Alles piano, piano

Müll Ökologie ist vielen Italienern fremd. Trotzdem plant das Land jetzt die Grüne Revolution

Gewohnheiten, „abitudini“, lassen sich schwer ändern.Meine Schwiegereltern packten ihre Mülltüten (Plastik, Bio) jahrelang am Freitag ins Auto und nahmen sie mit in das kleine toskanische Dorf, wo sie das Wochenende verbringen. Da warfen sie den Biomüll auf den Komposthaufen ihres Sohnes, den Rest in die einzige Tonne des Ortes. Besser, als die Tüten voll stinkender Abfälle in der Wohnung vergammeln zu lassen und einmal die Woche vor der Haustür zu postieren, wenn die Müllabfuhr vorbeikommt. „Porta a porta“ nennt sich das Entsorgungssystem. An einem bestimmten Tag wird Plastik abgeholt, an einem anderen Papier.

Vor einem Jahr brach in der Hafenstadt Livorno eine kleine Revolution aus, seither stehen zwei kleine Tonnen vor den Wohnhäusern, eine für organische Abfälle, eine für Glas. Jede Familie erhält eine Chipkarte, mit der sich die Tonne öffnen lässt. Die Leute stellen ihre Müllsäcke weiter auf den Boden, oder sie werfen Papier in die Glastonne, so als gäbe es die neue Regelung nicht. Inzwischen werden die Tonnen von einem „guardiano“ in roter Uniform überwacht, er steht da neben den Tonnen, läuft hin und her, wenn es regnet mit Regenschirm in der Hand.

Das Privileg einer Tonne haben allerdings nur die Menschen, die im Zentrum wohnen, in der Peripherie stinken die Säcke weiter vor der Haustür vor sich hin, im Sommer infernalisch, mit faulenden Fischresten darin. Familien beschweren sich über dieses antike System. Es gebe zwischen Pisa und Livorno regelrecht „turismo spazzatura“, Mülltourismus. Wer sich für besonders schlau hält, fährt mit dem Auto los und schmeißt seine Säcke irgendwohin oder bringt sie gleich in andere Dörfer, wo „raccolta differenziata“ noch nicht eingeführt ist. Mittlerweile wurden dort Kameras installiert, die Autokennzeichen aufzeichnen. Wer erwischt wird, muss zahlen.

„Scusa?“, sagt mein Kollege, als ich ihn frage, was da los sei in Italien. „Wir haben schon seit Jahrzehnten Mülltrennung.“ Er klingt trotzig. Man muss sagen, der Kollege stammt aus Südtirol, da vermischen sich deutsche und italienische Kultur, bestimmt auch in Öko-Dingen. Wie in so vielen anderen Belangen ist Italien gespalten, eine feine Linie trennt den Norden vom Süden des Landes, auch beim Umgang mit Müll.

Plastik? Ab ins Meer

Die neue italienische Regierung aus Partito Democratico und Fünf-Sterne-Bewegung will nun ganz schnell aufholen, was lange versäumt wurde, sie hat sich verpflichtet, die Klimakrise ernst zu nehmen. Von einer „Grünen Revolution“ träumen manche. Ein sogenannter Green Deal mit einem Volumen von 55 Milliarden Euro soll das Land in den nächsten 15 Jahren zum Musterbeispiel Europas werden lassen. Prämien für diejenigen, die die öffentlichen Verkehrsmittel anstatt des Autos nutzen, gehören zu den Ideen. Außerdem sollen Ladenbesitzer, die Lebensmittel und Flüssigkeiten verpackungsfrei verkaufen, finanziell unterstützt werden. Einfach alle wirtschaftlichen Projekte sollen grün sein.

Die kontroverseste Maßnahme ist die sogenannte Plastiksteuer. Schon die Ankündigung, es solle eine Steuer von 0,5 Prozent auf jede Tonne Plastik eingeführt werden, worauf die Fünf-Sterne-Bewegung drängt, hat massive Proteste ausgelöst, von links bis extrem rechts. In der Emilia-Romagna, der Region mit dem größten Verpackungssektor des Landes, macht man sich Sorgen um die wirtschaftlichen Auswirkungen, und Ende Januar finden Regionalwahlen statt. Matteo Renzi, der ehemalige Regierungschef und Parteivorsitzender vom Partito Democratico, stellte sich auf die Seite der Plastikproduzenten.

