Ohne Licht

Wohnungsnot Noch suchen viele Erstsemester eine Bleibe. Vier Erfahrungsberichte von der Wohnungsodyssee
Ohne Licht

Illustration: der Freitag

In der Straßenbahn unterhalten sich zwei Erstsemester: Und, hast du was gefunden? Ja, ist halb illegal, ohne Licht, aber Altbau. Und du? Zimmer im Dachgeschoss, bei einer Casterin, unter anderem für den Film Victoria, in meinem Zimmer hat vorher der amtierende IG-Metall-Chef gewohnt, wenn er in Berlin war. Ausgerechnet in der Hauptstadt ist die durchschnittliche Nettokaltmiete in den vergangenen Jahren rasant gestiegen – um 70 Prozent. Das kam bei einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) heraus. Durchschnittlich 410 Euro zahlt ein Student monatlich. Das geht noch, im bundesweiten Vergleich. In München sind es im Schnitt 615 Euro für eine Studentenbude. An zweiter Stelle steht Stuttgart. Dort muss man deutlich mehr als zehn Euro je Quadratmeter bei einem neuen Mietvertrag in Kauf nehmen. Es zieht sie trotzdem alle her, in die Metropolen. Aufgrund der Notsituation bieten Anbieter häufiger WG-Zimmer oder Studentenwohnungen zu völlig überteuerten Preisen an (siehe nebenstehende Protokolle). Laut IW könne die aktuelle Situation „nur durch mehr Neubauwohnungen und zusätzliche Studentenwohnheime entspannt werden“. Dafür muss mehr Bauland freigegeben werden. In Berlin fehlen im Moment etwa 45.000 Wohnungen. Und man hört das jetzt häufiger: Ich bleibe erst mal zu Hause bei meinen Eltern. Wir haben, aus Anlass des Semesterstarts, vier Studenten gebeten – drei davon sind zugezogen –, von ihrer Wohnungsodyssee zu berichten.

Das Wohnheim

Milan Fasold, 20, aus Bremen, studiert Kulturwissenschaft an der HU Berlin

Losverfahren Ich hatte meinen Platz an der Uni und fing sofort an zu suchen, ich wusste, dass es sehr schwer wird. Ich schrieb hunderte Mails in den gängigen Internetportalen, und hab mit Glück mal eine Antwort bekommen, meist nicht mal persönlich. Bei öffentlichen Besichtigungen standen manchmal 30 Leute vor der Tür und wurden nicht mehr reingelassen. Das war frustrierend. Teilweise bekam ich Fake-Bestätigungen per Mail oder Whatsapp, ich sollte Geld überweisen für Online-Betrüger. Alle sagten: Unter 400 Euro bekommt man nichts in Berlin. Ich hätte auch 450 Euro bezahlt, meine Eltern sind Akademiker und finanzieren das. Ich kam über Ebay Kleinanzeigen mit einem seltsamen Typen in Kontakt, der mir ein Zimmer in seiner Plattenbauwohnung vermieten wollte. Er dürfe nicht mehr arbeiten, hätte seit Jahren Paranoia. Für zehn Quadratmeter wollte er 350 Euro. Ich hätte es sofort genommen, Notlösung. Einen Tag später erklärte er mir, es geht doch nicht. Ich kam dann überraschend ins Losverfahren des Studierendenwerks für einen Wohnheimplatz. Dort waren in einer WG fünf Plätze frei und 50 Leute haben sich beworben: 15 Quadratmeter für 195 Euro. Wir sollten eine Mail an die Verwaltung schicken und wurden dann von den WGs angeschrieben, wenn die uns interessant fanden. Ich war dabei! Dabei wartet man im Durchschnitt zwischen einem und fünf Semestern auf ein Zimmer im Wohnheim. Ich habe jetzt ein festes, unbefristetes Zimmer, in meiner Traumgegend, am Kottbusser Tor. Wir haben eine große Dachterrasse, Sauna, sogar einen Innenhof mit Fahrradabstellraum. Das ist der absolute Jackpot!

