, das Thema der Gegenwart.

Der Vater der Hauptdarstellerin, Nina Hoss, war auch so einer, der immer wieder die Seiten wechselte und sich doch treu blieb. Über Willi Hoss, seit seinem 16 Lebensjahr KPD-Mitglied, Funktionär, Mitglied des Parteivorstands der KPD, nach 25 Jahren wegen des CSSR-Einmarsches ausgetreten, als Kandidat der gewerkschaftsoppositionellen PLAKAT-Gruppe bei Daimler-Benz 40% der Stimmen auf seine Betriebsrats-Liste sammelnd, kritisiert nicht nur die Produktionsweise, sondern auch die Produkte, des westdeutschen liebstes Wohlstandssymbol, den Mercedes-Stern, Mitbegründer der Grünen, für sie im Bundestag und 2001 wegen der Zustimmung zum Afghanistan-Krieg wieder ausgetreten, ließe sich ein eigenes Kapitel schreiben - auch er also ein Grenzgänger, ein ganz großer der westdeutschen Linken, der seiner Tochter wohl viel mitgab auf dem Weg in die Schauspielerei.

Barbara - Flüchten oder bleiben. Ein Thema, das in dem Jahr hochaktuell ist, da einer, der in der DDR blieb -obschon ihr Gegner, nun Bundespräsident wird.

So viele, die es nicht mehr aushielten, bereicherten den Westteil: Ernst und Carla Bloch, Wolfgang Abendroth, Alfred Kantorowitz, Wolfgang Seiffert, Heinz Brandt, Hans Mayer, Gerhard Zwerenz, Leo Bauer, Heinz Brandt.


So viele die blieben, bereicherten den Ostteil und den Neuanfang der demokratischen Sozialisten, Robert Havemann, Rudolf Bahro, Dietmar Keller, Christa Wolff, Volker Braun und so viele andere.


Nein, nicht die Frage, wo das Individuum seine Heimstatt finden konnte, entscheidet über Glück oder Unglück. Wie und mit wem ich mich entscheide und unter welchen Umständen. Das ist es.


Und so gibt der Film auch für Tausende, die - wie ich - enttäuscht, die LINKE wieder verlassen haben, Hinweise, dass es hüben wie drüben, innerhalb wie außerhalb der gezogenen Linien Chancen für Glück und Selbstverwirklichung gibt.


Danke, Barbara, danke, Andre, Danke Christian Petzold, Hermann Broch und die vielen, die diesem Film den Stempel aufdrückten.

Fazit: Unbedingt ansehen.

20:28 11.03.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

MathisOberhof

Autor des Buches : REFUGEES WELCOME - Geschichte einer gelungenen Integration - So können Sie Flüchtlingen helfen - Ein Mutmachbuch", verh., 3 Söhne,
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MathisOberhof

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