Doch die Gründe für eine solche Steuer alarmieren: In Italien werden jeden Tag 32 Millionen Plastikflaschen benutzt – europaweiter Rekord. Mehr als 500.000 Tonnen Müll landen jedes Jahr im Mittelmeer. Nur ein kleiner Teil der Plastikflaschen wird wiederverwertet.

Italien ist ein Land der Kommunen, und da denkt jede Kommune erst mal an sich. Nur wie soll eine Regierung, die ohnhin ständig im Clinch liegt, das allgemeine Bewusstsein der „cittadini“, ihrer Bürger, ändern, mit all den verschiedenen Mentalitäten?

„Rom ist in den vergangenen 20 Jahren Neapel viel ähnlicher geworden als zum Beispiel Milano“, sagt ein Bekannter, der in der Ewigen Stadt, Italiens Hauptstadt, lebt. Man sehe in Mailand kaum Müll auf den Straßen, die City will immer grüner werden. Mit dem Projekt „ForestaMi“ etwa, 20.000 Bäume sollen in den kommenden Monaten gepflanzt werden. Aber: „Milano ist keine italienische Stadt“, behauptet der Römer. Anfang vergangenen Jahres mussten in Rom mehrere Schulen geschlossen werden, weil die Umgebung von Gift und Ratten verseucht war, der Unrat wurde nicht entsorgt. Mülltonnen quellen über, meterhohe Berge von Abfall stapeln sich um sie herum, Bürgersteige sind blockiert – für Römer ist das Alltag.

Neapel, auch geografisch nicht weit weg, gerät oft durch Brände auf illegalen Mülldeponien in die Schlagzeilen, gelegt von der Camorra oder frustrierten Anwohnern. In Süditalien mangelt es dramatisch an Müllverbrennungsanlagen, die wenigen Öfen können den Abfall nicht bewältigen. Mehr Anlagen soll es aber nicht geben, zu umweltschädlich, erklären die Fünf Sterne. Man exportiert den Dreck lieber in den Norden, zum Beispiel nach Veneto, aber die schicken ihn zurück. Keiner will den Abfall aus dem Süden. Nur die Möwen kreisen wie Raubvögel über dem Müll von Rom, sie fressen alles.

Wenn Politiker nicht stärker für Umweltschutz sensibilisieren können – an wem sollen die Italiener sich ein Beispiel nehmen? Es gab in Italien nie eine etablierte grüne Partei, sogar die Fünf Sterne, die so gerne Avantgarde in Sachen Umwelt sein wollen, scheitern – wie alle anderen Parteien zuvor – an Müll, Mafia, Business, Korruption.

Gerade erlebt das Land einen Sinneswandel, die Jungen in Italien interessieren sich für Klima und Umwelt, die Initiative Fridays for Future mobilisiert Hunderttausende Schüler, mehr noch als anderswo in Europa. Lorenzo Fioramonti, Minister für Unterricht, Universitäten und Forschung, ermutigt sie offen dazu, die Schule zu schwänzen. Er führt auch ein neues Schulfach ein – „Klimawandel und nachhaltige Entwicklung“ soll ab dem kommenden Sommer unterrichtet werden (Bitte nicht schwänzen!). Es gehört zur „educazione civica“, der Gemeinschaftskunde. Nur was nützt aller individuelle Gemeinsinn, wenn seit Jahren sämtliche Institutionen versagen? Wenn es keine nationale Lösung gibt? Jede Stadt, jede Kommune handelt auf ihre Weise. Italiener sind mehr oder weniger stark engagiert, so wie wir alle. Es fehlt ein funktionierendes System. Auf Plastikflaschen gibt es kein Pfand, die „bottiglie di plastica“ bevölkern die Strände, am Tyrrhenischen Meer oder auf Sizilien, man muss nur mal die Uferpromenade von Catania entlangspazieren.

In toskanischen Kommunen kann man im Sommer sehen, wie Leute mit dem Auto Kästen voller leerer Plastikflaschen zu der nächsten Fontäne karren und die Flaschen wieder auffüllen. Schöne Gewohnheit.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 06.01.2020
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Maxi Leinkauf

Ausgabe 44/2020

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