Die Donbas-"Revolutionäre"

Ukraine-Krieg Purgin und Girkin liefern interessante Einblicke über ihre Rollen im ukrainischen Donbas.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Denis Kazanskiy ist einer der meist gesehenen politischen Blogger in der Ukraine. Selbst aus dem aktuell temporär okkupierten Donezk, produziert er fast täglich Videos über Geschichten und Gegebenheiten aus der freien Ukraine, sowie aus dem temporär okkupierten Territorien. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der kriegerischen Aggression von Seiten der Russischen Föderation gegen die Ukraine. Sein erklärtes Ziel ist es, russische Falschnachrichten zu korrigieren und seine Mitbürger über die aktuellen Entwicklungen zu informieren. Mit der Journalistin Marina Vorotynzeva schrieb er das Buch “Wie die Ukraine den Donbas verlor”, ein Buch in ukrainischer Sprache, was die Ereignisse und separatistischen Tendenzen im Donezkbasin (Donbas) seit der Unabhängigkeit des Landes zusammenfasst und wie der ukrainische Staat diesen Entwicklungen hätte stoppen können. Weiterhin ist er seit 2020 Mitglied in der Trilateralen-Kontaktgruppe, die die Ukraine bei Verhandlungen mit Russland und der OSZE in Minsk vertritt.

Doch in diesem Artikel soll es um seine letzten Videos gehen, die leider ausschließlich in russischer Sprache verfügbar sind. Das Besondere an seinen Videos ist, dass er lediglich auf Kommentare eingeht und kommentiert, die von den russischen Hybridkräften selbst stammen. Nach eigenen Angaben müsse er sich also gar nichts mehr dazu “ausdenken”, obwohl ihm das häufig vorgeworfen werde. Ich werde die Hauptaussagen der Videos, die von Purgin, Girkin und Kazanskiy getroffen werden übersetzen und einordnen.

Video 1: Andrej Purgin

In seinem Video vom 16.4.2021 erzählt er die Geschichte von Andrej Purgin, einem Veteran und “Vater” der Donezker Volksrepublik (DNR). Wie Kazanskiy erklärt, habe er in der “DNR” einige hohe Positionen besessen und sei danach russischer Berater geworden. Am Ende seiner Tätigkeit sei er “auf die Straße geworfen worden”. Kürzlich gab er dem Youtube-Kanal “Mironov-Defakto” ein Interview . Das Video illustriere perfekt die Denkweise der “Malorussen” (Kleinrussen). Im Beginn des Interviews fragte der Moderator Purgin, was das Schlimmste am ukrainischen Nazismuses sei, gegen den die “DNRovzy” (Kämpfer der DNR) zu kämpfen hätten und das sei, sagt Kazanskiy, Purgins Antwort (min. 0:50):

Nun, also der ukrainische Nazismus ist ein Abstoßen des ‘Russischen’, sagen wir mal so. Also quasi vor allem eine gewisse Ablehnung des Russischen, die sich darin äußert, dass sie Vyshyvanky” tragen (traditionelle ukrainische bestickte Hemden) und die malorussischen Traditionen aus dem 19. Jahrhundert bewahren.

Wenn man diese These weiterdenkt, heißt das faktisch, Ukrainer seien Nazis, weil sie sich nicht für Russen halten, bestickte Hemden tragen und ukrainische Traditionen bewahren.

Mit derselben Logik geht es weiter (min. 1:57):

Wir verfolgen einen Ethnozid der russischen Bevölkerung in den ehemaligen GUS-Staaten. Das ist schon ein Verbrechen. Der Ethnozid äußert sich, indem Sie in Donezk eine Oma und einen Opa haben, die dreimal russischer als ihre Enkel sind. Das ist ein Ethnozid, denn aus den russischen Großeltern werden plötzlich Ukrainer.

Nach dem Thema Nazismus geht es weiter mit dem Leben in der Donezker “Volksrepublik”. Andrij Purgin berichtet über den Zustand des Donezker Gefängnisses “Isolaziya” (min. 3:43):

Die Leute, die dort sind, verstehen nicht, wo sie sind. Keiner weiß, wo sie sich befinden, sitzen in katastrophalen Zuständen, bekommen jahrelang nicht die Sendungen von ihren Verwandten. Ihre Anwälte und Verwandte lässt man jahrelang nicht zu ihnen.