Die Matratze

Henning Fischer, 19, aus Osnabrück, studiert Jura an der HU Berlin

Eigentum Ich dachte, ich käme aus einer sehr wohlhabenden Familie, bis wir eine Immobilie in Berlin kaufen wollten. Ich gehöre eher zu den Privilegierten. Meine Eltern verdienen zu viel Geld, als dass ich für Bafög in Frage käme. Für meine Miete und mein Essen müssten sie mir monatlich 800 Euro überweisen. Das wären in drei Jahren fast 30.000 Euro. So haben sie sich entschieden, falls ich in Berlin studiere, würden sie eine Eigentumswohnung kaufen. Dafür hätten sie einen Kredit mit zehn Jahren Laufzeit aufgenommen. Ich habe keine hohen Ansprüche, eine kleine Einzimmerwohnung sollte doch leicht zu finden sein. Schnell fand ich heraus, dass diese Erwartungen naiv waren. Die meisten Wohnungen, die ich besucht habe, waren in baufälligen Gebäuden und mit sehr schlechter Anbindung zur Uni. Wir schlugen sofort zu, als eine Wohnung mit 35 Quadratmetern und guter Verkehrslage auftauchte. Wir wollten einen Bausachverständigen engagieren, um das Gebäude vor der Investition prüfen zu lassen. Uns war aber auch klar, dass wir sofort einen Vertrag eingehen müssten, sofern der Schimmel nicht schon im Flur stinkt. Die einzige andere Wohnung, die in Frage gekommen wäre, wurde noch vor unserem Besichtigungstermin an einen italienischen Investor verkauft. Wir versuchten, so schnell es ging, den Vertrag abzuwickeln, noch bevor mein Studium beginnen würde. Dann bekam meine Mutter keinen Kredit, trotz mehr als 3.000 Euro Netto-Einkommen und unserem Familienhaus als Sicherheit. Ich zog nach Berlin und kam zunächst bei Freunden unter. Ich lebte in einer Wohnung ohne Strom, oder mit drei Leuten in einem Zimmer. Und ziehe erst mal weiter von Haus zu Haus.

Der Altbau

Nathalie Lieckfeld, 19, aus München, studiert Mathematik an der FU Berlin

Persönlich In München hätte ich wohl daheim bleiben und mir mit meiner jüngeren Schwester ein Zimmer teilen müssen. Mein Freund und ich haben überlegt: Wie können wir in Berlin eine Wohnung finden? Sein Vater ist selber Vermieter und hat uns gewarnt: Anfragen, die unpersönlich und kurz sind, fallen raus. Vermieter möchten Leute, die sich Mühe geben. Also haben wir einen Brief geschrieben, wer wir sind, wer für uns bürgt, wir erzählten von uns selbst: „Wir reisten zusammen durch große Teile Südostasiens. Ich selber bin leidenschaftliche Tänzerin und tanze vor allem Ballet und Modern. Das möchte ich in Berlin fortsetzen.“ Diesen Text haben wir an ungefähr 20 Anbieter geschickt. Meist kamen Antworten. Bei der ersten Besichtigung hatten wir alle Dokumente dabei: Schufa, Bürgschaft, Erklärung zur Mietschuldenfreiheit. Wir wurden nach unserer finanziellen Lage gefragt: Ich bin bei einer Zeitarbeitsfirma, mache mehrere Minijobs, sitze an der Kasse, verteile Flyer. Ein Vermieter sagte: Der Nachteil ist, dass ihr Studenten seid und nur 400 Euro verdient. Bei der letzten Besichtigung haben wir wieder alle Unterlagen vollständig überreicht. Zusammen mit dem Brief war das wohl ausschlaggebend. Ist das streberhaft?

Der Bungalow

Oscar Jimenes Anders, 26, aus Berlin, ist Lehramtsstudent im Wartesemester

Randgebiet Ende Mai habe ich die Annonce bei einem Spätkauf aufgehängt, darauf hat keiner reagiert. Ich bin auf der Suche nach einer Einzimmerwohnung innerhalb des Rings, was utopisch ist. Ich hatte ja schon ein Zimmer gefunden, zentral, 25 Quadratmeter für 330 Euro. Zwei Tage vor Einzug wurde mir auf Eigenbedarf gekündigt. Ich wurde obdachlos. Ich bin dann zu meiner Mutter nach Strausberg gezogen. Nach Brandenburg! Sie hat sich dort ein Haus mit Grundstück gemietet, der Bungalow ist eigentlich ihr Arbeitszimmer. Ich hatte etwa 600 Bewerbungen an wg-gesucht.de geschickt, 20 Antworten bekommen. Einmal stand ich in einem Zimmer, zehn Quadratmeter für 660 Euro! Dafür liebe ich meine Stadt zu sehr, als dass ich solche Preise bezahle. Da ist es ja billiger, in einem Hostel zu wohnen. Ein anderer hat das Zimmer sofort genommen. Ich bekam ein Angebot, 15 Quadratmeter, für 330 Euro. Nicht billig, aber direkt am S-Bahnhof Neukölln. Links neben mir ein Penny, vor der Tür ein Späti, viele Dönerläden. Doch die Hausverwaltung verlangte 20 Prozent „Untermietzuschlag“ auf meine Miete (das darf sie). Die sprang auf 390 Euro. Dann lieber Strausberg.

06:00 15.11.2017
Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Alltag
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