Lektion im viralen Selbst-Marketing

Netzgeschichten Eine amerikanische Studentin mailt eine "Sex-List" - getarnt als Doktorarbeit- an drei Freunde und dann kann sie jeder im Netz lesen. Zufall oder kalkulierte Aktion?

Sie war angeblich nur für das private Amüsement gedacht. Nun wird eine 42-seitige Power-Point-Präsentation der amerikanischen Studentin Karen Owen weltweit im Internet kommentiert. „Ausbildung über den Unterrichtsraum hinaus: Hervorragende Leistungen auf dem Fachgebiet der horizontalen Wissenschaften“, lautet der Titel des großspurig als Doktorarbeit angekündigten Dokuments. Im Netz kursiert es nur noch als „Sex List“.

Owen hat darin 13 Männer, mit denen sie Sex hatte, von eins bis zehn bewertet, ohne dass diese etwas davon wussten. Es gab Punkte für Attraktivität, Krea­tivität oder Körperbau. Wer einen australischen Akzent bieten konnte oder professioneller Surfer war, bekam einen Bonus. Das Dokument sollte – behauptet die Autorin – eigentlich nur drei Freunden zugänglich sein, die es von Owen als Mail bekamen. Getreu den Gesetzen der viralen Verbreitung haben die Empfänger es aber weiteren Freunden geschickt. Schnell landete es auf Klatschwebseiten wiejezebel.com und Nachrichtenportalen wie abcnews.go.com. Dabei blieb die Anonymität der Protagonisten nicht lange gewahrt.

Sie müsste gehörig weltfremd sein

Besorgte Datenschützer und Sicherheitsspezialisten ließen mit ihren Wortmeldungen nicht lang auf sich warten. Thomas Grimes, ein amerikanischer Online-Experte, verglich anhand dieses Falls das Senden einer E-Mail mit sensiblen Informationen sogar mit Mord. Eine Mail sei wie eine Kugel, die aus einem Gewehr abgefeuert werde und nie zurückkehre. „Nur unter Freunden“ gebe es im Netz nicht: Was online gehe, teile man potenziell mit der gesamten Welt – egal wie viele ­Namen man in der Empfängerzeile der Mail einträgt.

Doch man muss der 22-jährigen ­Karen Owen schon ein gehöriges Maß an Weltfremdheit zuschreiben, wenn man ihr unterstellt, sie sei sich nicht der Möglichkeit bewusst gewesen, dass ihre Mail weitergeleitet werden könnte. ­Naheliegender ist die Vermutung, dass das Weiterverbreiten als Form des viralen Selbst-Marketings bewusst einkalkuliert wurde. Wer schreibt schon 42 Seiten mit aufwändigen Grafiken – nur für drei digitale Freunde?

Offline hätte es länger gedauert

Offiziell hat Owen sich reumütig gezeigt und sich bei ihren Test-Liebhabern entschuldigt. Ihr Nachtleben kann sie trotzdem bald noch weiter verbreiten: Ein Verlag hat ihr einen Buchvertrag angeboten, in einem Magazin soll sie eigene Sex-Kolumnen verfassen. Was wäre, wenn sie ihre Bettgeschichten offline nur ein paar Freundinnen anvertraut hätte? Der Weg zur globalen Aufmerksamkeit wäre wohl ungleich länger gewesen.

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11:00 30.10.2010
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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Ausgabe 25/2021

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