Das gleiche Schicksal habe auch Roman Manekin getroffen. Kazanskiy erklärt, dass es sich bei Roman Manekin um einen russischen Politologen und Propagandisten handele, der 2014 nach Donezk reiste, um den Aufbau der “DNR” zu unterstützen und das “Referendum” zu organisieren. Danach sei er mit Pushilin [dem von Moskau eingesetzten Präsidenten der “DNR”] in Streit geraten, kritisierte ihn in den sozialen Medien und wurde dafür im “Keller” eingesperrt. Weiter geht es mit der Frage nach unabhängigen Medien in der “DNR” (min. 4:42). Purgin dazu:

Nein, sie sind durch Gesetze verboten. Jedwede freie und unabhängige Publikationen, Veranstaltungen, Tätigkeiten gibt es nicht, fast keine NGOs existieren.

Der russische Moderator hakt nach:

Alles, was Sie jetzt aufgezählt haben, ist so ein kleiner, stolzer Faschismus, was sich da auf dem Territorium der “DNR” abspielt. Und an so eine “Russkiy Mir” (Russische Welt) glaubten Sie im Jahr 2005, als Sie die Bewegung “Donezker Republik” schufen, bereuen Sie das nicht?

Purgin:

Das ist Spekulation.

Moderator:

Ist das etwa kein stolzer kleiner Faschismus?

Purgin (min. 6:16):

Die Sache ist die, dass wir unseren Kindern und Enkelkindern selbst die Chance geben wollten, ihr Schicksal zu entscheiden. Am heutigen Tage haben die Leute jenseits der Kontaktlinie keine Chance.

Die damalige Chance ist heute zum Gegenteil geworden: Die Menschen leben in einer Republik, die ärmer als Russland und die Ukraine ist, von keinem (richtigen) Land der Welt anerkannt wird, wo unabhängige Massenmedien und Organisationen verboten sind, Leute für nichts eingesperrt werden und das Durchschnittsgehalt 12-15.000 Rubel (130 - 160€) oder aber auch weniger, 6-7000 Rubel (65 - 76€) beträgt (min. 6:53).

Nach weiteren Kuriositäten fragt der Moderator schließlich (min. 7:34):

Die Leute, die verantwortlich für Ihren Rücktritt waren, befanden sich hier, in Moskau?

Purgin:

Ja

Damit gibt Purgin letztendlich zu, dass es faktisch keine “unabhängigen Republiken” gibt, sondern lediglich Pseudoorganisationen, die aus und von Moskau gesteuert werden. Folglich werden zentrale Entscheidungen nicht von den Bewohnern des Donbas selbst, sondern von Beratern in der Hauptstadt eines anderen Landes getroffen.

Es handelt es sich bei den Repräsentanten folglich mitnichten um Menschen, denen das Wohl der Donbas-Bevölkerung am Herzen liegt, sondern um Marionetten, die aus Moskau gesteuert werden und somit nur die Interessen der Russischen Föderation vertreten.

Die Russische Föderation - daran erinnert auch Kazanskiy noch einmal - verlangt dennoch von der Ukraine, dass sie direkt mit genau diesen sogenannten “Repräsentanten” verhandle.

Video 2: Igor Girkin

In seinem Video vom 18.04.2021 geht es um Igor Girkin (Strelkov) einem der Hauptaktuere, die die hybride Aggression von Seiten der Russischen Föderation gegen die Ukraine organisierte und anführte.

In einem bemerkenswerten Interview vor einigen Tagen erzählte Girkin viel über die Ereignisse im Jahr 2014 im Donbas, insbesondere davon, dass er nach seinem “Besuch” von Slov’yansk hatte anonym bleiben, seine Identität verbergen und hinter dem Rücken der Lokalbevölkerung agieren wollte.

Es sollte der Anschein geweckt werden, es seien lokale Bewohner des Donbas gewesen, die den Aufstand gegen die Ukraine ausgelöst hätten und nicht irgendein russischer Saboteur, der kam, um zu kämpfen.

Doch mit der Zeit hatte sich Girkin damit abfinden müssen, dass sein Plan nicht aufgehen würde und er sein Gesicht zeigen müsste, da sich im Donbas keine “lokalen Führer” finden ließen, die geeignet gewesen wären, Widerstand gegen die Ukraine zu organisieren.
Girkin (min. 1:09):

Das Gesicht der Öffentlichkeit auszusetzen war völlig unnötig und auch nicht wünschenswert, weil von der Idee her die Führer Locals sein sollten, so wie Aksjonov auf der Krym, der dort als Motor des Prozesses galt. Man musste ihm eigentlich nur helfen, was wir auch gemacht haben. Solche Leute gab es aber im Donbas nicht.

