Alles auf Zucchero

Cover Der Mann, der den Italienern den Blues gebracht hat, singt jetzt ausgerechnet Songs von Genesis und Coldplay

Als Senza una donna 1987 ein Welthit wurde, katapultierte Zucchero das italienische Lied aus seiner Provinzialität. Alle rissen sich um den bärtigen beleibten Typen aus der Emilia, alle wollten mit ihm arbeiten: Miles Davis, Eric Clapton, Queen, John Lee Hooker. Zucchero traf sie alle. 1990 trat er als erster Rockmusiker vor dem Kreml auf, 1994 war er in Woodstock. Er war im Ausland fast populärer als daheim. Der italienische Joe Cocker.

Ich entdeckte Zucchero (ursprünglich Adelmo Fornaciari, sein Grundschullehrer gab ihm den Spitznamen) erst jetzt – und seine Version von Follow You, Follow Me. Des Genesis-Songs, der vielen in den 80ern eher peinlich war, zu soft, selbstmitleidig und von Phil Collins. „Dreh lauter“, ruft eine Kollegin neulich aus dem Nebenbüro. „Stay with me, my love, I hope, you’ll always be ...“ Zucchero singt es runtergefahren, melancholisch, geerdet. Es ist das schlichteste Genesis-Lied, womöglich auch das schönste. Zucchero setzt hier nicht mit einem opulenten Keyboard à la Tony Banks ein, ihm genügt ein simpler Gitarrenriff.

San Remo, Salvini, Gospel

Die meiste Zeit seit dem Lockdown 2020 hat der Blues-Barde auf seinem Anwesen in der Toskana verbracht. Er ist ja auch Bauer, gräbt in der Erde, kultiviert Wein. Er kramte alte Platten raus und fertigte eine Liste mit 500 Songs an, die er gerne covern würde. Ein Bruchteil ist übrig geblieben, der jetzt auf Discover erschienen ist. Songs, denen er etwas „Eigenes“ geben konnte, und solche, die er selbst gern geschrieben hätte. Wie Wicked Game von Chris Isaak. The Scientist von Coldplay. Zucchero kann sich auf seine Stimme verlassen, um aus dem Opus ein einfaches Lied zu machen. Das tieftraurige No Time for Love Like Now von Michael Stipe & Big Red Machine wird beiihm zu einer Klage über die rennende Zeit, die nicht vergeht. Das nicht warten können, und doch nichts anderes zu tun, als warten. „Io ti aspetto, lo sai ...“ Ein Michael-Stipe-Song „in italiano“? Dem düsteren Lockdown-Stück haftet etwas Aussichtsloses an, aber in der melodiöseren Zucchero-Version schwingt auch Unbeschwertheit mit, ein bisschen Zuversicht. L’allegria italiana.

Zucchero stammt aus der alternativen Musikzene der 70er/80er Jahre, er gründete R’n’B-Bands, lebte in San Francisco. Beim Musikfestival San Remo, das von seiner nostalgischen Aura profitiert und jährlich das klassische italienische Lied feiert, kam er 1982 auf den vorletzten Platz. Wie sehr auch er von Liedermachern alter Schule geprägt ist, kann man an der Auswahl der Stücke auf dem neuen Album sehen. Von Fabrizio de André, dem Gott der Canzoni (seine Lieder kennt in Italien jeder), hat er sich Ho visto Nina volare ausgesucht. Die Einsamkeit des Sängers steht im Kontrast zur Autorität, die durch den Vater repräsentiert wird. „Kaue und spucke ...“ – ein Aufruf zur Rebellion. Auch diesem Lied hat Zucchero jene zwei Seelen geschenkt, die er in sich trägt: den Blues und das Canzone.

2019 hat in San Remo überraschend Mahmood gewonnen, ein Mailänder mit ägyptischen Wurzeln. Millionen sahen zu. Matteo Salvini von der rechtsnationalen Lega tweetete entsetzt: „Mahmood, na ja. Das schönste italienische Lied?“

Zucchero postete vor Kurzem auf Instagram: „Als ich Mahmood das erste Mal singen hörte, war ich tief beeindruckt von seiner Soulstimme.“ Zusammen singen sie Natural Blues von Moby, machen aus einem Elektrosong einen tragenden Gospel. Oh Lord.

Discover Zucchero Universal 2021

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

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