Wenn man die Videos von Kazanskiy auf regulärer Basis verfolgt, weiß man, dass das nur einer der Beweise dafür ist, dass die Lokalbevölkerung im Donbas keinen Krieg gegen die Ukraine wollte. “Sie waren nicht bereit für so einen Krieg und lokale Eliten, die den Krieg hätten eintüten können, ließen sich nicht finden.”, ergänzt Kazanskiy.

Im weiteren Verlauf des Videos gibt es noch mehr Geständnisse von Girkin (min. 1:57):

Nach mir gab es keine eigenständige Miliz mehr. Seit der zweiten Augusthälfte, wie einige Herren zum Beispiel Chodakovskiy anfingen zu erzählen, wie tapfer sie gekämpft hatten, vergessen sie allerdings komplett, dass sich die Situation grundsätzlich verändert hätte.
Und als es notwendig war, dass sie kämpften, kämpften sie nicht, überhaupt nicht, zumindest Chodakovskiy tat es nicht.

Tatsächlich musste Girkin, russischer Staatsbürger, bis August 2014 selber kämpfen (der zunehmende Einsatz regulärer, ohne Hoheitsabzeichen operierender russischer Einheiten machte das fortan unnötig). Zu einer Offensive wie bei der Kesselschlacht von Illovaisk, die für die ukrainische Armee zu einer der verlustreichsten gilt, wären die Separatisten ohne die reguläre russische Armee nicht in der Lage gewesen.

Girkins Plan war gewesen, dass Leute wie Chodakovskiy nach außen in Erscheinung träten, um die Illusion vom “Bürgerkrieg in der Ukraine” aufrechterhalten zu können.

Eine weitere interessante Enthüllung ist, dass Donetsk und Luhansk eigentlich nicht die erste Wahl für die Inszenierung eines Aufstands waren:

Odesa schien mir übrigens eine fantastische Basis zu sein, der einzige Haken an Odesa war, dass es keine nähere Verbindung zur Russischen Föderation gibt. Ich möchte sagen, dass Donezk und Luhansk an erster Stelle standen, weil sie am nächsten zur Russischen Föderation liegen und man so Hilfe aus Russland erwarten konnte. [...]. Je weiter entfernt von der Grenze der Russischen Föderation, desto schwieriger.

Weiter geht es (min. 4:54) mit einem tschechischen ehemaligen Nazi, der nach Slov’yansk fuhr, um mit Russland gegen die Ukraine zu kämpfen:

Aus Tschechien nach Slov’yansk kamen zwei, außerdem war einer von ihnen ein ehemaliger Nazi. Jedenfalls war er dem sehr nah, denn er hatte eine Hakenkreuz-Tätowierung. Er kam dennoch genau zu uns wollte außerdem für uns kämpfen, obwohl er überhaupt nicht bereit dafür war

Neben ein paar anderen Merkwürdigkeiten kommt es zu einem gemeinsamen Vodkaabenden mit Moskauer Beratern (min. 5:32):

Bolotov kam unter den Einfluss des Beraters aus Moskau, der mit ihm praktisch pausenlos Vodka soff, aber nicht jeden Tag, denn das war verboten

Dann war da natürlich noch der Mord an dem Kommandaten der “Luhansker Volksrepublik”, Aleksey Mozgovoy, der vom Helfer und Berater des Russischen Präsidenten, Vladislav Surkow in Auftrag gegeben worden war (min. 5:50)

Für diesen Mord muss man in erster Linie vor allem zwei Menschen befragen: Plotnizki und Surkow.

Girkin erzählte am Ende noch über das Verhältnis von “Malorussen” (Kleinrussen) zur ukrainischen Armee (min. 6:43):

Drei Viertel der ukrainischen Streitkräfte bestehen aus ehemaligen, malorusssischen Milizen und ohne die Malorussen hätte die Ukraine nicht kämpfen können. Überhaupt nicht.

Girkin spielt hier auf tausende ukrainische Freiwillige an, die am Beginn des Krieges vor allem aus dem Donbas selbst und aus den angrenzenden Regionen Kharkiv, Dnipropetrovsk und Zaporizhia kamen.

Die Interviewausschnitte aus den beiden Videos machen eines deutlich: es ist überhaupt nicht notwendig, sich irgendwas auszudenken oder zu beweisen. Die beteiligten russischen Staatsbürger erklären völlig offen, dass der Krieg in der Ukraine kein Bürgerkrieg ist und sie ihn selbst begonnen haben.



21:00 20.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 27